13.08.2020 - 16:40 Uhr
EschenbachOberpfalz

Einmalig: Das Eschenbacher Heimatfest 1930

Heimat ist nicht nur ein geographischer Begriff. Er beinhaltet auch Familie, Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Spielgefährten, Sitten, Bräuche, Lebensart, Sprache, Mundart. Heimat ist ein Stück von uns selbst, ein großer Teil der Identität.

von hevProfil

Von Bernd Thurn

Heimatfeste wurden besonders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg abgehalten, doch reichen manche auch in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zurück. In der äußeren Erscheinung heben sich die Heimatfeste gerade von den Volksfesten dadurch ab, dass vor allem in Umzügen die Vorführung heimatbezogener Elemente betont wird. Daneben treten die Förderung der Zusammengehörigkeit, die Demonstration des Heimatbewusstseins und nicht selten auch die Werbung für den Fremdenverkehr.

Besonders im ostbayerischen Raum fanden und finden zahlreiche Heimatfeste statt, die oft sogar eine Woche lang dauern. Kein Wunder, schließlich mussten schon immer viele Oberpfälzer Landsleute ihr Brot in der Fremde verdienen und nahmen gerne das Angebot wahr, wieder einmal zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Das war auch beim großen Eschenbacher Heimatfest vor 90 Jahren so.

Denkmal verletzt Schamgefühl

Die Einweihung des Kriegerdenkmals bildete den Auftakt zu der dreitägigen Veranstaltung vom 15. bis 17. August 1930. Stadtpfarrer Johann Lommer war allerdings ebenso wie eine ganze Reihe einflussreicher Bürger gegen dieses Denkmal, da die Darstellung eines unbekleideten Kriegers ihrer Ansicht nach das Schamgefühl verletze.

Lommer betonte deshalb in seiner Ansprache, dass er nur das Kreuz, nicht jedoch den nackten Körper weihe. Aus Entrüstung wollte er auch sofort, ohne ein Gebet für die Gefallenen, den „schamlosen“ Ort verlassen. Doch sein Mesner, der zweite Bürgermeister Joseph Kirmeier, setzte lautstark mit dem Vaterunser ein, in das der geistliche Herr dann doch mit saurer Miene einstimmte. Erst nach der Weihehandlung durfte das Denkmal enthüllt werden.

Nürnberger Trichter sorgt für Heiterkeit

Gleich darauf musste die Musik zur Bahn, um die mit dem 11-Uhr-Zug eintreffenden Gäste abzuholen, darunter der „Nürnberger Verein der Eschenbacher“ mit Fahne und großem Nürnberger Trichter, der viel Heiterkeit hervorrief. Unter Begleitung der Musikkapelle Schreml, des Stadtrats, des Festausschusses und der Festjungfreuen wurden die Gäste durch die Stadt zum Rathaus begleitet.

Am Nachmittag fand in der Restauration Ackermann ein Konzert statt, wobei Kreisobmann Krämer aus Nabburg eine Ansprache hielt und Stadtoberinspektor Singhäuser, Landwirt Wedl und Hauptlehrer Sturm das Bundesverdienstkreuz überreichte. Abends wurde nochmals eine Anzahl Festgäste abgeholt, darunter die "Münchner Eschenbacher", die mit einem "Münchner Kindl" eintrafen.

Das Heimatfest hatte den Anstoß gegeben, am 5. Januar 1930 den „Verein der Landleute von Eschenbach und Umgebung“ mit Sitz in München zu gründen. War es doch der Wunsch des damaligen Bürgermeisters Johann Schmidt, dass die Eschenbacher aus München geschlossen an den Feierlichkeiten in der Heimatstadt teilnehmen sollten.

Fackelzug zum Festauftakt

Offiziell begann das Fest bei Einbruch der Dunkelheit mit einem Fackelzug durch die festlich mit Lorbeer und Eichengirlanden, Fahnen, Lampions und Fichten geschmückte Stadt zum Rathaus. Anschließend führten die Mitglieder des neuen Turnvereins unter großem Anklang mehrere Pyramiden auf, ehe zweiter Bürgermeister Josef Kirmeier, der "Bart-Moller" – bekannt für seine frei vorgetragenen, zu Herzen gehenden Reden – zu den Gästen sprach.

Der Festsaal des Ottoheimes, wo man sich danach zu einem Unterhaltungsabend traf, konnte die Besucher nicht fassen. Apotheker Wilhelm Bauer hieß als Festleiter alle willkommen und verlas die aus ganz Deutschland eingegangenen Glückwunschschreiben.

