Eine Kamera, eine topografische Karte, bunte Stifte und ein geschultes Auge sind die Dinge, die Manfred Schindler für seinen heutigen Arbeitstag benötigt. Der Bauingenieur aus Wolfratshausen ist entlang der Fichtelnaab in Erbendorf unterwegs, genauer gesagt im Bereich der Herrn- und Hanslmühle, später möchte er sich den Flussverlauf noch entlang der Bruckmühle bis zum Pegelhäuschen ansehen.
Der Grund: Manfred Schindler übernimmt die Vorarbeit zur Ermittlung von potenziellen Überschwemmungsgebieten. Etwa 36 Flusskilometer der Fichtelnaab - ab Brand bis zum Zusammenfluss von Fichtelnaab und Tirschenreuther Waldnaab bei Neuhaus - will er in den kommenden Wochen besichtigen. "Um schneller von A nach B zu kommen, nutze ich gerne mein Klapprad", sagt der 55-Jährige.
Gesetzliche Verpflichtung
Vor Ort ist beim Termin mit Oberpfalz-Medien auch Amelie Gleißner vom Wasserwirtschaftsamt (WWA) Weiden, zu dessen Amtsbereich auch der Landkreis Tirschenreuth gehört. Das WWA muss im Rahmen seiner gesetzlichen Verpflichtungen Überschwemmungsgebiete ermitteln und diese der Kreisverwaltung zur Verfügung stellen.
Hintergrund ist die Umsetzung der europäischen Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie aus dem Jahr 2007. "Deren Ziel ist es, die negativen Auswirkungen eines Hochwassers zu verringern und den Hochwasserschutz zu verbessern", sagt die 26-jährige Geografin. Denn das Risiko für Extremwetterereignisse nimmt durch den Klimawandel zu. Risikoflüsse wurden bereits abgearbeitet, nun befasse man sich mit den Gewässern Zweiter Ordnung.
Menschen und Gebäude schützen
Konkret bedeutet das: Es müssen Modelle erstellt werden, die zeigen, welche Gebiete bei einem Jahrhundert- bzw. Jahrtausendhochwasser überschwemmt werden könnten. Mit diesen Karten setzen Kreisverwaltungsbehörden später Flächen fest. In diesen Überschwemmungsgebieten wird das Errichten von Gebäuden oder anderen Objekten dann nur noch mit einer Sondergenehmigung möglich sein. Denn umweltschädliche Stoffe könnten bei einem Hochwasser auslaufen, Gegenstände mitgerissen werden und so die Fließwege des Wassers verändern. Was wiederum Auswirkungen auf andere bebaute Gebiete haben kann. "Im Prinzip geht es darum, die Bevölkerung auf das Risiko eines Hochwassers aufmerksam zu machen", sagt Amelie Gleißner.
Durch die Modelle können Eigentümer sehen, ob Wasser über Kellerabgänge oder Lichtschächte in das Haus eindringen könnte und dementsprechend Schutzmaßnahmen treffen. Vielen Erbendorfern wird das Hochwasser rund um die Weihnachtsfeiertage im vergangenen Jahr noch präsent sein. "Dieses Ereignis stufen wir als HQ 20 ein", sagt Amelie Gleißner. Damit ist ein Hochwasserereignis gemeint, das im Schnitt alle 20 Jahre vorkommt.
Flussbett wird vermessen
Für die Modelle werden jede Menge Daten benötigt - auch aus der Luft. Diese Aufgaben erledigen Flugzeuge mit Laserscannern. Diese erstellen ein digitales Geländemodell mit exakten Höhepunkten, stoßen aber bei der Vermessung der Gewässer an ihre Grenzen.
Hier kommt Manfred Schindler ins Spiel. "Nach meiner Arbeit vermisst eine weitere Firma vom Ufer aus, aber auch mit dem Boot das Flussbett und erstellt verschiedene Profile." Wo die sogenannten Regel- und Sonderprofile erstellt werden, legt er bei seinen Rundgängen fest, fotografiert diese mit seiner Kamera. Weiter spielt die Landnutzung eine Rolle - also, ob es sich um ein Maisfeld oder eine Wiese handelt.
In die Berechnung fließen auch Pegelstände aus den Messhäuschen und Fotos von Hochwasserereignissen mit ein. "Mit Drohnenbildern können wir unsere Simulationen auf Plausibilität prüfen", sagt Manfred Schindler. Hinzu kommen die Daten aus der Vermessung des Flussprofils.
Pegelhäuschen nicht eingezeichnet
Etwa alle 150 bis 200 Meter wird ein Regelprofil erstellt. Sonderprofile kommen an markanten Stellen mit komplexeren Fließbereichen wie etwa Brücken, bei Verzweigungen, Wehranlagen oder Kraftwerken zum Einsatz. Die entsprechenden Stellen zeichnet Manfred Schindler in seinen Karten ein. Durch die Begehung vor Ort zeigt sich auch, dass diese nicht immer aktuell sind. So verläuft eine Abzweigung entlang der Herrnmühle nicht mehr oberirdisch, auch das Pegelhäuschen und die Linda-Knod-Brücke sind noch nicht eingezeichnet.
Neben der Fichtelnaab werden in den kommenden Monaten auch die Tirschenreuther Waldnaab im Bereich um Liebenstein, Tirschenreuth und Falkenberg vermessen. Bei seiner Arbeit wird Manfred Schindler auch oft von Grundstücksbesitzern und Passanten angesprochen. "Ich erkläre gerne, was ich hier tue", sagt er. Die Leute seien aufgeschlossen und interessiert. Ab und an bekomme er zu hören, dass "hier seit 30 Jahren nichts mehr gewesen ist". "Eine einhundertprozentige Sicherheit vor einem Hochwasserereignis gibt es auch durch die Modelle nie, aber man kann sich besser darauf vorbereiten", sagt Manfred Schindler.
Gewässer-Kategorien
- Gewässer erster Ordnung: Gewässer, die wasserwirtschaftlich, durch ihre Nutzbarkeit, von größter Bedeutung sind, z. B. Waldnaab, Waldnaab-Flutkanal, Haidenaab-Flutkanal
- Gewässer zweiter Ordnung: mittelgroße Gewässer von größerer Bedeutung, z. B. Wondreb, Fichtelnaab, Tirschenreuther Waldnaab
- Gewässer dritter Ordnung: zumeist kleinere Gewässer und Bäche, Wildbäche
Quelle: Landesamt für Umwelt, WWA Weiden


























Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.