06.09.2021 - 13:21 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Flugzeugwracks für Retter höchst brisant

Wie müssen sich Rettungskräfte bei einem Flugzeugabsturz verhalten? Und welche Gefahren lauern in einem Flugzeugwrack? Rund 150 Rettungskräfte aus der Nordoberpfalz trainierten dies nun unter Realbedingungen in Erbendorf.

Die Einsatzkräfte müssen vor der Personenrettung zunächst das Rettungssystem deaktivieren.
von Roland WellenhöferProfil

Die Fortbildungsveranstaltung war schon lange geplant. Doch durch zwei erneute Flugzeugabstürze in den vergangenen Wochen auf dem Flugplatz Latsch bei Weiden gewann das Übungsszenario noch an Aktualität hinzu. In diesem Jahr haben sich im Bereich der Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz (ILS) schon mehrere schwere Unfälle mit Luftfahrzeugen ereignet. Und deshalb trainierten am Wochenende am Flugplatz „Schweißlohe“ bei Erbendorf rund 150 Einsatzkräfte von Feuerwehren und Rettungsdienst aus der gesamten Region sowie die Mitarbeiter der ILS und der Polizei den Ernstfall an einer Absturzstelle unter Realbedingungen.

„Das Flugzeug ist nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel“, betont der Luftfahrtsachverständige Hans Rachl. Die wenigen Unfälle würden aber ein großes Medienecho verursachen und damit die breite Aufmerksamkeit in der Bevölkerung erreichen. In vielen Flugzeugen – vor allem in der „Ultraleicht-Klasse“ – sind mittlerweile wirksame Rettungsgeräte verbaut. Im Fall der Fälle wird ein Fallschirm gezündet, an dem das gesamte Fluggerät dann sicher zu Boden sinken soll.

Raketentreibsatz als Gefahr

Und genau hier fängt die Gefahr für die Einsatzkräfte am Boden an. Denn wenn der Fallschirm beim Absturz nicht ausgelöst wurde, kann dessen Raketentreibsatz die Retter in allerhöchstem Maße gefährden. Hans Rachl hat nach eigenen Angaben schon mehr als 900 Gutachten zu Flugunfällen erstellt. Aus diesem reichen Erfahrungsschatz konnte der Referent den Seminarteilnehmern aus der Praxis berichten.

Für die ersten Kräfte an der Einsatzstelle sei ein besonnenes und überlegtes Vorgehen überlebenswichtig. Noch vor der Rettung von Verletzten muss das pyrotechnische Auslösesystem des Rettungsschirmes deaktiviert werden. Der Luftfahrtexperte gab den Einsatzkräften praktische Tipps und Hinweise wie die hochbrisante Treibladung entschärft werden kann.

Welche extreme Schubkraft ein Rettungssystem beim Abfeuern entwickelt, konnten die Teilnehmer hautnah erleben. Der Luftfahrtexperte zündete einen Rettungsfallschirm. Die Treibladung brennt innerhalb von 0,6 Sekunden ab und entwickelt dabei Temperaturen von mehreren hundert Grad. Wenn sich in der Nähe ein Mensch aufhalten würde, kann man sich die Folgen ausmalen.

Keine Rettungskarten

Doch neben den Treibladungen birgt die Arbeit am Flugzeugwrack noch viele weitere Gefahren, beispielsweise durch Treibstoff, Akkus und bei Militärflugzeugen auch durch Bewaffnung und Munition. Das größte Manko bei Luftfahrzeugen ist die unterschiedliche Platzierung der sicherheitsrelevanten Bauteile. Jedes Luftfahrzeug ist anders konstruiert. Für die Helfer am Boden erschwert dies die Arbeit zusätzlich. Auch einheitliche Informationssysteme wie ein Zentralregister oder Rettungskarten an Bord gibt es in der Fliegerei gar nicht. Hans Rachl hätte dafür eine ebenso pragmatische wie effiziente Lösung parat: Man bräuchte nur einen QR-Code am Flugzeug anbringen, über dem die Retter im Notfall alle notwendigen Informationen auslesen könnten.

Bei einer Übung unter Realbedingungen wurde das theoretische Wissen dann praktisch umgesetzt. Unweit der Rollbahn war ein echtes Flugzeugwrack präpariert. Trümmerteile lagen um die Absturzstelle herum. Aus dem Wrack drangen die Hilferufe der Passagiere. Dieses wirklichkeitsnah nachgestellte Übungsszenario soll die Einsatzkräfte bewusst unter Stress setzen. In Sekunden müssen vom Einsatzleiter erste Entscheidungen getroffen werden. Zu allem Übel sorgten „Schaulustige“ für zusätzliche Ablenkung. Doch Luftfahrtexperte Hans Rachl zeigte sich am Ende sehr zufrieden ebenso wie die Teilnehmer am Einsatztraining.

Die Einsatzkräfte in der Nordoberpfalz sind nun für Einsätze bei Flugzeugabstürzen bestens vorbereitet, auch wenn niemand hofft, dass der Ernstfall eintritt. "Wenn wir durch unser Tun auch nur ein Menschenleben retten, dann hat sich der Zeitaufwand für die Schulung gelohnt“, so Rachl.

Bernhard Schmidt, Kommandant der Feuerwehr Erbendorf, dankte der Flugsportgemeinschaft Steinwald für die tolle Unterstützung. Die Fliegerkameraden umsorgten die Retter mit Brotzeiten und Getränken. So ganz nebenbei wurde in den persönlichen Gesprächen zwischen Rettungskräften und Fliegern auch das gegenseitige Verständnis für die Belange des jeweiligen Hobbys geweckt.

Nach dem tödlichen Absturz in Latsch: Wie gefährlich sind Ultraleichtflugzeuge?

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Flugzeugunglücke in der Region

  • Am Flugplatz in Latsch bei Weiden kommt es am 30. August beim Landeanflug eines Kleinflugzeugs zu Problemen. Eine Bruchlandung am südlichen Ende der Landebahn ist die Folge. Die beiden Insassen erleiden mittelschwere Verletzungen. Die Polizei beziffert den Schaden auf rund 100.000 Euro.
  • Am Flugplatz in Latsch bei Weiden missglückt am 21. August bei einem Ultraleichtflugzeug das Landemanöver. Das Flugzeug fängt sofort Feuer. Der 74-jährige Pilot stirbt.
  • Ein 48-Jähriger muss sein Segelflugzeug am 27. Juni zwischen Eppenreuth und dem Hotel Igel notlanden. Am Flugzeug entsteht Totalschaden. Der Pilot kommt mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus.
  • In einem Wald bei Bad Neualbenreuth verunglückt am 17. Juni ein 59-Jähriger mit seinem Motorsegler. Der Pilot kann sich mit dem Fallschirm retten und überlebt schwerverletzt.

„Das Flugzeug ist nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel.“

Luftfahrtsachverständiger Hans Rachl

Luftfahrtsachverständiger Hans Rachl

 

 

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