09.12.2019 - 11:39 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Kinderlebensmittel unter der Lupe

Die Werbung ködert die Eltern mit dem „Plus für eine ausgewogene Ernährung“, ihre Kinder werden von Mickey-Mouse, Eisprinzessin & Co. verführt. Stimmt es, dass Kinderlebensmittel überflüssig, teuer und ungesund sind?

Ökotrophologin Kristina Heinzel-Neumann aus Erbendorf bietet Eltern Einkaufsschulungen in Supermärkten an und nimmt dabei die Kinderlebensmittel unter die Lupe.
von Christa VoglProfil

Mittagszeit. Es gibt Nudeln mit selbstgemachter Tomatensoße und als Nachtisch Birnen- und Apfelspalten. Ella sitzt im Hochstuhl vor ihrem Teller. Fachmännisch hält sie den Kinderlöffel in der einen Hand und reiht mit der anderen die Nudeln nach einem nur ihr bekannten Schema sorgfältig am Tellerrand auf. Eine halbe Stunde später fehlen auf dem kleinen Teller trotz guten Zuredens ihrer Mama gerade mal zwei Esslöffel Nudeln und drei Stück Obst.

„Früher hätte man gesagt, dass Ella eine schlechte Esserin ist“, erklärt Kristina Heinzel-Neumann aus Erbendorf, selbständige Ökotrophologin und Mutter von Eleonore, einem aufgeweckten Mädchen von achtzehn Monaten. Aber heute, so fügt die 38-jährige, die in ihrem Beruf überwiegend als Ernährungsberaterin tätig ist hinzu, gebe es einen anderen Ansatz. „Das Vertrauen der Eltern muss gestärkt werden, dass ihr Kind selbst weiß, was und wie viel es braucht. Und dass es sich selbst gut versorgt. Es ist noch kein gesundes Kind vor einem vollen Teller verhungert.“ Gleichzeitig sei aber noch ein anderer Aspekt wichtig: Die Eltern müssen ihrem Kind bestimmte Nahrungsmittel zur Auswahl stellen, sie müssen dabei auf die Qualität achten. Und das Kind darf dann selbständig entscheiden, was es davon haben möchte. „Es ist wichtig, dass unsere Kinder mit ins Boot genommen werden, sonst funktioniert das Ganze nicht.“

Schlechte Esserin?

Und doch greifen Eltern oft großzügig zu Kinderlebensmitteln. Einen gesetzlichen Rahmen zu deren Inhaltsstoffen gibt es jedoch nur für das Alter von Null bis drei Jahren. Kinder, die älter sind, gelten sozusagen als Erwachsene. Im Klartext: es gibt dafür keine gesonderten Regeln mehr. Und das, so Heinzel-Neumann, werde von der Lebensmittelindustrie ausgenutzt und zwar mit fatalen Folgen. „In meinen Kursen versuche ich, bei den Eltern das Bewusstsein zu schaffen, dass es auf der einen Seite Lebensmittel gibt und auf der anderen Seite Süßigkeiten. Und, ganz wichtig, dass es eben viele Süßigkeiten gibt, die nur so tun, als wären sie Lebensmittel, tatsächlich handelt es sich dabei aber um Süßigkeiten.“

Beispiele hierfür gibt es viele. Die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE)vorgestellte Ernährungspyramide für Kinder empfiehlt zum Beispiel u.a. zwei Portionen Obst, drei Portionen Milch und vier Portionen Getreide pro Tag. „Bekommt nun ein Kind zum Frühstück ein Glas Kaba, Cornflakes, Yoghurt und zur Pause einen Quetschie in die Schultasche, so ist das nur auf den ersten Blick in Ordnung.“ Die Eltern denken, dass sie ihrem Kind damit zwei Milchprodukte, ein Cerealienprodukt und ein Obstprodukt aus der Ernährungspyramide geben. Tatsächlich sei aber die Menge an Zucker, die die Kinder mit diesem Frühstück aufnehmen enorm, „und das ist den Eltern oder Großeltern gar nicht bewusst.“ An dieser Stelle lässt Heinzel-Neumann die Eltern dann immer raten, wie viele Zuckerwürfel in einem solchen Frühstück wohl enthalten sind. Die richtige Antwort: Es sind im Schnitt zwanzig. Das löst bei den Kursteilnehmern Entsetzen aus. Und genau diese Wahrnehmung, dieses bewusste Abschätzen möchte die Ökotrophologin den Eltern näherbringen.

Enorm viel Zucker

Empfohlen wird von der DGE 1 Zuckerwürfel pro Lebensjahr, wobei die Maximalgrenze bei fünf Stück Würfelzucker pro Tag liegt. In einem einzigen Kinderfruchtyoghurt allein sind aber teilweise schon sechs bis sieben Zuckerwürfel enthalten. Obwohl die Wirkung von zuviel Zuckerauf die Gesundheit der Kinder allgemein bekannt ist: Übergewicht, Karies und Diabetes. Darüberhinaus kann Zucker regelrecht süchtig machen. „Die Geschmacksprägung findet zwischen dem ersten und dem dritten Lebensjahr statt“, erklärt Kristina Heinzel-Neumann. „Kinder merken nicht, wenn sie ein Yoghurt essen, das 6-7 Würfel Zucker enthält. Weil die Lebensmittelindustrie z.B. Zitronensäure dazugibt, um den Zucker zu verschleiern.“ Aber die Vorliebe für Süßes sei damit festzementiert. Mehr könne sich die Branche nicht wünschen. Süße man ein Naturyoghurt mit der entsprechenden Menge an Zucker, so wäre das nahezu ungenießbar.

Elternaufklärung vor Ort im Supermarkt

Kristina Heinzel-Neumann betreibt diese Aufklärung zur Ernährung von Kindern im Auftrag vom Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten. Zu diesem Zweck gibt sie Kurse und ist regelmäßig zwischen Bayreuth, Weiden und Tirschenreuth mit interessierten Eltern in Supermärkten unterwegs. Um sie zu schulen und „um die Kinderlebensmittel unter die Lupe zu nehmen.“ Nach ein bis zwei Stunden zusammen mit Heinzel-Neumann im Einkaufsmarkt kennen sich die Mamas und Papas mit den oft rätselhaften Nährwerttabellen auf der Rückseite der bunten Produkte für die Kleinen besser aus und wissen genau, worauf sie künftig achten müssen.

Eines möchte die Ökotrophologin aber nicht unerwähnt lassen. Nämlich, dass es in den letzten Jahren Ansätze für eine Besserung gegeben hat. Dass es Marken gibt, bei denen man den guten Willen in Bezug auf die Kindergesundheit sieht. Was sich Kristina Heinzel-Neumann für die Zukunft wünscht? Vor allem mehr Transparenz und mehr Ehrlichkeit seitens der Hersteller. Und für die Kinder wünscht sie sich Lebensmittel, die gesund sind. Eben Lebensmittel, die wirklich Lebensmittel sind und keine Süßigkeit.

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