Bauernpfarrer als Festredner

Festredner des Abends war ein Heimatschriftsteller, der Bauernpfarrer Josef Weigert aus Mockersdorf, der darlegte, dass nur aus der Liebe zur Heimat die Liebe zu Volk und Vaterland, nur von unten oder Kleinem zum Großem erwachsen könne. Er regte an, dass in jeder Familie eine Familienchronik angelegt werde, die die Frau des Hauses führen solle, ebenso solle den Kindern, wenn sie in die Fremde zögen, ein Heimatbuch mitgegeben werden, in dem sich neben den Fotos der Eltern und der Großeltern mit Widmung einige Ansichtskarten von der Heimat befinden sollten. Unter großem Beifall schilderte danach Maria Schreml in Gedichtform Begebenheiten aus der Heimatstadt.

Schwimm- und Seefest am Rußweiher

Da sich Freunde, ehemalige Schulkameraden, Festgäste und Bürger Eschenbachs erst spät nach Mitternacht trennten, war der Schlaf recht kurz, denn am Samstagfrüh fand bereits um 5 Uhr ein Weckruf statt.

Nach einem Zug zur Pfarrkirche zelebrierte Geistlicher Rat Johann Lommer ein feierliches Hochamt für die verstorbenen Eschenbacher. Daran schloss sich ein Besuch des Friedhofes an, um gemeinsam an den Gräbern der verstorbenen Verwandten und Freunde zu beten und am Friedhofskreuz einen Kranz niederzulegen.

Die für den Nachmittag vorgesehene Heimatkundgebung im Freien, verbunden mit einem Schwimm- und Seefest am Rußweiher, verhinderte lang andauernder Regen. Daher traf man sich erst abends zu Festakten, die wegen der großen Besucherzahl in verschiedenen Lokalen abgehalten werden mussten. Spielte im Ottoheim die Musikkapelle Keim auf, so konzertierte im „Gasthof zum Goldenen Löwen“ die Kapelle des Badischen Infanterie-Regiments Konstanz.

Musikkapelle weckt Einheimische

Nach einem Vortrag über die Geschichte Eschenbachs und einem Streifzug in die nähere Umgebung begeisterte Bezirksamtmann Dr. Burger seine Zuhörer noch mit einem Lichtbildervortrag über Schönheiten der Stadt Eschenbach, alte Giebelhäuser, Gebäude und Straßen sowie Momentaufnahmen landwirtschaftlicher Idylle. Bezirksarzt Dr. Fuchs verzauberte alle mit einem Lichtbildervortrag über die herrliche Umgebung.

Am Sonntagfrüh gegen 5 Uhr weckte die Musikkapelle Einheimische und Gäste schon wieder aus ihrem kurzen Schlaf. Um 9 Uhr bewegte sich ein ansehnlicher Kirchenzug mit 16 auswärtigen Vereinen – an der Spitze die beiden gebürtigen Eschenbacher Ministerialdirektor Zettelmeier und Geheimrat Kroher aus München –, dem Stadtrat, zahlreichen Veteranen- und Kriegervereinen, Feuerwehren sowie Gesellen- und Burschenvereinen zum Gotteshaus. Kaplan Johann Gruber hielt eine "ergreifende Predigt" über Heimat, Elternhaus, Schule, Kirche, Friedhof, Heimatliebe und ewige Heimat, der Kirchenchor sang unter Leitung von Hauptlehrer August Sturm eine vierstimmige Messe.

Schier endloser Festzug in der Stadt

Nach dem Hauptgottesdienst marschierten die Vereine im geschlossenen Zug zum Kriegerdenkmal. Nach Abgabe von Ehrensalven sang der Kirchenchor das Lied „Rot wie Blut“. Oberst Aschauer aus Regensburg hielt im Auftrage des Präsidiums des Bayerischen Kriegerbundes eine längere Rede und legte einen Kranz am Denkmal nieder. Geheimrat Jakob Kroher widmete den gefallenen Eschenbachern einen "herzlichen Nachruf".

Im „Gasthof zur Krone“ versammelten sich danach die Krieger- und Veteranenvereine des Bezirks Eschenbach zu ihrem Gautag. Doch der Höhepunkt des Heimatfestes stand erst noch bevor: Am Nachmittag bewegte sich ein schier endloser Festzug, an dem etwa 3000 Personen mitwirkten, von der Pressather Straße aus durch die Stadt zu Bergkirche, wobei über 2000 Personen Spalier standen.

