22.01.2021 - 12:08 Uhr
EschenbachOberpfalz

Vor 75 Jahren: Erste Wahlen nach dem Krieg und neue Gemeindegrenzen für Eschenbach

In eigener Verantwortung dem Wohl der Bürger dienen. Dieser Leitgedanke führt vor 75 Jahren zu den ersten freien Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch in der Region um Eschenbach änderte sich damals Vieles.

Welch ein schöner Ortsname, sagte einmal ein Besucher der Ortschaft Thomasreuth. Doch der wohlklingende Name beeindruckte die Regierung nicht. Schon vor den ersten Gemeinderatswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg kam es auf Anweisung der Regierung von Niederbayern und der Oberpfalz zum 1. Januar 1946 zur Auflösung von Kleinstgemeinden. Betroffen war unter anderem auch die bisherige selbstständige Gemeinde Thomasreuth
von Robert DotzauerProfil

Bürgerschaftliche Selbstverwaltung ist für eine lebendige Demokratie unerlässlich. Deshalb ist die kommunale Selbstverwaltung die Seele der Politik. Bereits die alten Griechen, die als erste die Demokratie mit Leben erfüllten, wussten davon. Daran gilt es zu erinnern, wenn vor 75 Jahren nach Zeiten der Zerschlagung und Gleichschaltung der kommunalen Selbstverwaltung durch die Nationalsozialisten mutige Männer und Frauen den Neuanfang wagten. Zu diesen Anfängen gehörte nach dem unsäglichen Leid des Zweiten Weltkrieges die erste Gemeindewahl in der amerikanischen Besatzungszone am 27. Januar 1946.

Kleinstgemeinden werden aufgelöst

Doch bereits vor den ersten freien Wahlen nach dem Krieg „bereinigte“ die Regierung von Niederbayern und der Oberpfalz mit Ermächtigung der Militärregierung mit Bekanntmachung vom 13. Januar 1946 rückwirkend zum 1. Januar 1946 Gemeindegrenzen. Auch im Landkreis Eschenbach wurden Gemeinden aufgelöst und Ortschaften umgemeldet, wie Bruno Uhl, ehrenamtlicher Stadtarchivar und ehemaliger Geschäftsleiter der Verwaltungsgemeinschaft Eschenbach vor 25 Jahren in einem Rückblick auf „50 Jahre Gebietsreform“ im Eschenbacher Stadtboten berichtete. Für die Stadt waren dabei die Auflösung der Gemeinde Stegenthumbach und deren Eingliederung in die Stadtgemeinde Eschenbach und die Auflösung der selbstständigen Gemeinde Thomasreuth von Bedeutung. Die Ortschaften Thomasreuth, Runkenreuth, Trag und Witzlhof kamen nach Eschenbach. Gössenreuth, Rosenhof und Kollerühle wurden der Stadt Grafenwöhr zugeschlagen. Hintergrund der Reform war die geringe Finanzkraft der aufgelösten Gemeinden.

Gemeinde- und Kreistagswahlen erste Bewährungsprobe

Der erste freie Wahlgang nach Krieg und Nazi-Diktatur wurde für die kommunale Selbstverwaltung eine Bewährungsprobe. In Eschenbach erklärten sich 18 Kandidaten auf einer Einheitsliste bereit, sich für die 11 zu vergebenden Stadtratssitze zu bewerben. Ein Frauenanteil war Fehlanzeige. In den ersten „Nachkriegsstadtrat“ wählte die Bevölkerung Franz Simon, Ludwig List, Lorenz Löw, Michael Kallmeier, Josef Prösl, Franz Scherm, Wolfgang Schloderer, Johann Steger, Baptist Lunz, Josef Gradl und Georg Reger. Bei der gleichzeitig stattfindenden Bürgermeisterwahl siegte der Lederhändler Josef Ficker. Zum Zweiten Bürgermeister wählte der Stadtrat Schneidermeister Franz Simon. Als Dritten Bürgermeister bestimmte der Rat Josef Gradl aus Stegenthumbach. Das Gremium amtierte bis zur Kommunalwahl 1948.

Auf Kreisebene begann die Normalisierung des kommunalpolitischen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg am 26. Juli 1945. Die amerikanische Militärregierung ernannte Josef Prüschenk aus Kirchenthumbach zum Landrat. Im Amtsblatt des Landkreises Eschenbach war schon im Herbst 1945 zwischen allerlei Bekanntmachungen auch von einer baldigen Kreistagswahl die Rede, die dann am 28. April 1946 stattfand. Wahlvorschläge waren für 27 Kreistagsmitglieder einzureichen. Amtlich stellte Landrat Prüschenk am 19. April 1946 die Anerkennung der Vorschlagslisten von SPD, CSU und KPD fest. Bei 49 Bewerbern war der weibliche Anteil mit zwei Kandidatinnen verschwindend gering.

