Nach den Kommunalwahlen sollte in einer Mitgliederversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft Rückschau gehalten werden, auf welchen Gebieten sich Sudetendeutsche nach der Vertreibung um Eschenbach verdient gemacht haben. Zu der Veranstaltung, die Corona bedingt ausfallen musste und zu der führende Kommunalpolitiker ihr Kommen zugesagt hatten, hatte Obmann Walther Hermann bereits seine Erinnerungen formuliert und eingeräumt: Die tschechischen Vertreiber konnten unserer Vätergeneration auf Geheiß von Edvard Beneš Heimat und Besitz rauben, nicht aber erworbenes Wissen und Können.
Walther Hermanns Rückblick:
"Ich schicke voraus, dass sich die Sudetendeutschen in Eschenbach erst 1950 organisiert haben. Als Beweis dafür dient die Schrift ,Eschenbach in Vergangenheit und Gegenwart' aus dem gleichen Jahr. In ihr ist nachzulesen (Seite 93): ,Die Gründung Sudetendeutsche Landsmannschaft in Eschenbach erfolgte im Mai 1950'. Weitere Nachweise darüber sind nicht vorhanden. Vor vielen Jahren begründeten meine Eltern dies damit, dass bewusst keine Unterlagen aufbewahrt wurden. Es bestanden Bedenken und Ängste, dass die Grenze zu Tschechien nach Westen verlegt wird. Bereits zum Ende des Ersten Weltkrieg hatten seitens der Tschechen Pläne und Forderungen bestanden, ihre Grenze bis weit in die Oberpfalz hinein zu verlegen.
Doch zurück zu Eschenbach und seinen Neubürgern. Der Zufall wollte es, das Steuerberater Otto Bogendörfer im Jahr der Währungsreform in Kirchenthumbach mitbekam, wie Edmund Langhans der Tochter eines Mandanten Nachhilfeunterricht in Mathematik erteilte. Ich erspare mir Anmerkungen zu einem aus heutiger Sicht geradezu spektakulärem Prozedere: Im Kultusministerium fiel der denkwürdige Satz ,Dann fangts halt amal an', das zur Gründung der Privaten Realschule führte, die im September 1948 im Nebenzimmer einer Gaststätte in der Pressather Straße mit dem Unterricht begann. Leiter und Lehrkräfte waren nahezu ausschließlich Sudetendeutsche".
Der Obmann fährt mit seinem Rückblick fort: "Gespräche zwischen Erhard Engel und den Eheleuten Edmund und Dr. Elfriede führten dazu, dass nur ein Jahr später unser Landsmann Engel die Private Handelsschule ins Leben rief. Nach dem Wohnungswechsel der Familie Langhans und dem plötzlichen Tod von Engel übernahmen Karl Hager und Dr. Victor Kuntschik, ebenfalls Sudetendeutsche, die Leitung der beiden Bildungseinrichtungen, heute Gymnasium und Wirtschaftsschule. Ein weiteres kulturelles Standbein – das Volksbildungswerk, die heutige Volkshochschule – hat die ehemalige Kreisstadt ebenfalls einem Sudetendeutschen zu verdanken. Sie ist das Kind von Dipl.-Ing. Franz Sponer, der am 15. März 1955 im Sitzungssaal des Rathauses den ,Startschuss' gab. Er war von 1953 bis 1967 Leiter des Vermessungsamtes. Ihm stand sein Landsmann Dr. Franz Rudolf, Jurist am Landratsamt, zur Seite. Jahre später folgte ein Angehöriger der Nachkriegsgeneration deren Spuren."
