03.06.2021 - 18:37 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Faszination Steinwald: Landarzt tauscht Stethoskop gegen Kamera ein

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Das Wort "Unruhestand" wird oft zu Unrecht strapaziert. Beim Friedenfelser Landarzt Dr. Siegfried Steinkohl hat es seine Berechtigung. Seit er 2017 seine Praxis aufgegeben hat, ist er jede freie Minute mit seiner Kamera auf Pirsch.

Der Naturpark Steinwald bietet vielen Tier- und Pflanzengesellschaften einen Lebensraum.
von Wolfgang Benkhardt Kontakt Profil

Jede Jahreszeit macht Siegfried Steinkohl (Jahrgang 1952) unruhig. Im Herbst sind es das Farbenspiel der bunt gefärbten Blätter und die Nebelschwaden über Wasserflächen, Wiesen und Wäldern. Im Winter sorgen Frau Holle und Väterchen Frost für faszinierende, bizarre Schnee- und Eisgebilde. Im Frühjahr gönnen das Erwachen der Natur und das herausbrechende erste Grün dem Friedenfelser keine Verschnaufpause, und im Sommer sorgen Morgen- und Abendsonne, Insekten, Blumen und viele andere Dinge für jede Menge magische Momente.

Fotorevier vor der Haustür

Da ist es gut, dass der Friedenfelser nicht weit fahren muss, um seinem Hobby zu frönen. Sein Fotorevier liegt direkt vor der Haustür: im Naturpark Steinwald im Landkreis Tirschenreuth. Tausende von faszinierenden Aufnahmen hat er dort schon geschossen. Die schönsten Bilder seiner beeindruckenden Sammlung hat er im Herbst als Bildband herausgebracht. Der Landarzt im Ruhestand hat damit sich und dem Naturpark zum 50-jährigen Bestehen ein Geschenk gemacht. Das Erstlingswerk Steinkohls war schon wenige Wochen nach dem Erscheinen vergriffen und ist mittlerweile nachgedruckt worden, sehr zur Freude von Naturpark-Vorsitzendem Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg und Naturpark-Geschäftsführer Ernst Tippmann. Sie leiten seit etlichen Jahren die Geschicke des Naturparks und haben den Bildband Steinkohls nach Kräften unterstützt.

Als in den 1960ern und 1970ern Jahren die Naturpark-Idee um sich griff, waren Visionäre aus dem Landkreis Tirschenreuth sofort dabei. Sie sahen darin eine große Chance für die Region. Oberforstmeister Wolfram Geuss war einer der Motoren der Gründung. Anfangs lag der Schwerpunkt, ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend, erst einmal bei Bau- und Erschließungsmaßnahmen. Wandertafeln wurden entworfen und aufgestellt, Wanderwege ausgewiesen, eine Waldkapelle gebaut.

Aus dieser Gründerzeit stammt auch der Oberpfalzturm auf der 946 Meter hohen Platte, zusammen mit der Burgruine Weißenstein das bekannteste Wahrzeichen des Steinwalds. Der heutige Turm ist nicht mehr das Original, das 1972 errichtet worden war. Weil der Turm baufällig war, wurde er 1998 abgebrochen. Zwei Jahre später, im Jahr 2000, wurde der neue Turm auf der Platte eingeweiht.

Viele Artenschutzprogramme

Mittlerweile liegt der Schwerpunkt der Naturparkarbeit bei Artenschutzprogrammen. So gibt es in den klaren Bergbächen noch Bestände der selten geworden Flussperlmuschel. Auch Luchs und Wildkatze schleichen wieder durch das Unterholz. Es gibt Programme für den Feuersalamander, Gartenschläfer, Fledermäuse und Kreuzottern. Der Uhu lebt ohnehin noch in der Region, und der Habichtskauz soll wieder angesiedelt werden. Nach Überzeugung von Naturpark-Vorsitzendem von Gemmingen-Hornberg ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis wieder ein Wolfsrudel durch den Steinwald streift.

