11.09.2020 - 10:23 Uhr
EschenbachOberpfalz

Schritt für Schritt zu Gott

Wallfahrten spielen für viele Gläubige eine wichtige Rolle - daran kann auch das Coronavirus nichts ändern. Vor allem in Eschenbach hat das Pilgern eine wichtige Tradition.

Einige Musiker der Stadtkapelle begleiteten immer die Lieder während der Wallfahrt.
von hevProfil

Wie so viele andere Veranstaltungen musste heuer auch die Eschenbacher Wallfahrt nach Gößweinstein abgesagt werden. Für eingefleischte Wallfahrer war das schon eine herbe Enttäuschung, ist doch dieses „Gebet mit den Füßen“ ein fester Bestandteil im Jahresablauf der Rußweiherstadt. Wallfahrten sind stets eine gute Gelegenheit, Gott an einem besonderen Ort um Hilfe zu bitten. Die Wallfahrt von Eschenbach nach „Gesamastaa“ am Sonntag nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeitssonntag, die sich bis auf das Jahr 1851 zurückverfolgen lässt, fällt in die Zeit nach der Heuernte, so dass sich auch einzelne Mitglieder der Bauersfamilien wenigstens ein Wochenende Zeit nehmen konnten. In Wirklichkeit dürfte die Wallfahrt aber wesentlich älter sein. Man darf getrost von einem Beginn um 1600 ausgehen, nachdem aus dieser Zeit ein Nachweis für das Gnadenbild in der Bergkirche besteht.

Die Basilika von Gößweinstein, die nach Plänen des großen Architekten Balthasar Neumann im Barockstil erbaut wurde, erhielt 1739 ihre kirchliche Weihe. Am 2. Mai 1948 erfuhr das größte Dreifaltigkeitsheiligtum Süddeutschlands eine besondere Würdigung: Papst Pius XII. verlieh ihm den Ehrentitel einer päpstlichen „Basilika minor“. Als Besonderheit ist auf dem Hochaltar die vergoldete Darstellung der Krönung Mariens zu sehen. Früher begann die Wallfahrt der Eschenbacher um Mitternacht von Freitag auf Samstag in der Bergkirche. Bis 1971 wurde der Weg von Eschenbach nach Gößweinstein und zurück vollständig zu Fuß zurückgelegt. Seit 1972 treffen sich die Wallfahrer aus Sicherheitsgründen erst am Samstagmorgen um 6 Uhr in der Kirche zum Pilgersegen. Danach fahren Busse bis Pegnitz. Ab der Autobahnbrücke beginnt dann der Fußmarsch, nur unterbrochen von einer Pause in Pottenstein, bis zum Ziel der Wallfahrt, dem Gnadenbild von Gößweinstein. Spannend ist immer die Frage: Sind die Musiker mit ihren Instrumenten dabei? Der Weg führt überwiegend abseits der Hauptstraßen über Nebenstrecken und Feldwege durch Wald und Flur, betend und singend, wobei zwischen traditionellen und modernen Texten abgewechselt wird. Alle sind glücklich, wenn in der Ferne die Türme der Basilika zu sehen sind. Die Wallfahrer werden von einem Franziskanerpater am Ortsrand von Gößweinstein abgeholt. Traditionell wird mit dem Dreifaltigkeitslied mit seinen zwölf Strophen in die Basilika eingezogen.

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Alle Wallfahrer übernachteten früher in Gößweinstein. Am nächsten Morgen machten sie sich nach einem Gottesdienst auf den Heimweg. Zum 125-Bestehen im Jahr 1975 wurde erstmals ein Bus eingesetzt, der die Wallfahrer am Samstag nach der Marienandacht und dem Kreuzweg nach Hause fuhr. Am Sonntagmorgen bestand die Möglichkeit, wieder mit dem Bus nach Gößweinstein zu fahren. Traditionell beginnt heutzutage um 6 Uhr der Rückmarsch der 42 Kilometer langen Strecke. Mit Gebeten und Liedern geht es in Richtung Elbersberg. Nach dem Aufstieg, wo nicht gebetet wird, ist eine Pause angebracht. Dann geht es weiter nach Pegnitz zum Mittagessen. Am Treffpunkt oberhalb des Flugplatzes wird die Wallfahrt um 12 Uhr fortgesetzt. Das nächste Zwischenziel ist die idyllisch gelegene Laurentiuskapelle Weißenbrunn. Hier bieten schon seit vielen Jahren die Mitglieder der Jungen Union Erfrischungsgetränke an. Weiter geht der Wallfahrtsweg über die Hochebene des Kitschenrain in Richtung Kirchenthumbach. Dort werden nach altem Brauch die Wallfahrer vom Pfarrer der Marktgemeinde erwartet und in die Kirche zum Wettersegen begleitet. Nach einer Rast treffen die Wallfahrer aus Eschenbach noch mit den in der Zwischenzeit angekommenen Wallfahrern aus Kirchenthumbach zusammen.

