13.07.2020 - 19:56 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Heimische Pflanzen und ihre Wirkung: das Labkraut

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Diesmal geht es in unserer Serie „Kräuterwissen“ um die Labkräuter. Und die sind ungemein vielseitig verwendbar. Sogar als Kaffee-Ersatz lassen sich die Kräuter einsetzen.

Cornelia Müller schwärmt von der Vielseitigkeit der Labkräuter und sammelt Zutaten für die „Wiesn-Weiße“.
von Externer BeitragProfil

Cornelia Müller aus Pullenreuth, Ulrike Gschwendtner aus Weiden und Regina Hermann aus Erbendorf rücken diesmal drei Exemplare aus einer Pflanzenfamilie in den Blickpunkt: die Labkräuter, die zur Familie der Rötegewächse gehören; das Wiesen-Labkraut, das Echte Labkraut und das Kletten-Labkraut (übrigens gehört auch der Waldmeister zu dieser Familie).

„Optisch erkennen kann man sie am vierkantigen Stängel und an den Blättern, die kreisrund angeordnet sind. Außerdem haben sie feine, kleine, vierblättrige Blüten, meistens weißlich. Außer dem Echten Labkraut, das gelb blüht. Die Labkräuter wachsen gerne an Wiesen- und Wegesrändern in größeren Grüppchen“, erklären die drei Frauen. Die Pflanze komme unscheinbar daher, sie sei aber ein Tausendsassa. „Das ganze Jahr hindurch können wir uns in der Küche mit dieser Pflanze vergnügen. Heilend von innen, von außen und auch durch die Nase kann diese Pflanze unsere Gemütsstimmung beeinflussen“, erzählen die zertifizierten Kräuterführerinnen.

Labkraut und Käse:

Der lateinische Name Galium komme vom griechischen Wort gala und heiße Milch. Aus Milch könne man Käse herstellen und genau dafür habe man das Labkraut verwendet. „Damit die Milch gerinnt, wurde traditionell aus dem Kälbermagen ein Enzym, das Lab, gewonnen und der Milch beigesetzt. Das Labkraut kann das auch, es enthält ein Labferment. Vor allem nahm man hierfür gerne das Echte Labkraut, Galium verum. Bekannt ist es vor allem bei einer Käseart – dem Chesterkäse, der nicht nur das Lab, sondern auch die gelbe Färbung mit in den Käse aufnimmt“, wissen die drei Frauen. Hartkäse solle damit kaum, Frischkäse aber sehr gut funktionieren. Heute stamme das Enzym für die Käseherstellung übrigens meist von Mikroorganismen.

Das gelbe Labkraut:

Der gelbe oder eher goldene Vertreter der Familie sei das Echte Labkraut (Galium verum). Die Inhaltsstoffe seien hier am konzentriertesten. Allgemein seien ätherische Öle, Gerbstoffe, Cumarin, Glykoside, Kieselsäure und Flavonoide in den Labkräutern enthalten. „Es fehlen zwar wissenschaftliche Erkenntnisse, aber diese Art ist im Deutschen Apothekerbuch mit einer Monographie vertreten. Die Volksheilkunde verwendet das Echte Labkraut als schweiß- und harntreibendes Mittel“, wissen die Kräuterfrauen.

Das Echte Labkraut:

Um die Sonnwende herum blühe das Echte Labkraut, das nach Honig dufte. „Früher waren Matratzen und Bettauflagen aus Kräutern. Getrocknet wurden sie zur ,Bettstad‘ gelegt und beruhigten so mit ihrem Duft die Schlafenden. In den Labkräutern ist Cumarin enthalten, ein Stoff, der als Duft beim Welken austritt. Schlaffördernd, beruhigend, aber auch stimmungshebend ist dieser Wirkstoff. Frischen Müttern brachte man Labkraut, um dem Babyblues vorzubeugen“, wissen die Drei. Es werde deshalb auch „Liebfrauen-Bettstrohkraut“ oder auch „Marienbettstroh“ genannt.

Labkraut und die Haut:

Einerseits könne man die Blätter der Labkräuter wie ein Wiesenpflaster verwenden. „Einfach pflücken, zerquetschen, bis der Pflanzensaft austritt, und dann auf kleine Wunden oder Mückenstiche legen. Die blutstillende Wirkung zeigt sich auch im Namen Wundkraut. Als Gesichtswasser verwendet man gerne das Echte Labkraut. Es beruhigt, wirkt entzündungshemmend, hautreinigend und wundheilend“, erklären die drei Frauen. Der kräuterkundige Arzt Tabernaemontanus habe berichtet, dass das gemeine Bauernvolk es äußerlich gegen Grind (Schorf) und Schebigkeit (Hautkrankheiten) verwendet habe.

