01.09.2020 - 12:28 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Abflug nach Afrika am 8. September

In einem alten Sprichwort heißt es: "An Mariä Geburt ziehen die Schwalben furt." Manch Hausbesitzer wäre wohl froh, wenn sie niemals wieder kämen. Doch Rauchschwalben stehen inzwischen auf der Roten Liste.

Auch durch die Modernisierung der Landwirtschaft wird es für Schwalben immer schwieriger, geeignete Nistplätze zu finden. Durch den dramatischen Insektenschwund besteht Nahrungsknappheit.
von Christa VoglProfil

Wenn Hermine Häupl von den Schwalben im Kuhstall erzählt, dann erscheint ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Aus ihrer Stimme klingt Freude und ein großes Stück Zuneigung. "Sie kommen immer Mitte März zurück", erzählt sie. "Plötzlich, in der Früh, ist eine Schwalbe da. Fast wie eine Kundschafterin." Bereits einige Tage später seien dann alle wieder da und der Kuhstall werde mit ungefähr zehn Brutpaaren bevölkert: ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Frühling kommt.

Hermine Häupl ist Bäuerin auf einem Vollerwerbshof in Thann im Steinwald, den sie zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftet. Die Milchviehhaltung ist ein Standbein ihres Betriebs. Die Rinder sind in zwei Ställen untergebracht: Im "alten Stall" haben die Kälber und Jungrinder ihre Boxen. Im Laufstall, den ihr Mann und sie gemeinsam planten und bauten, sind die Milchkühe untergebracht. Beim Gang durch den alten Stall deutet Hermine Häupl immer wieder nach oben, wo die schalenförmigen Schwalbennester hängen: "Die Schwalben brüten nur hier im alten Stall. Im neuen bauen sie keine Nester. Dort ist zu viel Zugluft, das mögen sie nicht", erklärt sie.

Kaum Nistplätze

Das ist wohl auch einer der Gründe, warum die Bestände der Schwalben seit Jahren kontinuierlich zurückgehen. Denn Rauchschwalben mögen altmodische Ställe, die warm und insektenreich sind. Durch die Modernisierung der Landwirtschaft wird es für die Schwalben immer schwieriger, geeignete Nistplätze zu finden. Kleine ältere Höfe verschwinden komplett oder werden ersetzt durch artgerechtere moderne Kaltställe, die für die Schwalben und ihr Brutgeschäft aber keine Alternative darstellen.

Dazu kommt, dass Rauchschwalben reine Insektenfresser sind, die sich ihre Nahrung im Flug fangen. Durch den dramatischen Insektenschwund besteht Nahrungsknappheit. Auf dem Boden sind sie kaum anzutreffen, außer wenn sie auf der Suche nach Nistmaterial sind: Lehm aus Pfützen und zum Beispiel auch Strohhalme werden verarbeitet.

"Aber die Nester werden nicht jedes Jahr neu gebaut", erzählt Hermine Häupl. "Die Schwalbenpaare kommen zurück und besetzen wieder ihr altes Nest." Denn Schwalben sind brutplatztreu und auch monogam. Im Normalfall werden an der bestehenden Unterkunft höchstens Ausbesserungsarbeiten vorgenommen. Manchmal verliert ein Nest den Halt und fällt zu Boden. "Dann wird an die alte Stelle ein neues Nest aufgemauert und zwar in Höchstgeschwindigkeit. Da kann man richtig zusehen, wie das wächst", sagt Hermine Häupl. Innerhalb von nur zwei Tagen sei es dann fertiggestellt und wieder einsatzbereit.

Dramen im Stall

In der Regel brüten Rauchschwalben zwei- bis dreimal und ziehen dabei drei bis fünf Junge auf. Im Stall von Familie Häupl, gelegen auf 600 Meter Höhe und vom Standort her eher der "rauen Oberpfalz" zuzuordnen, gibt es meistens nur zwei Bruten mit durchschnittlich je drei Jungschwalben. Leider spielen sich manchmal wirkliche Dramen im Stall ab. "Wenn das Wetter länger schlecht ist und es dazu auch noch regnet, finden die Elterntiere keine Nahrung, weil keine Insekten fliegen. Dann sterben die jungen Schwalben, sie verhungern", sagt Hermine Häupl. Das komme immer wieder vor, aber dagegen könne man nichts machen. Die vergangenen drei Jahre gab es während der Brut- und Aufzuchtzeiten keine Schlechtwetterphasen - zum Glück für die Schwalben. Die Landwirte in der Gegend hätten sich für ihre Felder bestimmt mehr Regentage gewünscht.