Dann geht es weiter zur letzten Etappe. An dem von den Wallfahrern 1998 errichteten Dreifaltigkeits-Bildstock beim Hotel am See werden die Teilnehmer vom Eschenbacher Pfarrer begrüßt und zur Kirche begleitet, wobei auch viele Angehörige an diesem Zug teilnehmen. Die Eschenbacher Wallfahrtsführer waren Hans Schiener, Hans Blank, Georg Gradl, Josef Emmerling, Siegfried Bayer und Willi Trummer. Heute leitet Herbert Körper die Wallfahrt.

Bescheidene Unterkünfte

Es gibt einige Eschenbacher, die 50 oder 60 Mal an der Wallfahrt teilgenommen haben. Von Übernachtungen in schönen Gaststätten konnten Pilger in der Nachkriegszeit nur träumen. Sie waren froh, auf dem Heuboden eines Bauernhofes dem Dachboden eines Wirtshauses auf alten Matratzen schlafen zu können. Manche übernachteten gar auf der steinernen Bank, die rund um die Basilika verläuft. Nach dem 2. Weltkrieg waren fast nur Frauen unter den Pilgern. In ihren Rucksäcken hatten sie einige Äpfel, ein paar hartgekochte Eier, einen Ranken Brot und vielleicht ein Stückchen Geräuchertes, in einer Feldflasche einen Pfefferminztee. Die Frauen hatten nur ein Anliegen: beten um eine glückliche Heimkehr von Ehemann, Vater, Bruder oder Sohn. Sie wussten nicht, was mit ihnen passiert war, ob sie überlebt hatten oder noch in den letzten Kriegstagen gefallen waren. Das war der Grund, warum die Beteiligung in dieser Zeit überaus groß war.

Eine Eschenbacher Besonderheit war Karl Emmerling. Ein Mann von kleiner Gestalt hat das Wallfahrerbild jahrelang auf dem Hin- und Rückweg getragen – eine enorme Leistung. Er hatte im 2. Weltkrieg in Russland ein Gelübde gemacht: Nachdem er mit einer kleinen Gruppe von Kameraden einen anderen Weg eingeschlagen hatte als der größte Teil seiner Truppe, von der man nie mehr etwas gehört hat und auf diese Weise überlebte, hat er gelobt, jedes Jahr das Bild nach Gößweinstein zu tragen. In der ersten Zeit benutzte er einen einfachen Gurt, in dem das Bild steckte. Erst später stand ihm ein breiterer Gurt zur Verfügung, der das Tragen etwas erleichterte.

Männer wurden früher mit der Prophezeiung, man müsse sieben Mal nach Gößweinstein pilgern, „dass ma a guats Wei kriagt“, zum Mitgehen animiert. Gleiches galt umgekehrt für die Mädchen. Ihnen wurde als besondere Buße aufgetragen, vor Beginn der Wallfahrt Erbsen in die Schuhe zu legen. Die Klügeren unter ihnen machte das wenig aus, hatten sie doch die Erbsen zuvor einfach weich gekocht. In der derzeitigen Ausstellung des Heimatvereins „Nach der Arbeit – Die Freizeit unserer Großeltern“ ist eine Ausstellungswand auch der Wallfahrt gewidmet. Außerdem kann der neue Film von Robert Neuber „Ackerbürger, Blues und Zoiglbier“ angesehen werden, der die Aktivitäten des Heimatvereins in den letzten Jahren dokumentiert und dabei viele Eschenbacher zu Wort kommen lässt. Am Sonntag, 13. September, ist das Museum „Beim Taubnschuster“ wieder von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Das Museumscafé bleibt geschlossen.

Erschöpft, aber glücklich zogen die Wallfahrer Ende der 1950er Jahre wieder in Eschenbach ein.
Eine Kopie des Mariahilfbildes, wie sie auch in der Bergkirche in Eschenbach zu sehen ist, ziert die Vorderseite des Wallfahrerbildes.
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