Erbendorf
17.12.2019 - 11:27 Uhr

Eine harte, dennoch schöne Zeit

„Gerade sitzen, Ohren spitzen, Hände falten, Schnabel halten!“ Mit diesen Worten lässt sich die Schulpädagogik der Nachkriegszeit grob zusammenfassen. Senioren erinnern sich. Ein Blick zurück in eine andere Zeit.

Lebhafte Erinnerungen an die Schulzeit in der Nachkriegszeit haben (von rechts) Brigitte Hermann, Lieselotte Irmer, Barbara Schmid, Fritz Schreier und Erika Graf. Bild: cvl
Lebhafte Erinnerungen an die Schulzeit in der Nachkriegszeit haben (von rechts) Brigitte Hermann, Lieselotte Irmer, Barbara Schmid, Fritz Schreier und Erika Graf.

Die fünf Senioren, die zwischen 80 und 98 Jahre alt sind, sitzen gemütlich um einen Tisch im Senioren-Wohn- und Pflegeheim des BRK in Erbendorf. So unterschiedlich Brigitte Hermann, Lieselotte Irmer, Barbara Schmid, Fritz Schreier und Erika Graf auch sein mögen, so gibt es doch einige Gemeinsamkeiten: Sie hatten viele ähnliche Erlebnisse, wenn es um ihre Schulzeit nach dem Weltkrieg geht. Während in der Runde Kaffee und Kuchen verteilt wird, entbrennt zwischen den Senioren eine Diskussion darüber, wer von ihnen noch ein „junger Hupfer“ ist und wer bereits zu den „alten Hasen“ zählt. Als dies dann nach einigem Hin und Her geklärt ist, lassen sie ihre Kindheitserinnerungen lebendig werden und erzählen.

Plumpsklo und Kanonenofen

„Der Lehrer war sehr angesehen. Genauso wie der Doktor und der Pfarrer. Da hast du schon großen Respekt gehabt. Die Kinder vom Land hatten oft einen weiten Schulweg. Drei oder vier Kilometer waren da keine Seltenheit. Man ging immer in der Gruppe zur Schule und wieder nach Hause. Im Sommer war das schön, man hat jeden Vogel und jede Blume gekannt. Und lustig war es auch immer. Aber im Winter war es sehr anstrengend. Da gab es gegen die Kälte nur gestrickte Strümpfe, Handschuhe und Mützen und keine wasserfesten Schuhe. Die Stiefel hatten manchmal sogar Sohlen aus Holz. Es fiel wesentlich mehr Schnee als heute, der Wind pfiff durch die Kleidung und auch die Kleinen aus der ersten Klasse mussten zu Fuß gehen und quälten sich durch die hohen Schneewehen. Das war halt so.

Wenn die Kinder dann endlich in der Schule ‚ausgefroren‘ ankamen, musste oft zuerst der Kanonenofen mit Holzspänen und Schleißen angeschürt werden. Da war es anfangs eiskalt im Klassenzimmer. Mit zunehmender Wärme taute dann die Kleidung wieder auf. Aber dann war sie erstmal nass und das war auch nicht angenehm. Vorne im Zimmer beim Ofen war es heiß und hinten ganz kalt. Manchmal gab es in den ersten Nachkriegswintern auch kältefrei, weil keine Kohlen mehr da waren. Die Toilette war nicht direkt im Schulhaus. Man musste aus dem Gebäude rausgehen und über den Hof laufen. Am anderen Ende war dann das Plumpsklo. Im Sommer brummten da dicke Fliegen und im Winter war es eiskalt. Dort lag zugeschnittenes Zeitungspapier. So etwas wie Toilettenpapier gab es damals noch nicht.

Holzscheitlknien

Einmal pro Woche fand vor Schulbeginn ein Gottesdienst statt. Die Kinder aus den Dörfern hatten einen langen Schulweg und mussten dann oft schon um fünf Uhr morgens aufstehen. Und jeden Samstag war es Pflicht, zur Beichte zu gehen. Die Lehrer waren damals noch richtig streng. Wenn man zum Beispiel die Hausaufgabe nicht gemacht hatte oder geschwätzt wurde, dann nahm der Lehrer seinen Rohrstock und damit gab es dann Tatzen. Das sind Schläge auf die Handfläche. Oft wurde die ganze Klasse bestraft. Da hieß es: ‚Alle Hände auf den Tisch.‘ Und dann ging der Lehrer durch die Reihen und alle bekamen Tatzen. Watschn gab es auch manchmal.

Und das kräftige Ziehen am Ohr war bei den Lehrern ebenso beliebt. ‚Da hast gemeint, der reißt dir das Ohrwaschl ab!‘ Oder Holzscheitlknien. Aber das mussten meistens nur die Buben. Die Mädchen wurden zur Strafe öfter mal an den langen Zöpfen gezogen, wenn sie schwätzten. Die meisten Kinder waren brav, aber ein paar Spitzbuben waren schon dabei. Daheim hat sich keiner von uns bei den Eltern über die Lehrer beschwert. Man traute sich nichts sagen, sonst hätte man zu Hause noch eine ‚gscheide Watschn‘ obendrauf bekommen. Das war halt so. Ach, wir sind auch groß geworden.

Schiefertafel und Griffel

Jeder von uns hatte einen Schulranzen aus Leder. Aber da war nicht viel drinnen: die Schiefertafel, ein paar Griffel in einem Holzkasten, der Katechismus, das Lesebuch. In der Pause aß man das Stück Brot und den Apfel, den man in die Schule mitbekommen hatte. Manchmal war ein bisschen Marmelade auf dem Brot, aber einen Gelierzucker gab es damals auch noch nicht, und so war die Marmelade oft recht flüssig. Hin und wieder hat die Mutter auch ein bisschen Schweinefett draufgestrichen. In der Pause spielte man Fangerls oder Verkaufalas oder Räuber und Gendarm. Man hat nichts gehabt, aber schon gar nichts.

Und trotzdem: Im Großen und Ganzen war die Kindheit schön und wir denken gerne daran zurück. Die Zeit möchten wir nicht missen. Wir haben es nicht anders gekannt. Wir waren zufrieden.“

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