Apropos Glück. Im Mittelalter wurden Schwalben als Glücksbringer und Frühlingsboten verehrt. Auch als Muttergottesvogel galt die Schwalbe. Ein altes Sprichwort lautet: "Zu Mariä Geburt (8. September; Anm. d. Red.) fliegen die Schwalben alle furt, zu Mariä Verkündigung (25. März, Anm. d. Red.) kommen sie wiederum." Für die Menschen dieser Zeit war es undenkbar, ein Schwalbennest zu entfernen.

Dieser Glaube an den Glücksbringer ist zwischenzeitlich verlorengegangen. Heute zerstören viele Hausbesitzer aus Angst vor Verschmutzung die Nester der Schwalben: Sie schlagen oder kärchern sie ab. Es gibt aber auch besorgte Bauern, die den Rauchschwalben ihre Ställe verschließen, um den immer strenger werdenden EU-Hygiene-Anforderungen gerecht zu werden. Dabei gefährden die kühnen Flugakrobaten weder unsere Gesundheit noch die Lebensmittelsicherheit (siehe Infokasten).

Bei Familie Häupl gehören die Rauchschwalben, die auf der Roten Liste bedrohter Vogelarten stehen, fest zum Stall. Ein Hof ohne Schwalben? "Das kann ich mir nicht vorstellen, das geht nicht", sagt die Landwirtin und lacht dabei. Erst vor einigen Tagen ist die letzte Brut flügge geworden und es dauert nicht mehr lange, bis sich die Schwalben wieder auf den Weg in ihr Winterquartier machen. Den Winter verbringen sie südlich der Sahara, in Mittel- oder Südafrika und legen auf ihrer Flugroute eindrucksvolle 1200 Kilometer zurück.

Wiedersehen im Frühjahr

Doch noch herrscht unter den kleinen Fliegern in Thann im Steinwald keine Aufbruchsstimmung, noch sind anscheinend einige Tage hin bis zum Abflug. Wenn es allerdings so weit ist, "dann geht das ruck-zuck", sagt Hermine Häupl mit einen leichten Bedauern in der Stimme. "Auf einmal sind sie dann alle weg."

Doch eines ist sicher: Es gibt ein Wiedersehen, nächstes Jahr im Frühjahr, zu Mariä Verkündigung. Auf dem Hof von Familie Häupl steht für die Glücksbringer immer eine Tür offen.

Zwei Schwalbenjunge im Stall von Familie Häupl: Vor ihnen liegt eine 1200 Kilometer lange Reise ins Winterquartier südlich der Sahara.
"Die Schwalben brüten nur hier im alten Stall. Im neuen bauen sie keine Nester. Dort ist zu viel Zugluft, das mögen sie nicht", sagt Bäuerin Hermine Häupl.
Hintergrund:

Rauchschwalben

  • Der häufigste Ruf der Rauchschwalbe ist ein einfaches bis mehrsilbiges „wid-wid“. Bei Gefahr ruft sie „zi-witt“ oder „biwist“. Einzelne Rufe vereinigen sich zu einem melodischen Zwitscher-Gesang. Mehr Informationen zu Rauchschwalben gibt es auf www.nabu.de.
  • Die Rauchschwalbe erkennt man hauptsächlich an ihrem metallisch schwarz-blau glänzenden Gefieder, der rotbraunen Maske und dem tief eingegabelten Schwanz.
  • Der Name rührt daher, dass die Rauchschwalbe früher häufig in Schornsteinen und Rauchfängen brütete.
  • Als Höhlenbrüter baut die Rauchschwalbe heute ihre Nester vornehmlich innerhalb von Gebäuden wie Ställen, Schuppen oder Carports. Das Nest ist oben offen.
  • Eine Beseitigung vorhandener Nester ist nicht ohne Befreiung von den Verboten des Bundesnaturschutzgesetzes zulässig. Das Aussperren von Schwalben vor ihrer nächsten Rückkehr aus dem Winterquartier ist ebenfalls nicht zulässig, da die Nester einem ganzjährigen Schutz unterliegen, auch wenn die Vögel saisonbedingt nicht anwesend sind.
  • Mit dem Inkrafttreten der EU-Futtermittelhygieneverordnung 2006 befürchteten Landwirte, dass in ihren Ställen keine Schwalben und andere Vögel mehr nisten dürften. Das Umweltministerium widersprach dem klar. In der Verordnung sei nicht „von Ställen insgesamt“ die Rede, sondern nur von Futtermitteln. Diese müssten vor Beschädigung und Verunreinigungen „durch angemessene Maßnahmen“ geschützt werden. (cvl)

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