26.03.2019 - 16:06 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Schandfleck nun ein Schmuckstück

Michael und Kirstin Schäffler verhelfen dem fast 200 Jahre alten Altstadthaus am Unteren Markt 9 in Erbendorf zu neuem Leben. Mit ihrer Investition tragen sie dazu bei, Leerstände zu beseitigen.

von Lena Schulze Kontakt Profil

"Wir wollten schon lange in ein altes Haus investieren", sagt Michael Schäffler. Seine Frau Kirstin stieß zufällig auf ein Objekt in Erbendorf. Sie überredete ihren Mann, es sich mal anzusehen. Überzeugt, ein altes Haus zu sanieren, aber von Gerüchten abgeschreckt, war der 49-jährige Bauingenieur zuerst nicht von der Immobilie am Marktplatz überzeugt. Seit einigen Jahren leerstehend sollen dort Feuchtigkeit und Schimmel herrschen. "Das Haus war totgesagt", erinnert er sich. Tatsächlich war es gar nicht so schlimm. "Im Gegenteil. Für so ein altes Haus war die Bausubstanz gut erhalten."

Als das Ehepaar das Gebäude zum ersten Mal betritt, fällt ihnen gleich das Gewölbe im Eingangsbereich auf. "Wenn das nicht gewesen wäre, hätten wir es wahrscheinlich nicht gemacht." Der Charme und Charakter des Hauses überzeugen ihn. Und diesen will der Bauingenieur unbedingt erhalten. Dennoch musste vieles neu gemacht werden. Vom Dach über die Fenstern bis hin zur Technik. "Wir haben das in Angriff genommen", sagt Schäffler. Innerhalb nur eines Jahres schaffte es die Familie aus Windischeschenbach, das Haus am Unteren Markt 9 in Erbendorf herzurichten und für Mieter bezugsfertig zu machen.

Im November 2017 kauften die Schäfflers Haus Nummer 9 am Unteren Markt bei einer Zwangsversteigerung. Bis die Überschreibung abgewickelt war, machte sich die Familie hauptsächlich am Wochenende daran, die Wohnung zu entrümpeln und auszuräumen.

16 Container Bauschutt

"Es war komplett vermüllt", erinnert sich der Bauherr. "Die ersten zwei Monate haben wir nur ausgeräumt." Auch das Abklopfen des Putzes erledigen sie in Eigenregie. Dabei tauchen an den Wänden zentimeterstarke Schichten von Farbe auf. "Einige Holzbalken sind zerfallen wie Pulver, als wir sie wegräumen wollten", sagt Schäffler. 16 Container Müll und Bauschutt schaufelt die Familie aus dem fast 200 Jahre alten Gebäude. Auch der 20-jährige Sohn Niels hilft mit und verbringt den Großteil seiner Semesterferien auf der Baustelle.

Im Januar 2018 ging es dann richtig los. Eine Spezialfirma machte sich daran, Boden und Wände im Erdgeschoss trockenzulegen. Schäffler legt besonderen Wert darauf, Firmen aus der Region zu beauftragen. Auch wenn der Bauingenieur insgeheim auf einen "Schatz" hofft - große Überraschungen gab es keine. Er rettet einige Fundstücke: Alte Ski, Schränke, Töpfe, Blechwannen. "Wir haben ein Faible für alte Sachen."

Immer offenes Ohr

Erstmals erwähnt ist das Gebäude 1830. Auf einer Notarurkunde, die Schäffler im Gebäude gefunden hat, stand, dass das Haus ursprünglich eine Schneiderei beherbergte. In den Stockwerken oben drüber lebten mehrere Familien. Einzig die Fassade steht als Ensemble unter Denkmalschutz. "Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz war ganz unkompliziert", betont Schäffler. Auch die Stadt kann er nur loben. "Es war eine hervorragende Zusammenarbeit." Den Bauherren ist man dankbar, den Schandfleck am Unteren Markt zu beseitigen. "Egal ob es Straßensperren waren, ob wir Bauschilder brauchten, das Wasser ab oder anstellen mussten, die Stadt hatte immer ein offenes Ohr", freut sich der Windischeschenbacher.

Auch die Feuerwehr unterstützte die Familie. Kreisbrandrat und Kommandant bescheinigen den Hausbesitzern, dass keine separate Fluchttreppe nötig ist. Bei einer Übung stellt sich heraus, dass man an einem speziellen Fenster mit Dachauftritt die Drehleiter ordentlich anlegen kann. "Das bekommt man nicht überall", ist Schäffler begeistert. "Eine enorme Hilfe."

Auf vier Ebenen sind drei Mietwohnungen entstanden. Das Appartement im Erdgeschoss ist barrierefrei zugänglich und rund 50 Quadratmeter groß. Das Single-Wohnung im ersten Stock misst etwa 70 Quadratmeter. Die dritte Wohnung hat circa 100 Quadratmeter und erstreckt sich über zwei Geschosse. Überall in den drei Wohnungen sind liebevolle Details, die an den Altbestand erinnern. Etwa die von Hand geschlagenen Balken, die vorher an der Decke verbaut waren, sind als Zier-Balken in den Wohnungen integriert. "Die alten Wände haben wir auch so schief und schebs gelassen wie sie waren." Bei der Stadt fragte der 49-Jährige speziell nach historischen Fotos und Bildern. Mit diesen Vorher-Nachher-Ansichten und weiteren Fundstücken will Schäffler den Hausgang gestalten.

Der Artikel zum Baubeginn:

Bürokratische Hürden

Eigentlich sollten die drei Mietwohnungen schon zu Weihnachten bezugsfertig sein, doch in den letzten Zügen der Sanierung kam es zu Verzögerungen. Seit Februar sind die Wohnungen nun vermietet. Trotz des Verzugs war die Bauzeit mit einem Jahr sehr kurz. Der Bauingenieur weiß, dass so etwas eine Seltenheit ist. Schwierigkeiten blieben bei der Sanierung dennoch nicht aus. Auf Landkreis-Ebene stieß Schäffler immer wieder auf Hürden. "Wenn es um Bürokratie und Antragstellung für das kommunale Förderprogramm ging, damit wir einen Zuschuss für die Sanierung bekommen, wurde es kompliziert."

Schäffler befürchtet, es dauere noch Jahre bis er das Projekt endgültig abrechnen kann. Auch wenn es um viel Geld geht, ist er am überlegen, die Anträge für die Förderung überhaupt zu stellen. "Ich weiß nicht, ob ich mir das tatsächlich antun will. Ob sich der ganze Stress lohnt", fragt sich der 49-Jährige. Entgegen dieser Schikane sei der Antrag bei der Stadt ein Kinderspiel gewesen.

Der Windischeschenbacher investierte insgesamt 300 000 Euro in das Objekt. "Es ist finanzierbar", kommentiert Schäffler. Sicher wäre es etwas anderes, wenn man keine Mieter hätte, sondern selbst darin wohnen würde. Dennoch würde Schäffler jederzeit wieder ein solches Projekt anpacken. Er möchte mit seinem Schmuckstück weiter Investoren animieren, ebenfalls ein altes Gebäude vor dem Verfall zu retten.

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