Herolde zu Ross mit Stadtwappen

Den Zug eröffneten drei Herolde zu Ross, von denen einer das Stadtwappen mitführte. Ihnen folgten Musik, Stadtrat, Vereine, darunter die Nürnberger mit ihrem riesigen Trichter und dem Spruch: "Der Nürnberger Trichter in alter Zeit, der machte die dümmsten Leute gescheit." Allgemeine Heiterkeit rief der Verein der Münchner Eschenbacher hervor, da vier Damen in Münchner Tracht ein dreijähriges "Münchner Kindl" mit einem Maßkrug und einem "Radi im Gewichte von 2 Pfund und 245 Gramm" auf einer Sänfte trugen.

Eine Bauernstube aus der guten, alten Zeit mit Spinnrad, Breche, Hechel, Haspel, Butterfass, Backtrog und -schüssel, Wiege, Kindsmagd mit Säugling, jungem Ehepaar und Ausnahmepaar war auf einem weiteren Festwagen zu bestaunen. Selbstverständlich fehlten hier nicht die Ziehharmonika und der Maßkrug. Nun folgte ein Jagdwagen, der eine Mittagspause mit einer Schar lustiger Jäger bei einer Treibjagd darstellte. Glück hatte die Jagdgesellschaft schon gehabt, da sie 2 Rehböcke, 1 Fuchs und 38 Wildenten erlegt hatte.

Drescher auf dem Erntewagen

Auf dem nachfolgenden Erntewagen ging es besonders lebhaft zu, da die Drescher mit ihren Dreschflegeln eifrig bei der Arbeit waren und die Garben nicht schnell genug herbeigetragen und weggenommen werden konnten, denn die Putzmühle stand auch schon bereit. Für Abhilfe bei übergroßem Durst sorgten mehrere Erntemägde mit Riesenkrügen, gefüllt mit dem edlen Nass aus dem mitgeführten Kommunwagen. Der Gesellenverein stellte einen Handwerkerwagen, wobei die Eschenbacher Bäcker ihre bekannten Lebkuchen herstellten.

Der „Saler-Hans“ spann eifrig seine Seile und der „Staffelhofner“ formte einen Blumentopf nach dem anderen. Die Metzger wursteten fleißig drauflos, emsig arbeiteten auch der Schuhmacher an einem Paar neuer Schuhe und der Spengler an einer Dachrinne. Der "Praun-Nazi" kam mit seinem „Bräuhaus“, einem riesigen Lagerfass Export-Bier, wobei jeder Liebhaber direkt an der Quelle eine kleine Kostprobe erhielt.

Himmelbett, Kruzifix und Kleiderkasten,

Den Schluss des Festzuges bildete ein vollständiger Kammerwagen mit Himmelbett, Kruzifix, Kleiderkasten, Tisch, Stühlen, Spinnrad, Truhen, Haspeln und allerlei Haushaltsgegenständen, ja sogar einem Dutzend Reisigbesen. Wie es damals allgemein Sitte war, erhielt die Braut ein Stück Vieh, das reichlich geschmückt an den Wagen gebunden war.

Auf dem ehemaligen Sportplatzgelände zwischen der Friedhofsallee und der Pressather Straße führten anschließend der neu gegründete Turnverein und mehrere auswärtige Vereine Turnübungen vor, ehe das Fest mit Unterhaltungsabenden in sämtlichen Gasthöfen der Stadt ausklang. Eine Streichmusik sorgte im Höllersaal (Gasthof zur Krone) für Stimmung. Die Bürgermeister Schmidt und Kirmeier wurden vom Eschenbacher Verein in München zu Ehrenmitgliedern ernannt.

Krieg setzt allem ein Ende

„Auf Wiedersehen beim nächsten Heimatfest in zehn Jahren“, so verabschiedeten sich die Gäste. Niemand konnte ahnen, dass dies ein Wunsch bleiben sollte, da der Krieg allem ein Ende setzte. Gerade deshalb kann das Heimatfest 1930 in Eschenbach den Anspruch erheben, „einmalig“ gewesen zu sein – aber auch, weil bis heute kein gleichartiges Fest folgte. Der Stadterhebungsfeier 1958, die viele Landsleute, Verwandte und Freunde in der ehemaligen Kreisstadt zusammenführte, lag ein anderes Thema zugrunde.

Auch die nach dem Zweiten Weltkrieg veranstalteten Rußweiherfeste und die in jüngster Zeit freudig begrüßten Bürgerfeste sind allemal kein Ersatz, mögen auch sie den Heimatgedanken und das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern. Organisation, Aufwand, Umfang und Inhalt des Festes 1930 fordern Achtung und Respekt vor dem Festkomitee, den Bürgermeistern, dem Stadtrat und der gesamten Bürgerschaft von Eschenbach. Dies umso mehr, als nach vorangegangener Inflation die materiellen Mittel der Bürger keinesfalls die besten waren.

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