Heilwirkung:

Das Labkraut soll Krebs hemmen und wird in der Volksheilkunde gerne bei Wechseljahresbeschwerden eingesetzt. Außerdem wird es bei geschwollenen Knöcheln angewendet. Hieronymus Bock nennt ebenfalls die positive Wirkung bei Hautkrankheiten und das Baden der kleinen Kinder in Absud von Labkraut. Er erwähnt auch eine aphrodisierende Wirkung aller Labkräuter: „Die Wurzeln in süßem Wein gesotten und getrunken erwecken Lust zur Unkeuschheit.“

Kletten-Labkraut:

Das Kletten-Labkraut (Galium aparine) bleibt mit den kleinen, feinen Widerhaken einfach hängen. Diese Art wächst gerne bei den Brennnesseln. Sie rankt sich nicht hoch, sondern lehnt sich an den Brennnesseln an und profitiert von der starken Abwehrhaltung dieser Gewächse. Verwendet man das Kletten-Labkraut in der Küche, kocht man es, damit die feinen Kletten nicht unangenehm sind.

Labkraut und Kaffee:

Die Wurzeln der Labkräuter könne man auch zum Färben verwenden, sie ergäben einen rötlichen Farbton. Daher komme übrigens auch der Familienname. Rötegewächse brächten Röte auf das Material.

Kräuterwanderung mit Kräutersirup

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Verwandt sind die beiden tatsächlich, das Labkraut und die Kaffeepflanzen. Unsere heimischen Vertreter enthalten Kaffeesäurederivate. Als Wild-Kaffee eignet sich gut das Kletten-Labkraut, dieses hat von den dreien die größten Samen. Diese müssen zuerst getrocknet und dann in der Pfanne ohne Öl dunkel geröstet werden. Nun wie gewöhnlich mahlen und den Kaffee aufbrühen. Das Ergebnis ist eine Art Muckefuck.

Wiesen-Labkraut:

Das Wiesen-Labkraut (Galium molluga) gelte als Schlankmacher schlechthin. Ob die Pflanze durch die Inhaltsstoffe und ihre Anregung von Leber, Galle und Blase, wie es auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin verankert sei, wirke, oder ob auch die gemütssteigernde Wirkung ihren Teil dazu beitrage, könne man nicht sicher sagen. „Das Gute ist, man kann das Wiesen-Labkraut das ganze Jahr über finden. Die weißen Blüten des Wiesen-Labkrauts sind wie ein Blütenmeer angeordnet. Im Frühjahr ist es eines der ersten Boten, im Sommer überall und kommt auch nach dem Mähen schnell wieder empor, blüht bis in den Herbst hinein und selbst unter der Schneedecke kann man die kleinen Quirlstängel hervorholen und verspeisen“, so die Fachfrauen.

„Es ist ein allgemeiner Vitalmacher. Das leicht nussige Aroma kann frisch, gerne auch als purer Salat, verwendet werden. Einfach die kleinen Blättchen abzupfen und zum Beispiel mit Joghurtdressing oder einer guten Vinaigrette anmachen. Am zartesten schmecken die jungen Pflanzenteile noch vor der Blüte für Pestos, in den Salat als Smoothie. Man nimmt gerne die oberen drei bis vier Quirle und lässt den Rest stehen. Die jungen Frühlingstriebe schmecken salatartig und erinnern an junge Maiskölbchen“, erläutern die Frauen.

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Rezepte:

Vom Gesichtswasser bis zum Tee sehr vielseitig

„Wiesn-Weiße“:

Wir kennen die Berliner Weiße, die traditionell mit Waldmeistersirup zubereitet wird. Lecker schmeckt aber auch eine Wiesn-Weiße. Dafür kocht man die feinen aromatischen Blüten in Zuckerwasser (Verhältnis Wasser zu Zucker 1:1) mit einer Zitrone in Scheiben geschnitten dazu. Diesen Sirup fingerdick ins Weizenglas geben und mit Weißbier aufgießen. Wohl bekomm’s!

