01.09.2020 - 10:21 Uhr
EschenbachOberpfalz

Musiker über den Dächern der Stadt

So gut wie jede Stadt hatte auch Eschenbach früher Türmer, die ein wachsames Auge auf den Ort haben. Doch ein Türmer hielt nicht nur nach Gefahr Ausschau, sondern sorgte als Musiker auch für Stimmung.

Die Eschenbacher Stadtkapelle begleitet in den 1950er Jahren die Erstkommunionkinder von der Bergkirche zur Pfarrkirche. Josef Schreml wirkt als Tubaspieler mit.
von hevProfil

Die Menschen vergangener Jahrhunderte lebten in ständiger Furcht vor Ereignissen, die Leben und Besitz bedrohten. Kriegswirren mit dem Durchzug von Truppen gab es gerade in der Oberpfalz mit ihrer Lage an der Ostgrenze des Deutschen Reiches allzu häufig. Immer wiederkehrende Brandkatastrophen vernichteten das Hab und Gut der Bürger. Es ist daher verständlich, dass die Städte seit jeher einen ständigen Wachdienst einrichteten, der es dem Magistrat sofort zu melden hatte, wenn sich fremde Reiter näherten. Ausschau wurde gewöhnlich vom höchsten Turm der Stadt aus gehalten. Die Angestellten des Magistrats, die diesen Dienst leisteten, wurden deshalb „Türmer“ oder „Turner" (Thurner) genannt.

Historisches aus Kirchenthumbach

Kirchenthumbach

Der Türmer hatte seine Warnsignale mit einem Blasinstrument vom Turm herab zu geben, damit die ganze Stadt ihn hören konnte. Hinzu kam noch das sogenannte „Anblasen“ bestimmter Markt- und Feiertage, quasi eine öffentliche Bekanntmachung mittels Horn- oder Trompetensignal. Da der Türmer also schon von Berufs wegen ein Instrument beherrschen musste, ergab sich für ihn und seine Gesellen, auch für die Stadtmusik und Kirchenmusik Sorge zu tragen. Die Türmer waren echte Volksmusikanten, die bei Familienfesten und Kirchweihen zum Tanz aufspielten, häufig unterstützt von böhmischen Musikanten, deren überlegene Musikalität in der Oberpfalz bis in unser Jahrhundert sprichwörtlich war.

Als Lokal für die Feuerwache diente den Türmern in Eschenbach nicht der Turm der Stadtkirche, sondern der stattliche Rathausturm am Marktplatz, der uns im Bild nur noch in der Darstellung von Matthias Merian von 1644 überliefert ist. Das oberste Stockwerk des Turmes war von einer ringsum laufenden Brüstung umgeben, von der die Feuerschau und das Turmblasen nach allen Seiten möglich waren. 1819 wurde der Rathausturm wegen angeblicher Baufälligkeit eingerissen. Deshalb wurde die Türmerwohnung im Oberen Stadttor eingerichtet, wo sie sich bis zum Abriss dieses Tores 1866 befand.

Mehr als nur ein Familienname

Bereits im 17. Jahrhundert taucht der Name „Schräml“ im Thurneramt von Kirchenthumbach auf. Hans Georg Schrembl, der 1734 als Stadttürmer in Eschenbach eingestellt wurde, ist der Stammvater der Türmer- und Musikerfamilie Schreml in Eschenbach. Nach 45 Jahren Türmerdienst verstarb Hans Georg Schrembl oder Schremel 1778. Alle Stadttürmer bis zum Verschwinden dieser Berufsbezeichnung Anfang des 20. Jahrhunderts tragen den Familiennamen „Schrembl“ oder „Schreml“. Somit haben die Schremls fast 200 Jahre die Türmer in Eschenbach gestellt. Noch heute sind Träger dieses Namens außerordentlich begabte, zum Teil professionelle Musiker, die aus Eschenbach stammen bzw. hier ihren Wohnsitz haben.

Josef Schreml, Hausname Turner (1857–1917), stellte 1885 eine Blasmusik zusammen. Sie hatte keinen festen Namen, trat in der Öffentlichkeit aber als „Eschenbacher Blaskapelle“ auf. Ein großes Ereignis, bei dem diese Blaskapelle mitwirkte, war im Jahre 1904 die Eröffnungsfeier der Bahnstrecke Pressath–Eschenbach. In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg kam der ehemalige Militärmusiker Johann Keim nach Grafenwöhr. Da gerade kein geeigneter Leiter für die Eschenbacher Blaskapelle zur Verfügung stand, nahm man Verbindung zu ihm auf. Johann Keim übernahm die „Keim-Kapelle“, wie sie von nun an genannt wurde, als Leiter.

Musik im Blut

Nach dem 2. Weltkrieg formierte Josef Schreml (Aignmaxn Sepp: 1907–1990) die „Stadtkapelle Eschenbach“ neu. Eigentlich war er Landwirt und Metzger, die Musik betrieb er nur nebenher, denn leben konnte man davon nicht. Seine musikalische Ader verwundert nicht, stammte er doch aus dieser Musiker- und Stadttürmerfamilie. Als Tubaspieler war der "Aignmaxn Sepp" in der Stadtkapelle viele Jahre nicht wegzudenken. Doch wenn es sein musste, half er auch mit anderen Instrumenten wie Klarinette oder Trompete aus. Als ihn einmal jemand fragte, was er denn eigentlich alles für Instrumente spiele, antwortete er kurz und bündig: „Alles!“

Aus der gleichen Familie stammte auch der Eschenbacher Raimund Schreml, der als Fagottist bei so namhaften Orchestern wie den Nürnberger Symphonikern und dem Münchner Opernorchester tätig war. Der jetzige Leiter der Stadtkapelle Eschenbach Stefan Wittmann entstammt ebenfalls der Schreml-Dynastie. In der derzeitigen Ausstellung des Heimatvereins „Nach der Arbeit – Die Freizeit unserer Großeltern“ kommt auch die Familie Schreml vor. Außerdem kann der neue Film von Robert Neuber „Ackerbürger, Blues und Zoiglbier“ angesehen werden, der die Aktivitäten des Heimatvereins in den letzten Jahren dokumentiert und dabei viele Eschenbacher zu Wort kommen lässt.

So könnte er ausgesehen haben, der Rathausturm von Eschenbach, auf dem die Türmer ihren Dienst verrichteten. Matthias Helzel hat ihn nach dem Merianstich rekonstruiert.
Emma und Josef Schreml in ihrem Haus am Marienplatz.
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