Weithin bekannt ist der Steinwald für seine markanten Felslandschaften. Deshalb trägt das Buch von Steinkohl auch den Beinamen „Steinreich“. Lange ging man davon aus, dass der Steinwald der südlichste Ausläufer des Fichtelgebirges sei, aber das haben Wissenschaftler mittlerweile widerlegt. Die Granitvorkommen im Steinwald sind weicher und enthalten im Gegensatz zum Gestein im Fichtelgebirge kein Lithium. Ein Indiz für die unterschiedliche Entstehungsgeschichte sind auch die vielen Basaltaufschlüsse und Kalkvorkommen im Naturpark, die wesentlich jünger als die Granitvorkommen sind und damit den Steinwald ebenfalls geologisch vom Fichtelgebirge abgrenzen.

Geduldige Kräfte der Natur

Hier erfahren Sie mehr über den Luchs im Steinwald

Friedenfels

Der Granitrücken des Steinwalds dürfte vor etwa 300 bis 350 Millionen Jahren entstanden sein, als verschiedene Schichten der Erdkruste übereinander geschoben wurden. Lange war der Steinwald mit seinen knapp 250 Quadratkilometern der kleinste Naturpark im Freistaat. Dieses Attribut hat er 2017 an den Naturpark Ammergauer Alpen verloren. Doch auch ohne diesen Superlativ geht vom Steinwald, nicht zuletzt wegen der Felsen, eine eigenartige Faszination aus.

Wissenschaftler bezeichnen das, was im Steinwald vor sich geht, als Wollsackverwitterung. Das Zusammenspiel von chemischen und physikalischen Kräften ist dafür verantwortlich. Wind und Wetter schleifen die durch Erosion freigelegten Felstürme ab. Wasser dringt in Klüfte ein, gefriert imWinter und sprengt immer wieder Teile von den Felsburgen ab. Die Felstürme tragen ungewöhnliche Namen wie Saubad (858), Schlossfelsen (913), Knockfelsen (708), Steinschlatter (846, nach einem Forstmann auch Reiseneggerfelsen genannt) und Katzentrögen (941). Einige sind mit Besteigungsanlagen erschlossen und ermöglichen damit auch ungeübten Kletterern ein Gipfelerlebnis.

Die wohl bekannteste Felsformation im Naturpark ist die im Südwesten des Gebiets gelegene Zipfeltannen-Gruppe (756), in der mit etwas Phantasie auch die Sphinx von Gizeh zu erkennen ist und die vom Wanderparkplatz in Pfaben zu Fuß in wenigen Minuten erreichbar ist. Im Gegensatz zur richtigen Sphinx ist die Steinwald-Sphinx nicht von Menschenhand geschaffen worden, sondern einer Laune der Natur entsprungen. Auch von ihr hat Siegfried Steinkohl jede Menge faszinierende Aufnahmen.

Für Steinkohl gibt es auch nach dem Erscheinen des Buchs kein Rasten. Aufgrund der großartigen Resonanz arbeitet der Landarzt im Ruhestand bereits an einem weiteren Bildband. Dann entführt er die Leser in ein weiteres Naturparadies seiner Heimat: das Waldnaabtal.

Hintergrund:

Der Steinwald

Hier einige interessante Informationen zum Bildband und zum Steinwald:

  • Die beliebtesten Ausflugsziele: das Waldhaus mit Rotwildgehege, die Burgruine Weißenstein und der Oberpfalzturm.
  • Die höchste Erhebung: die 946 Meter hohe Platte mit dem Oberpfalzturm. Der Aufstieg ist ganzjährig kostenlos möglich.
  • Infozentren des Naturparks: in Fuchsmühl (dort ist auch die Geschäftsstelle des Naturparks), in der Grenzmühle bei Wäldern, im Waldhaus und in der Glasschleife der Gesellschaft Steinwaldia bei Arnoldsreuth (Gemeinde Pullenreuth).
  • Der Name des Naturparks: Nicht die Felsen, sondern die Burgruine Weißenstein war der Namensgeber. Der Name Steinwald ging aus dem Begriff Weißenstein-Wald hervor.
  • Der Bildband: "Steinreich, Naturpark Steinwald", erschienen in der Reihe Buch- und Kunstverlag der Battenberg-Gietl-Verlagsgruppe; Preis 19,90 Euro.

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