23.04.2020 - 14:19 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Sorgen in Rauch auflösen

Die Ursprünge des Räucherns gehen zurück bis in die frühe Geschichte der Menschheit. Noch in den 1950er Jahren räuchern Bauern Haus und Hof. Dann gerät die Tradition in Vergessenheit, um heute zu neuer Ehre zu kommen.

Die Auswahl an Produkten rund um das Räuchern ist enorm. Räuchern ist aber auch ganz einfach mit einem Kräuterbuschen möglich.
von Christa VoglProfil

Früher, als sie noch ein Kind war, so erinnert sich die 87-jährige Maria Christl aus Erbendorf, da war das Räuchern fester Bestandteil des Jahreskreises. "Früher" bedeutet in ihrem Fall noch bis kurz nach dem Krieg. "An Mariä Himmelfahrt wurde in der Kirche der Kräuterbuschen geweiht. Den hat dann meine Mutter zum Trocknen auf dem Boden unterm Dach aufgehängt. Und zu Weihnachten, an Heiligabend, wurde damit der Stall ausgeräuchert", erzählt die Seniorin mit den schlohweißen Haaren, die zusammen mit acht Geschwistern auf einem Bauernhof groß wurde.

Die Mutter habe den getrockneten Strauß vom Boden geholt und ihn mit einer brennenden "Holzschleißn" zum Rauchen gebracht. "Danach ist die ganze Familie betend durch das Haus und den Viehstall gezogen, vorneweg der Vater mit dem Buschen in der Hand. Dabei wurden die verschiedenen Räume im Haus und in den Viehställen ausgeräuchert." Ziel dieses jährlichen Rituals war es, Unglück von Mensch und Tier fernzuhalten und das Schlechte vom vergangenen Jahr zu vertreiben.

Religiöse Rituale

Mit Beginn der 1950er Jahre verschwand nach und nach diese Tradition des Räucherns. Nur in der katholischen Kirche waren und sind Weihrauch-Düfte weiterhin fester Bestandteil religiöser Rituale. Allerdings hatte der harzig duftende Weihrauch in der Kirche einen anderen Hintergrund: Dadurch sollten früher hauptsächlich schlechte Gerüche aus den Gräbern innerhalb der Kirche überdeckt werden. Heute ist Räuchern wieder "in Mode". Es trifft den Zeitgeist mit seiner Sehnsucht nach dem Traditionellen. Aber auch esoterische und schamanische Strömungen nutzen den alten Brauch.

Mit Schamanismus hat Regina Herrmann, zertifizierte Kräuterführerin, allerdings nichts am Hut. "In meinen Kursen hat das Räuchern einen bodenständigen Bezug." Deshalb verräuchert die 48-Jährige auch keine Giftpflanzen, da diese gesundheitliche Schäden verursachen können und im Ruf stehen, psychische Probleme hervorzurufen. "Durch das Feuer beim Räuchern wird der Mensch auf einer anderen Ebene berührt als beim Tee oder einer Tinktur, die beide auf den Körper wirken."

Man könne mit dem Räuchern von Kräutern reinigen, heilen, schützen und segnen. In Lifestyle-Magazinen werden dafür modernere Begriffe verwendet: Es ist die Rede von Entschleunigung, von Energetisierung. Und davon, dass man mit dem Rauch "Dinge ziehen lassen kann" und dadurch Veränderungen im Leben begünstigt. Muss man daran glauben, wenn es wirken soll? Man dürfe das Räuchern natürlich niemandem aufzwingen und man müsse ablehnende Haltungen akzeptieren, so Herrmann. Jeder müsse letztendlich für sich selbst entscheiden, ob das "etwas für ihn ist oder nicht". Je nach Zusammensetzung der verschiedenen Räuchermischungen sei ihre Wirkung zum Beispiel entspannend, stimmungsaufhellend oder reinigend. "Eine Mischung aus Salbei und Lavendel wirkt harmonisierend." Genau diese Mischung, so erzählt die Kräuterführerin mit einem Lächeln, habe sie vor einiger Zeit verwendet, um ihre beim Mittagessen streitenden Kinder zu beruhigen und "die dicke Luft" zu vertreiben. Die Reaktion der beiden Geschwister erfolgte auch prompt - aber leider nicht ganz so wie von ihrer Mutter geplant. Nämlich mit den Worten: "Mama, das kannst du sofort wieder löschen. Das hilft nämlich nichts!"

Brauchtum neu entdecken

Doch zurück zu den Menschen, die überzeugt sind, dass ihnen das Räuchern gut tut. Herrmann bietet ihnen die Möglichkeit, dieses alte Brauchtum neu für sich zu entdecken. Sie ist sich sicher, dass das Räuchern mit Pflanzen Klarheit und Gesundheit für Körper, Leib und Seele schenkt: Dazu zählt sowohl die Reinigung von Seele, Geist und Umgebung, als auch die Reinigung der Räume von energetischen und emotionalen Altlasten. "Ich räuchere zum Beispiel, wenn wir in unserer Familie die Grippe hatten", sagt sie. Erst wische sie durch, dann komme das Räuchern und das Öffnen von Türen und Fenstern. "Danach hat man das Gefühl, dass die Luft einfach sauberer ist."

Die Kräuter, die sie zum Räuchern verwendet, baut die Kräuterfachfrau aus Erbendorf entweder in ihrem eigenen Garten an oder sie sammelt sie in der freien Natur, die gleich hinter ihrem Haus beginnt. Nur wenige Pflanzen, wie zum Beispiel Wacholderspitzen oder Alantwurzeln, kauft sie über den Fachhandel. "Da ich mich nicht nur mit dem Räuchern beschäftige, sondern eben auch eine Ausbildung zur Kräuterführerin habe, kenne ich mich natürlich ganz allgemein sehr gut mit Kräutern aus." Dieses alte Wissen gebe sie gern weiter in Kochkursen oder bei Kräuterwanderungen.

Nicht nur Gras am Wegesrand

Während dieser Exkursionen werden auch Kräuter zum Trocknen für das spätere Verräuchern gesammelt, wie Beifuß, Johanniskraut, Quendel oder die Schafgarbe. Dass mit diesen Kursen die Teilnehmer eine Menge dazulernen - und zwar nicht nur im Hinblick auf das Räuchern - lässt sich an dem gut verpackten Kompliment einer Kursteilnehmerin erkennen, die nach einer Wanderung kopfschüttelnd sagte: "Und ich habe bisher immer gedacht, dass am Wegrand nur Gras wächst."

Tipps:

Anleitung zum Räuchern

Unbedingt mit einer Räucherzange oder einem -löffel arbeiten, da Verbrennungsgefahr besteht.

Etwas Räuchersand auf den Boden eines Räuchergefäßes aus Ton, Messing oder Kupfer geben.

Räucherkohle aufrecht in den Sand stellen und beidseitig entzünden.

Sobald die Oberfläche eine grau-weiße Schicht gebildet hat, die Kohle mit der Mulde nach oben hinlegen.

In die Mulde zerkleinerte Kräuter und Harze geben. Die Stoffe verglimmen und dabei steigt der spezifische Rauch in die Höhe.

Es ist auch möglich, ein Stövchen mit Siebeinsatz zu benutzen.

Es können auch Kräuterbuschen verwendet werden. (cvl)

Regina Herrmann ist zertifizierte Kräuterführerin. Sie weiß genau, welches Kraut sich zum Räuchern eignet, und gibt das Wissen über das alte Brauchtum gerne weiter.
Die bei einem Spaziergang in der Natur gesammelten Kräuter werden luftig aufgehängt und getrocknet.

 

 

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