14.07.2020 - 08:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Von Drohnentechnik und Handwerkskunst

Handwerksbetriebe arbeiten zusehends mit digitaler Technik. Doch was können die Berufsschulen leisten? Ein Gespräch mit einem Oberpfälzer Schulleiter.

Kritischer Blick aufs eigene Werk: Die Auszubildenden Nevio Bayer (von links), Julia Helgert und Julian Beierl bauen an der Europa-Berufsschule in Weiden mit Teilen aus einem 3-D-Drucker eine Drohne.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Josef Weilhammer ist Leiter der Europaberufsschule in Weiden. Seiner Meinung nach gehen die Berufsschulen das Tempo der Digitalisierung gut mit. Wünsche aber bleiben.

ONETZ: Herr Weilhammer, wie bereitet Ihre Berufsschule Handwerks-Azubis auf die zunehmende Digitalisierung der Berufswelt vor?

Josef Weilhammer: Zunächst einmal muss ich jedes Berufsbild individuell betrachten. Der Grad der Digitalisierung ist ja ganz unterschiedlich. Wir haben zum Beispiel angehende Kfz-Mechatroniker, die sich bei uns heute schon mit Drohnentechnik befassen, weil das ein Transportmittel der Zukunft sein wird. Die bauen bei uns an der Schule zurzeit eine Drohne zusammen. Die Einzelteile dafür stammen aus dem schuleignen 3-D-Drucker. Wir richten demnächst sogar ein umfassendes 3-D-Druckzentrum ein. Davon profitieren viele Berufe, zum Beispiel die Zahntechniker. Unsere angehenden Anlagenmechaniker Heizung, Sanitär, Klimatechnik erlernen bei uns das Arbeiten mit 3-D-Brillen. Die werden in der Ferndiagnose immer wichtiger. Digitalisierung in der schulischen Ausbildung kann sich anders äußern als in der betrieblichen Realität. Auszubildende im Metallbereich etwa werden zukünftig mit einem Simulationsprogramm das Schweißen erlernen, damit sie sich nicht ständig die Augen verblitzen.

Schulleiter Josef Weilhammer: "Die Berufsschulen gehen das Tempo der Digitalisierung mit."

ONETZ: Hecheln Ausstattung und Lehrpläne der beruflichen Realität hinterher – oder würden Sie sagen: Die Berufsschulen sind gut dabei?

Josef Weilhammer: Es ist immer ein Spagat zwischen Wünschen und Möglichkeiten. Vergessen Sie nicht, es werden Steuergelder ausgegeben! Berufsschulen haben allerdings einen großen Vorteil: Sie sind durch die Betriebe getrieben. Die bestimmen letztlich den Stand einer Berufsschule und zeigen uns, was notwendig ist. Wir halten daher engen Kontakt zu den Unternehmen. Oft kommt man da mit der Erkenntnis zurück: Hoppla, da müssen wir uns neu aufstellen. Vieles muss dabei gar nicht gekauft, sondern kann gemietet werden. Gerade hochwertige Produktionsmaschinen wären für uns viel zu teuer. Ein Betrieb, der Kapazitäten hat, freut sich dagegen, wenn wir die Ausbildungszeit sozusagen anmieten. Das ist, wie es heute so schön heißt, eine Win-win-Situation. Daneben darf aber die Ausbildung an etablierter, älterer Technik nicht zu kurz kommen, weil viele Betriebe damit noch arbeiten. Das heißt für uns im Umkehrschluss: Wir müssen die neuen Techniken in die Betriebe hineintragen.

ONETZ: Aber sind Lehrpläne nicht per se beobachtend und reaktiv?

Josef Weilhammer: Mmh, ich denk schon, dass die Lehrpläne kurze Innovationszeiten haben. Bei Mathe und Bruchrechnen wird sich freilich nicht viel ändern. Ansonsten hängt vieles einfach von der Lehrkraft ab. Der Lehrplan ist die Pflicht, ich kann jederzeit die Kür dazunehmen.

ONETZ: Aber mal Hand aufs Herz: Eine Wunschliste für neue Inhalte und Ausstattungen könnten Sie mir schon schreiben?

Josef Weilhammer: Wenn ich keine Wünsche hätte, wäre ich fehl am Platz. Man muss Wünsche aber auch umsetzen können. Wenn Sie eine neue Maschine haben, müssen Sie auch den Lehrkräften Zeit geben, sich einzuarbeiten, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber ja, freilich habe ich dahingehend Träume. Einer wäre zum Beispiel die möglichst realitätsnahe Nachbildung der Arbeiten, die in großen Logistikzentren anfallen, wie sie etwa Witron konzeptioniert. Da sollte alles dabei sein, wie zum Beispiel ein echtes Warenwirtschaftssystem, mit verschiedenen Erfassungsmöglichkeiten, Transport-, Einlagerungs- und Auslagerungssimulation.

ONETZ: Wie wird denn die schulische Ausbildung angehender Handwerker in 10, 20 Jahren aussehen?

Josef Weilhammer: Die handwerklichen Berufe sind heute schon sehr anspruchsvoll. Persönlich glaube ich, dass Handwerker künftig stärker soziale Kompetenzen benötigen werden. Unsere Gesellschaft vereinsamt zusehends. Da erkenne ich einen Gegentrend. Wir werden noch stärker eine Industrie sehen, die sich der Massenproduktion widmet. Das Handwerk wird auf seine Stärken bei individuellen, passgenauen Angeboten setzen. Die Konsequenzen für die Berufsschule? Wir müssen die Handwerkskunst fördern, manuelle Fähigkeiten, Kreativität, Gefühl für Form, Farbe und Darstellung – und Empathie für den Kunden zeigen.

Drohnenbau mit Teilen aus dem schuleigenen 3-D-Drucker.

Darauf müssen Azubis vorbereitet sein: digitalisiertes Handwerk am Beispiel eines Oberpfälzer Garagentorspezialisten...

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