Der Wahlsieger hieß CSU

Als großer Wahlsieger triumphierte die CSU. Sie gewann 19 Sitze, die SPD 7 Mandate. Die Kommunisten gingen leer aus. Gewählt wurden aus der CSU-Liste Josef Ficker (Eschenbach), Ulrich Fritzner (Auerbach), Hans Neuser (Wollau), Hans Pötzel (Neustadt am Kulm), Karl Meiler (Grafenwöhr), Josef Prüschenk (Kirchenthumbach), Leonhard Lehner aus Preißach, Hans Michel aus Pressath, Gottfried Deiml (Michelfeld), Gereon Motyka (Speinshart), Hans Höllerer (Krottensee), Michael Schatz (Oberbibrach), Sebastian Eichermüller (Pressath), Michael Bäumler (Grafenwöhr), Ludwig List (Eschenbach) Hans Haslbeck (Welluck), Johann Schecklmann (Kirchenthumbach), Franz Kormann (Auerbach) und Josef Maul (Treinreuth). Die SPD stellte folgende Kreistagsmitglieder: Adolf Schnödt aus Auerbach, Andreas Österreicher (Pressath), Adolf Bausenwein (Grafenwöhr), Hans Kreuzer (Neustadt am Kulm), Johann Benaburger (Neuhaus a.d.Pegnitz), Georg Heringklee (Kirchenthumbach) und Hans Blendinger (Eschenbach). Die Militärregierung musste die Wahl bestätigen. Einsprüche gab es nicht.

Gemäß den Vorgaben einer Regierungsentschließung wurde nur wenige Wochen später die Zahl der Kreistagsmitglieder von 27 auf 32 erhöht. Hintergrund waren die rasant gestiegenen Einwohnerzahlen nach der Flüchtlingswelle. Aus dem CSU-Wahlvorschlag wurde die Ersatzleute Fritz Brandt aus Grafenwöhr, Josef Rieger (Gunzendorf) und Michael Kopp (Eschenbach) zu Nachrückern. Für die SPD zogen zusätzlich der Auerbacher Michael Kugler und Georg Wiesner aus Pressath in den Kreistag ein.

Schon viele Entscheidungen in der ersten Sitzung

Am 4. Juni kam es dann im Gasthaus Rohrer in Eschenbach zur konstituierenden Sitzung des nun 32 Mitglieder zählenden Gremiums, in der Landrat Prüschenk mit 30 von 32 Stimmen wiedergewählt wurde. Schon in der ersten Sitzung gab es zahlreiche Anträge. Zu den ersten Beratungspunkten gehörte zum Beispiel der Appell des Kreistages an die Mallersdorfer Schwestern, im Krankenhaus Auerbach zu bleiben. Hintergrund war ein Antrag der „Marienbader Armen Schulschwestern“, die Betreuung des Kreiskrankenhauses zu übernehmen. Ausdrücklich sprach der Kreistag den Mallersdorfern das Vertrauen aus.

Nach einer ausführlichen Begründung durch CSU-Sprecher und Eschenbachs Bürgermeister Josef Ficker und Amtsrichter Dorner wurde von den Kreisräten ein Antrag angenommen, sich an einem zu gründenden Zweckverband für die Ansiedlung der Königsberger Tischler zu beteiligen. In einem weiteren Beschluss schloss sich der neue Kreistag einem Antrag von Kreisrat und Prälat Gereon Motyka an, dem Landesflüchtlingskommissar vorzuschlagen, „unter Berücksichtigung der völkischen und wirtschaftlichen Struktur“ des Landkreises dem Eschenbacher Kreisgebiet vor allem Egerländer zuzuweisen. Die Demokratisierung des Freistaates fortsetzend folgte kurze Zeit später am 30. Juni 1946 die Wahl zur Verfassungsgebenden Landesversammlung. Im Wahlkreis Niederbayern-Oberpfalz schaffte auch Landrat Josef Prüschenk den Sprung in das Gremium.

Volksabstimmung in Thomasreuth

Einen Nachhall hatte die von der Regierung angeordnete Auflösung kleiner Gemeinden zum 1. Januar 1946 trotzdem. Nach erheblichen Widerständen aus der Bevölkerung der betroffenen Orte führten die staatlichen Entscheidungen drei Jahre später am 18. Januar 1948 zu einer Volksabstimmung über die künftige Gemeindezugehörigkeit unter anderem in der ehemaligen GemeindeThomasreuth. Die Wahlbeteiligung lag beim Wahlgang bei 95 Prozent, als von 118 Wählerinnen und Wählern aus Thomasreuth, Runkenreuth, Trag und Witzlhof 102 für den Verbleib in Eschenbach stimmten.

Wiederholte Gebietsveränderungen musste die Ortschaft Großkotzenreuth hinnehmen. Als 1948 Tremmersdorf bis zur Gebietsreform 1972/78 wieder zu einer selbstständigen Gemeinde wurde, kam die 1946 nach Eschenbach eingemeindete Ortschaft Großkotzenreuth wieder zu Tremmersdorf. Endgültig nach Eschenbach eingegliedert wurde die kleine Ortschaft zum 1. Oktober 1957.

100 Jahre Wiederbesiedlung der Abtei Speinshart

Speinshart
Erster Landrat nach dem Krieg war der von der Militärregierung eingesetzte Josef Prüschenk Senior. Der Kirchenthumbacher wurde im April 1946 nach der ersten Kreistagswahl vom Kreistag bestätigt. Prüschenk wurde auch in die Verfassungsgebende Landesversammlung gewählt
In Wehmut gedachten nach der Zerschlagung des Landkreises Eschenbach im Jahr 1972 die Ex-Kreisräte des Kreistages Eschenbach in geselliger Runde der guten alten Zeit
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