Ebnath
19.10.2018 - 12:41 Uhr

Out of Rosenheim entschleunigen

Dass Leute, wenn sie in Rente gehen, ihre Siebensachen packen und nach Oberbayern umsiedeln, ist nichts Ungewöhnliches. Inge und Bert Flor machen es umgekehrt. Sie kehren Rosenheim den Rücken und eröffnen in Ebnath ihr "Kunstwerk".

Eine strahlende Inge Flor, die sich über das neue Atelier freut. Bild: tr
Eine strahlende Inge Flor, die sich über das neue Atelier freut.

(tr) Die beiden Mittsechziger sagen: "Wir suchten einen Ort zum Entschleunigen und fanden das liebens- und lebenswerte Ebnath." Bert ist in der Weise kreativ, dass er das komplette Haus der ehemaligen Sparkasse nach den Wünschen des Ehepaars selbst umgebaut hat.

Künstlerpuppen

Der gelernte Starkstromelektriker und Schreiner richtet gerade im Stadel, der zum Anwesen gehört, seine eigene Schreinerwerkstatt ein. Inge Flor ist Kunsthandwerkerin im Wortsinn und beeindruckt mit Tonskulpturen. Das war nicht immer so. Bekannt geworden ist sie vor allem in den 1990er Jahren mit ihren Künstlerpuppen aus Porzellan. Damit war sie eine wirklich große Nummer - nicht nur im Inland.

Ausstellungen in den USA

Damals stellte sie unter anderem in New York, San Francisco, Dallas und Tokio aus und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. "Alle machten zu der Zeit liebliche Puppen - ich nicht. Ich hatte die ersten mit offenem Mund, wo auch Zähne zu sehen waren. Alle sagten, die spinnt. Mich hat eben nie das Normale gereizt, sondern immer nur das Verrückte, das Außergewöhnliche."

Zwischen 30 und 100 Zentimeter hoch waren die Puppen. Flor betrieb eine kleine Manufaktur mit elf Mitarbeiterinnen, bis Anfang der 2000er Jahre der Boom zu Ende ging. Die gebürtige Ulmerin, die als technische Zeichnerin und später als Bauzeichnerin arbeitete, wäre eigentlich lieber Kunst- oder Goldschmiedin geworden. Die Eltern drängten sie aber in einen "richtigen" Beruf, von dem man auch leben könne.

2004 kam sie das erste Mal mit dem Werkstoff Ton in Berührung und war sofort begeistert vom Keramiken. In Aschau besuchte sie ein entsprechendes Seminar. "Die machten da alle reine Torsos. Ich konnte Köpfe aus meiner Arbeit mit Porzellan und setzte die natürlich drauf." Inge Flor war begeistert, fertigte Charakterköpfe, Faune und Teufelsgesichter, zum Beispiel als Wasserspeier. Ihre Keramiken sind auch deshalb eine Besonderheit, weil sie bei 1240 Grad gebrannt werden. Dadurch wird der Ton frostsicher, können die Skulpturen problemlos im Freien aufgestellt werden. "Wir haben welche seit fast 15 Jahren im Garten stehen, sommers wie winters, und es ist noch nie etwas passiert." Auch der neue Garten in Ebnath trägt diesbezüglich schon jetzt ihre Handschrift.

Ausschließlich Unikate

Alle Werke sind Unikate und werden teils mit Holz-, Eisen- und Steinelementen kombiniert. Die, die auf ihrer Internetseite abgebildet sind, sind alle verkauft. Dafür, dass die Werke den perfekten Sockel für den sicheren Stand bekommen, zeichnet meist Ehemann Bert verantwortlich. "Wir sitzen manchmal beim Abendessen zusammen und spinnen die tollsten Dinge zusammen", verrät die Künstlerin, wo sie ihre Ideen her bekommt.

Inspiriert wird sie oft in der Natur und von Menschen, denen sie begegnet. "Wir sind absolute Naturburschen - auch ein Grund, warum wir hierhergekommen sind. In Oberbayern hast du zwar das Alpenpanorama vor dir, je nach Jahreszeit mal mit, mal ohne Schnee, aber hier zeigt sich die Landschaft viel abwechslungsreicher und sogar Regenwetter hat seinen Reiz." Meist entstehe bei der Arbeit eine ganz andere Figur, als sie sie im Kopf hatte, gesteht Flor. Ihre Keramiken veräußert sie auf Messen und Gartenausstellungen in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz.

An Mode interessiert

Zum Beispiel auf der Burg Trausnitz bei Landshut, Schloss Tüssling im Landkreis Altötting, auf Schloss Maxlrain bei Rosenheim, Schloss Köfering bei Regensburg, der Festung Rosenberg in Kronach, auf Schloss Halbturn im Burgenland oder Schloss Hartberg in der Ost-Steiermark. 2006 hat sie "Waldgötter und Faune" im Knoxoleum in Burghausen präsentiert. 2010 waren ihre Arbeiten im Künstlerdorf Kienberg am Chiemsee zu sehen, von 2011 bis 2015 hatte sie eine Dauerausstellung in der "Alten Schmiede" in Gstadt am Chiemsee.

Auch für Mode hat sich Inge Flor immer interessiert, wollte auch in diesem Metier kreativ sein. Sie schaute sich Sachen in Schaufenstern an und hat sie dann zu Hause nachgenäht, was letztendlich nicht nur ihr selbst, sondern auch ihren Porzellanpuppen zugute kam. Die Arbeit mit Porzellan macht sich heute auch beim Ton bezahlt, wo es Inge Flor gelungen ist möglichst feine Ausarbeitungen, vor allem in den Gesichtern, zu realisieren. Inge Flor freut sich, dass sie endlich genügend Platz hat für eine eigene Ausstellung mit Atelier und Brennofenraum. "Zum Wohnen, Arbeiten und Ausstellen, dafür ist dieses Haus perfekt. Zwei Jahre lang haben wir es immer wieder unschlüssig im Internet angeschaut. Als wir es dann doch vor Ort besichtigten, wussten wir, es hat auf uns gewartet. Wir fühlen uns heute so, als wären wir endlich heimgekommen", sagt das Ehepaar. Toll ist auch die herzliche Aufnahme der Einheimischen. "Hier grüßen sogar die Kinder. Ein Nachbar brachte uns frische Steinpilze vorbei, ein anderer fragte, ob wir ein selbst Geräuchertes wollten."

Offiziell eröffnet wird das "Kunstwerk Inge Flor" am Sonntag, 21. Oktober, um 10 Uhr mit einem Tag der offenen Tür. Danach sind Atelier und Ausstellung montags bis samstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Inge Flor lässt sich bei der Arbeit gerne über die Schulter schauen. www.kunstwerk-flor.de

Korsage am Kleiderständer. Bild: tr
Korsage am Kleiderständer.
Figuren mit oder ohne Gesicht im Ausstellungsraum im neuen Domizil von Inge Flor. Bild: tr
Figuren mit oder ohne Gesicht im Ausstellungsraum im neuen Domizil von Inge Flor.
Inge Flor mit Engel. Bild: tr
Inge Flor mit Engel.
Feine Gesichter sind das Markenzeichen der Künstlerin. Von links eine Asiatin, ein Indianer und ein Afrikaner. Bild: tr
Feine Gesichter sind das Markenzeichen der Künstlerin. Von links eine Asiatin, ein Indianer und ein Afrikaner.
Inge und Bert Flor vor dem „Kunstwerk“, das am 21. Oktober eröffnet wird. Bild: tr
Inge und Bert Flor vor dem „Kunstwerk“, das am 21. Oktober eröffnet wird.
 
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