14.07.2020 - 08:00 Uhr
ErbendorfOberpfalz

"Da sind gleich mal 50 Stunden eingespart!"

Ein Erbendorfer Unternehmer ist überzeugt: "Die Digitalisierung wird integraler Bestandteil des Handwerks".

Sesam, öffne dich! Garagentore gibt es heute in den verschiedensten Variationen. Nur ein kleiner Teil der verkauften Produkte entsteht tatsächlich noch in der unternehmenseigenen Werkstatt, der Zwischenhandel ist in vielen Handwerksbranchen längst zum dominanten Umsatzbringer geworden.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Albert Pöllath gibt sich entspannt. Sein Erbendorfer Betrieb fertigt und vertreibt seit über 65 Jahren Tore und Türen. "In dieser Zeit haben wir mehr als 150 000 Tore verkauft. In Nordbayern sind wir da Marktführer", erklärt der 53-Jährige stolz. "Trotz Corona können wir uns vor Kundenanfragen kaum retten, wir hatten im ersten Halbjahr sogar erneut deutlich mehr Aufträge als gegenüber dem Vorjahreszeitraum."

Die Pandemie bringt ihn schnell zu einem seiner Lieblingsthemen, die Digitalisierung. "Wir konnten sofort zu Beginn der Ausgangsregelungen die Hälfte unserer kaufmännischen Mitarbeiter ins Homeoffice senden, da die Technik bereits stand und viele unserer Vertriebsmitarbeiter bereits seit Jahren von der Ferne aus arbeiten." Das hätten viele andere Firmen in der Gegend, auch sehr große, so nicht hinbekommen.

"Die Mitarbeiter sind schnell mit der neuen Situation klargekommen", lobt der Unternehmer Einsatzbereitschaft und Flexibilität seiner Leute. Digitalisierung und Handwerk 4.0 seien bei Pöllath aber schon längst Normalität. "Der augenscheinlichste Aspekt ist unsere firmeneigene App. Wir können damit direkt beim Kunden oder auf einer Baustelle elektronisch Aufmaß nehmen, Bilder machen, die wir archivieren, Baustellenkoordinaten und Wetterinformationen erfassen und andere Bemerkungen hinterlegen, die für ein schnelles und detailliertes Angebot oder die spätere Montage wichtig sind."

Albert Pöllath bedient die Pöllath-App. Sie ist Auskunftgeber und Info-Pool rund um den Auftrag.

Mehr zum Thema: Wie die Berufsschulen angehende Handwerker auf eine digitale Welt vorbereiten...

Mehr Zeit für den Kunden

Das bringe einen weiteren bedeutsamen Vorteil mit sich: "Bei uns sind Verkaufsberater und Monteure unterschiedliche Personen. Früher bestand unter ihnen ein großer Kommunikationsbedarf, jetzt hat der Monteur in der Regel alle Informationen, die er benötigt, digital vorliegen. Das spart Zeit, weil die Kollegen einfach weniger miteinander sprechen müssen."

Von großen Nutzen ist auch die Archivierung: "Manche Kunden erteilen erst später einen Auftrag, haben Nachfragen oder Änderungswünsche. Dann rufen wir einfach die vorhandenen Daten nochmal ab und können Auskunft geben oder gleich handeln. Wenn wir die E-Mail-Adresse des Kunden haben, bestätigen wir ihn zum Beispiel auch Reklamationen und deren Bearbeitungsstatus per E-Mail, ebenso erhält er unterschriebene Lieferscheine und Wartungsprotokolle automatisch."

Neben enormen Wettbewerbsvorteilen, die diese effiziente Vorgehensweise biete, dürfe man auch nicht unterschätzen, dass neue Mitarbeiter dadurch wesentlich schneller eingearbeitet werden könnten, schildert Pöllath seine Erfahrungen: "Die fühlen sich einfach sicherer, die Fehlerquote sinkt."

Die Pöllath-App ist direkt an andere betriebsinterne Systeme angebunden, Daten werden, wo nötig, ausgetauscht. Die Digitalisierung vereinfacht damit viele organisatorische oder buchhalterische Vorgänge: "Zum Beispiel werden unsere Eingangsrechnungen, die an ein bestimmtes Account gehen, automatisiert ausgelesen und mit den Bestellungen abgeglichen." Auch gebucht wird automatisch.

"Die Alternative wäre, gut 1000 Rechnungen im Monat per Post zu erhalten, Kuverts zu öffnen, einen Barcode aufzukleben, einzuscannen, das gescannte Dokument aufzurufen, zu öffnen und im System die dazugehörige Bestellung zu suchen. Wenn das pro Rechnung vielleicht drei Minuten dauert, sind bei 1000 Rechnungen gleich mal 50 Stunden eingespart", rechnet Pöllath vor. Arbeitsplätze sieht er dadurch nicht in Gefahr. Im Gegenteil: "Das ist Zeit, die die Mitarbeiter für andere Dinge nutzen können."

Wird die Digitalisierung das Handwerk umkrempeln? Jein. "Die klassischen handwerklichen Tätigkeiten an sich lassen sich nicht oder nur schwer digitalisieren. Aber unsere Geräte werden immer mehr mit dem Internet, dem PC oder Smartphone verknüpft." So werde die Digitalisierung integraler Baustein des Handwerks. "Gerade angesichts der Bürokratie, die in meinen Augen überhand nimmt, bringt sie deutliche Vorteile", sagt Pöllath.

Mit einem Laser (rechte Hand) kann beim Kunden schnell und präzise "Aufmaß genommen" werden. Quasi zeitgleich gehen die Daten via Bluetooth an die App, die auf einem Tablet installiert ist, das seinerseits per Internet mit dem Server in Erbendorf kommuniziert.

Vielerorts "noch Steinzeit"

Viele Handwerker hätten die Chancen noch nicht erkannt. "Wir kommen ja ziemlich herum, in vielen Betrieben herrscht einfach noch Steinzeit." Pöllath relativiert aber: "Die Digitalisierung ist mit großem Aufwand und hohen Kosten verbunden." Das kann nicht jeder stemmen. "Wir wurden vor einigen Jahren als einer der ersten Betriebe in der Oberpfalz mit dem Digitalbonus Plus gefördert und haben 50 000 Euro Zuschuss erhalten. Ohne diesen Anstoß wäre das alles in dieser Form wohl nicht umsetzbar gewesen."

Albert Pöllath: "Die klassischen handwerklichen Tätigkeiten an sich lassen sich nicht oder nur schwer digitalisieren. Aber unsere Geräte werden immer mehr mit dem Internet, dem PC oder Smartphone verknüpft."
Der Chef am Arbeitsplatz: Handwerk geht mit Buchhaltung, Planung und Büroarbeit einher. Vor allem "die wachsende Bürokratie" ist Pöllath ein Dorn im Auge. Doch der lässt sich mit durchdachten digitalen Prozessen begegnen.
Mustergaragentore.
Die Zentrale der Erbendorfer Firma Pöllath. Das Unternehmen wird bei der Handwerkskammer als Metallbauer geführt und existiert seit über 65 Jahren.

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