16.08.2018 - 16:38 Uhr
Eger (Cheb)Oberpfalz

Als aus "Brüdern" Feinde wurden

Vor 50 Jahren endete der „Prager Frühling“ jäh durch Gewalt. Auch in Cheb, das bis 1945 Eger hieß. Im August 1968 rollten hier die Panzer.

Straßensperren und abmontierte Hinweisschilder, wie hier in der Innenstadt von Cheb, konnten die Panzer nicht aufhalten.
von Autor GJBProfil

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Tschechoslowakei bereits im Jahre 1948 unter kommunistische Herrschaft. Die Menschen fühlten sich im „sozialistischen Arbeiterparadies“ wie Untertanen eines vom russischen „Brudervolke“ beherrschten Kolonialstaates. In der Stadt Cheb, die bis 1945 Eger hieß, lebten die neuen Bewohner nun ganz nahe am „Eisernen Vorhang“. Am äußersten Rande des Sowjetimperiums hatten sie das Gefühl, am Ende der Welt zu sein.

Zwanzig Jahre später, 1968, brachte der „Prager Frühling“ für kurze Zeit die Erwartung auf Besserung der Lebensbedingungen. Einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ – so hatte sich Alexander Dubcek, Erster Sekretär der Kommunistischen Partei, die Zukunft des Landes vorgestellt. Doch in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 drangen Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR ein und zerschlugen alle Hoffnungen.

Auch in Cheb kam der Überfall plötzlich und unerwartet, denn die russischen Panzer waren bereits in der DDR stationiert und fuhren vom Norden über die Grenze.

Erstes Ziel in Cheb war die Kaserne. Sie wurde von den Panzern umstellt, die Kanonenrohre drohend auf das Gebäude gerichtet. Dies konnte niemand verstehen, da diese Kaserne doch als Grenzsicherung gegen den kapitalistischen Westen galt. Rechneten die Sowjets mit einer Kampfbereitschaft der tschechoslowakischen Armee?

Danach besetzte man das Rathaus, den Bahnhof und das Postamt. Alle Telefonverbindungen wurden unterbrochen. Jiri R. meint, dass man damit die Organisation eines Widerstandes verhindern wollte.

Der Überfall kam so überraschend, dass die Leute an einen Krieg glaubten. Anna V. erinnert sich: „In der Nacht kam meine erschrockene Mutter und sagte, dass der Krieg beginnt, überall sind die Panzer. Zdenka und ich fragten nur: ‚Die Deutschen?‘ – ‚Nein, die Sowjets!‘… Wir weinten sehr, wir verstanden das gar nicht, weil wir bisher die Sowjets für unsere Brüder hielten, wie wir in der Schule gelernt haben.“

Man hoffte auf ein militärisches Eingreifen des Westens, hatte aber auch Angst davor, dass dann der Dritte Weltkrieg beginnen würde. Bald jedoch hatte man den Eindruck, dass Westeuropa sehr gleichgültig die russische Invasion hinnahm, und man erinnerte sich an das Münchner Abkommen im Jahre 1938, für die Tschechen der „Münchner Verrat“ durch England, Frankreich und Italien – damals hatten diese Mächte Deutschland das Sudetenland zugeschlagen, ohne Einverständnis der Tschechoslowakei.

Obwohl sie die Panzer damit nicht aufhalten konnten, stellten die Menschen in Eger Lastwagen, Kisten und andere Hindernisse auf die Straßen. Wegweiser wurden verdreht und Straßenschilder entfernt. Auf Schaufensterscheiben, Fahrzeugen und Bretterzäunen protestierte man gegen die Besetzung: „Es lebe die Freiheit und Dubcek! – Wir wollen keine erzwungene Regierung! – Schert euch nach Hause, wir wollen die Freiheit! – Russen go home! – Russen, niemals werden wir das vergessen! – 1939-1968 = UdSSR. Freiheit für die CSSR!“ Dazu war auf einer Zeichnung der Sowjetstern mit dem Hakenkreuz zu sehen. Ein verzweifelter Kommentar lautete: "Sechs Jahre haben wir auf euch gewartet. 100 Jahre werden wir dies bedauern." Als wahren Grund der Invasion vermuteten die Tschechen – und es war ernster gemeint, als der Spott es vermuten ließ – die besseren Lebensverhältnisse in der Tschechoslowakei: "Die Russen sind gekommen und stehlen uns die Hühner und Gänse.“ Eine andere Aufschrift lautete: "Borschtsch schmeckt nicht gut."

