11.08.2020 - 11:25 Uhr
Ehringsfeld bei UrsensollenOberpfalz

Der „Board Hortl“ hauste einst im „Korlfelsen“, einer Halbhöhle bei Ehringsfeld

Geschichten der Alten bergen für die Nachgeborenen viele Geheimnisse. Die heute 70-Jährigen sind meist noch in der fernsehlosen Zeit aufgewachsen und erlebten manche Abende, an denen von früher erzählt wurde. Etwa über den „Board Hortl“.

In Giggelsberg hauste vor über 100 Jahren ein Außenseiter mit langem Bart, der deshalb auch „Board“ (Bart) genannt wurde (links). Da er aus dem Pamer-Hof in Umelsdorf stammte, wurde er „Pamer Board“ genannt. „Owa der Board Hortl hatte einen noch viel längeren Bart und hot nu vü va'hauta asg'schaut!“, wurde erzählt.
von Josef SchmaußerProfil

Der „Board Hortl“ hatte einst am alten Kirchensteig zwischen Ehringsfeld und Götzendorf in einer kleinen Höhle kurz vor der Hohen Straße gehaust. Weil in ihrer Verwandtschaft immer wieder von dem Mann erzählt worden war, gingen Heimatpfleger Josef Schmaußer und sein Bruder Hermann der Geschichte nach. Sie fanden in ihrem Cousin Karl Lutter aus Ehringsfeld einen Gewährsmann, der sich noch gut an den verwahrlosten Aussteiger erinnern kann.

Die drei Vettern suchten die kleine Höhle in der Nähe von Ehringsfeld auf, in der der Sonderling gelebt hatte. Karl Lutter kann sich erinnern, dass alle drei Wochen in Götzendorf ein Gottesdienst stattfand. Manche Ehringsfelder benutzten dann den Feld- und Waldweg, der sie direkt über die Hohe Straße zum Magdalenenkirchlein führte. Seit dem Bau der A 6 in den Jahren 1968/69 ist diese alte Verbindung aber unterbrochen. Beim Anstieg hinauf zu der schon seit 3000 Jahren benutzen Hochstraße kommt man an einer schönen Felsgruppe mit kleinen Höhlen und Spalten vorbei.

Dort hauste der verwahrloste Einzelgänger mit seinem langen Bart (daher sein Name „Board Hortl“). Während der Erntezeit half der Mann öfters bei den Bauern mit, um etwas zu essen und ein kleines Entgelt zu bekommen. Manchmal klopfte er auch für die Gemeinden Steine für den Wegebau. Der Name „Korlfelsen“ stammt von der Familie Braun aus Götzendorf, Hausname Korl, die in der Gegend reichen Waldbesitz hatten.

Karl Lutter erinnert sich noch gut, dass man für den Wohnsitzlosen, der immer wieder auch beim Lutter-Anwesen, genannt „Grießl Girgl“, auftauchte, um eine Mahlzeit zu erhalten, einen extra Teller und ein eigenes Besteck bereithielt, weil es den Kindern doch etwas vor dem Hortl grauste und niemand aus der Familie mit von ihm benutzten Besteck essen wollte. Wurde es im Winter zu kalt, erlaubten es die Lutters wie auch andere Bauernfamilien, dass der Hortl im Stadl oder auch im noch wärmeren Kuhstall übernachten durfte. „Er war ein braver Mann“, erinnert sich Karl Lutter, „und war besonders im Winter viel bei uns. Man warf dann einfach ein Schied (Bündel) Stroh in den Stall und der Mann war über sein Lager sehr zufrieden.“

Eine Sammlung historischer Geschichten

Als wieder einmal Ehringsfelder den Altweg passierten, hörten sie ein Rufen aus der kleinen Höhle. „Helft's ma! Helft's ma!“, scholl es heraus. daraufhin alarmierten sie den Notdienst, der den hilflosen Mann ins Krankenhaus brachte. Dort verstarb er bald darauf. Der genaue Zeitpunkt des Todes und der wirkliche Name des armselig hausenden Außenseiters ließ sich bisher nicht ermitteln. Die drei Vettern wären dankbar, wenn sich jemand an weitere Details aus dem Leben dieses Mannes erinnert, der am Rande der Gesellschaft sein karges Leben fristen musste oder wollte, und dies ihnen mitteilt.

Bei der Befragung erwähnten zwei ältere Bauern von Wolfsfeld, Georg Lutter (92 Jahre alt) und Hans Lutter (Jahrgang 1933), dass wohlh sogar ein zweiter Wohnsitzloser in einer der Höhlen der Umgebung hauste. Der Mann hieß Scherzer und war trotz seiner Not sehr eigen. Georg Lutter erzählt, dass dieser Außenseiter immer wieder zum Betteln auf den Hof kam. Der Großvater mochte ihn nicht so recht und stellte ihn einmal auf die Probe. Er reichte ihm einen Teller, hoch mit Kraut gefüllt und ein paar Erdäpfel darauf. Der Bettler war recht frech und sagte: „Moanst i friss enga oid's Kraut?“ Der Großvater nahm die Gabel und räumte die Spitze des Krautbergs weg. Darunter lag ein schönes Stück G'selchtes. Beschämt machte sich der blamierte Mann vom Anwesen und ward nie mehr auf dem „Spirkn-Hof“ gesehen.

„Wenn der Mann nicht arbeitete, ging er in den umliegenden Dörfern betteln und sammelte Vorräte. Im Winter hüllte er sich in Laubstreu ein. Sein Name war Scherzer. Daher heißt der Felsen im Volksmund auch Scherzerfelsen.“ So schrieb die damals 13-jährige Schülerin Angela Lutter aus Drahberg in „Maxls Lese-Ecke II“, einem „Lesebuch von Kindern für Kinder“, das der Kreisjugendring Landkreis Amberg-Sulzbach im Jahre 1990 initiiert hatte. Der damalige Klassenleiter, der seine Schüler animiert hatte, für dieses Büchlein Geschichten aus der Heimat zu sammeln, war Josef Schmaußer.

Der „Board Hortl“ hauste einst, bis etwa 1960, in der kleinen Höhle im „Korlfelsen“. Wurde es im Winter zu kalt, erlaubten Genoveva und Georg Lutter aus Ehringsfeld und auch andere Bauernfamilien der Gegend, dass der Hortl im Stadl oder auch im noch wärmeren Kuhstall übernachten durfte.
Die beiden Vettern Karl Lutter (links) und Hermann Schmaußer (rechts) erforschten mit dessen Bruder Josef, dem Heimatpfleger der Gemeinde Ursensollen, die Geschichte um den „Board Hortl“, der einst, bis ca. 1960, in der kleinen Höhle am „Korlfelsen“ (Hintergrund) hauste.
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