Gesichtswasser:

2-3 TL getrocknetes Kraut mit Wasser aufgießen, zugedeckt ziehen lassen (das ist wichtig, damit die ätherischen Öle nicht einfach verdampfen, sondern im Tee bleiben), abkühlen lassen und über ein Frottee-Pad auf das Gesicht auftragen. Den Tee in kleine Gefrierformen gießen und so als kühlende, erfrischende Gesichtspflege anwenden. Sogar bei Sonnenbrand kann das Labkraut Abhilfe schaffen. Einfach Tee-Kompressen oder Wickel auf die betroffenen Hautpartien legen.

Kräuterkissen:

Waldmeister, das Echte Labkraut, das Kletten-Labkraut mit Lavendel und Zitronenmelisse in ein mit Dinkelspelz oder Heilwolle gefülltes Kissen geben. Der Duft wirkt beruhigend und schlaffördernd. Kräuterkissen muss man immer mal wieder durchschütteln und auch etwas ankneten. So bricht man das Pflanzenmaterial und die darin enthaltenen ätherischen Öle werden freigesetzt.

Labkrautsud:

Eine feine, kleine Kräutersuppe kann man mit dem Labkraut noch verfeinern. Dafür werden die Labkräuter, am besten die jungen, gedämpft und das Pflanzengut in die Sudflüssigkeit passiert. Das Ganze wird nochmals aufgerührt und als Brühe-Ersatz zur Suppe gegeben.

Wilde Labkraut-Tomaten:

Zutaten: 24 bis 30 Mini-Roma-Rispentomaten oder andere kleine Tomaten, Wildkräutersalz, 200 g Schmand oder Creme fraîche, 100 g Frischkäse (sollte die Masse zu flüssig werden, noch etwas mehr Frischkäse dazugeben!), 1 Knoblauchzehe, 1 Handvoll weißes oder gelbes Labkraut vor der Blüte (kein Kletten-Labkraut!) oder ersatzweise Schnittlauch, 1 ½ TL Wildkräutersalz, eine Prise Pfeffer. Zubereitung: Das Grün an der Tomate belassen. Von der Tomate den Deckel abschneiden und aushöhlen, innen mit Wildkräutersalz bestreichen. Schmand mit Frischkäse verrühren, Knoblauch fein hacken und Salz und Pfeffer unterrühren. Einige Labkraut-Spitzen zur Deko aufheben, restliches Labkraut klein schneiden und unterrühren. Creme in die Tomaten füllen und Deckel leicht schräg aufsetzen. Eine Labkraut-Spitze seitlich in die Füllung stecken. Kalt stellen.

Labkraut-Balsamico:

0,5 l hellen Balsamico mit 6-8 Blütenständen des Echten Labkrautes ansetzen und mindestens sechs Wochen ziehen lassen. Tipp: In einer schönen Flasche angesetzt, ist der Labkraut-Balsamico ein nettes Mitbringsel zum Grillfest. Die Blüte kann in der Flasche bleiben, solange sie vom Essig bedeckt ist.

Labkraut-Pannacotta:

600 ml Sahne (oder Kokosmilch), 25 ml Wasser, 50 g Zucker, Mark einer halben Vanilleschote (alternativ geriebene Tonkabohne) kurz aufkochen. 8 bis 10 Blütenrispen vom Wiesenlabkraut zugeben und etwa 10 Minuten mit geschlossenem Deckel ziehen lassen. Blüten entfernen, Flüssigkeit abkühlen lassen. 6 Blatt eingeweichte, gut ausgedrückte Gelatine (alternativ Agar-Agar) unterrühren. Masse in kleine Gläschen füllen und im Kühlschrank fest werden lassen.

Brauchtum:

Das Echte Labkraut ist häufig in den Kräuterbuschen an Mariä Himmelfahrt enthalten. Zu dieser Gelegenheit oder allgemein soll dieses Kraut die Liebe anfeuern. Ein in manchen Teilen Rumäniens praktizierter Brauch ist, allen mit dem Namen Johannes einen Kranz an Johanni zu flechten. Dieser wird auf deren Hausdach geworfen. Fällt er runter, soll dieser Johannes innerhalb eines Jahres sterben. Angenehmer ist da der finnische Johannibrauch: Hier wird das Labkraut zu diesem Fest auf dem Boden verstreut. Ein Kranz aus Kletten-Labkraut unter dem Kissen fördert guten Schlaf und soll auch die Wirkung von Wasseradern ausgleichen. Ein auf dem Kopf getragener Kranz soll vor Unheil schützen.

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