Mit bissigen Karikaturen gab man den sowjetischen Militärs zu verstehen, dass sie nicht willkommen waren. Viele Aufschriften wandten sich in russischer Sprache direkt an die Soldaten: "Lenin, wach auf! Breschnew ist verrückt geworden", war ganz groß vor dem Rathaus zu lesen.

Die mutigen Proteste der Bürger konnten aber das Gefühl der Ohnmacht und der Verzweiflung nicht verbergen. Die Propagandalosung „Mit der Sowjetunion auf ewige Zeiten!“ hatte man früher ironisch mit dem Zusatz versehen: "...aber keinen Tag länger!". Nun waren alle Hoffnungen völlig zerstört. Die noch sehr junge Hedvika D. sah, wie ein Mann, den sie als stark und unerschütterlich kannte, verzweifelt zu weinen begann. Erst jetzt begriff sie die Tragweite des politischen Geschehens: "Ich kann das nie mehr vergessen."

Die Propaganda behauptete, die Sowjets seien gekommen, weil sie zur Hilfe für die CSSR aufgefordert worden seien. Ein inszenierter Hilferuf von Altkommunisten sollte den Einmarsch rechtfertigen. Dies veranlasste Alena Kovaríková zu einer mutigen Aktion: Sie stellte im Zentrum der Stadt einen Tisch auf und forderte die Passanten auf, sich in Listen einzutragen und damit ihren Protest gegen die Okkupation zu dokumentieren. "Die Zahl der Unterschriften war überwältigend. Sogar zwei Russinnen haben sich eingetragen, weil sie damit ihre Solidarität zeigen wollten." Es gab auch einige Leute, die vorbeiliefen: "Diese hatten es nur eilig, möglichst viel einzukaufen, denn es war in nächster Zeit mit Versorgungsmängeln zu rechnen." Das Paket mit den Unterschriftslisten wollte Alena Kovaríková an das Innenministerium in Prag schicken. Der Leiter des Postamts aber verweigerte die Zusendung.

Was in Prag tatsächlich geschah, wurde von den Medien verschwiegen. In Cheb konnte man sich darüber aus dem "Westfernsehen" informieren. Deutschkenntnisse waren nach langer Zeit wieder wichtig. Das Theater wurde zu einem geheimen Versammlungsort: Nach der Vorstellung gingen nicht alle Besucher gleich nach Hause, denn jetzt berichteten Studenten, was in Prag passiert war, und sie konnten dann erfahren, was man in Cheb aus dem Fernsehen der BRD wusste.

Hintergrund:

21 Jahre mussten die Menschen in der Tschechoslowakei warten, bis sie sich mit der „Samtenen Revolution“ vom Kommunismus befreien können. Bis dahin herrschte Gesinnungsterror. Jeder musste mit Spitzeln rechnen. Die beliebte Lehrerin Vlásta C. hatte zum Beispiel das Wort „Invasion“ ausgesprochen. Der Hausmeister verriet dies, und sie durfte die Schule nie mehr betreten. Als politisch vorbelastet kam für sie nur eine Beschäftigung als Hilfsarbeiterin in Frage. Viele Menschen sahen als einzigen Ausweg die Emigration.

Es gab bissige Anleitungen, wie man sich gegenüber den Okkupanten benehmen soll.

Auch in Cheb ist es nach dem Einmarsch der sowjetischen Panzer zu Demonstrationen gekommen.

Eine Bodenplatte erinnert an die Ereignisse im August 1968.

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