Hermann erinnert sich weiter: "Rudolf Morgenstern wurde zum Initiator, Gründungsvater und von 1980 bis 1990 erster Vorsitzender des Stadtverbandes. Er war auch Triebfeder und Ideengeber, dass nach 30-jähriger Abstinenz 1983 wieder ein Faschingszug stattfand. Stets bescheiden wirkt Josef Bartl, der unter anderem 50 Jahre als ehrenamtliches Mitglied zum Prüfungsausschuss des Gremiums Weiden der Industrie- und Handelskammer wirkte und 2008 mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik geehrt wurde. Mich reizt der vielleicht provokativ wirkende Kurzkommentar dazu: ,Sudetendeutsche haben Kultur nach Eschenbach gebracht'.
Nicht unerwähnt sollen bleiben Leo Kies, Rektor der Volksschule von 1966 bis 1982, Vertreter des Schulrats am Bezirksschulamt Eschenbach von 1966 bis 1972, Landkreisbeauftragter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und mehr als 50 Jahre Instrumentalist in der Kirchenmusik, und Heiner Kern, der in den Jahren 1962 bis 1982 die Stadtkapelle leitete und aus einer Gruppe von Musikanten einen Klangkörper formte. Darüber hinaus gab er an der Pfarr-Musikschule Unterricht für Holzblasinstrumente und Klavier. In den 1950er Jahren war der Dichter, Heimatkundler, Volkskundler und Schriftleiter Karl Hübl Leiter der Landwirtschaftlichen Berufsschule".
"Auch in den Bereichen Wirtschaft und Handwerk setzten und setzen auch weiterhin Sudetendeutsche Zeichen. Es begann mit der Arbeitsgemeinschaft Königsberger Möbeltischler, dem Schreinereibetrieb der Gebrüder Hermann, der Bau- und Möbelschreinerei Bolland, der Wagnerei Trägner, der Dachdeckerei Müller, der Spielwarenfertigung Otto Metzler und der Kleintierhaltung/Hühnerfarm Franz Metzler, dem Steinmetzbetrieb Heinrich Dilling, Kino und Gaststätte Abdon Klein, und setzte sich fort mit der Schneiderei Hilde Czech, der Spielwarenfabrik Hugo Koch, dem Friseursalon Adolf Helzel, dem Kfz-Unternehmen Josef Richter, dem Schreinereibetrieb Kurt Jäger, der Gärtnerei Fischer und Elektrotechnik Wohlrab.
Viele Jahre wirkte Notar Dr. Alois Eberl. Mit seinem aus Brünn stammenden Landsmann und Landtagsabgeordneten Dr. Friedrich Arnold (Amberg) betrieb er hartnäckig die Verstaatlichung der damaligen Oberrealschule. Unvergessen bei der heutigen Oma-Generation bleibt Dr. Franz Richter, der erfolgreiche und verdienstvolle Leiter der Gynäkologie am Kreiskrankenhaus. Rechtshilfe leisteten beziehungsweise leisten Steuerberater Egon Seigerschmidt und Franz und Günther Dilling. Ebenfalls nicht unerwähnt darf das expandierende Unternehmen Lippert bleiben, mit dem der Egerländer Julius Lippert Mitte der 1950er Jahre in Pressath sesshaft wurde und nun in der 3. Generation in Eschenbach neue Akzente gesetzt werden".
Der Obmann geht in seinem Rückblick auch auf folgendes ein: "Ich blicke über die Ortsgrenze hinaus nach Speinshart. Es wissen wohl nur wenige, dass es seinen heutigen Stellenwert Sudetendeutschen verdankt. Das Kloster war nach der Säkularisation vor rund 200 Jahren zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Als nach dem Ersten Weltkrieg in dem neu geschaffenen Staatsgebilde CSR zunehmend deutsche Klöster aufgelöst wurden, kauften die Prämonstratenser des Stifts Tepl im Egerland Speinshart als mögliches Ersatzdomizil und erweckten es zu neuem Leben. Der älteren Generation ist sicher noch der Name Gereon Motyka ein Begriff, dessen Wort in den Jahren nach dem II. Weltkrieg landkreisweit Beachtung gefunden hat. Garantie, dass die Heimat der Eschenbacher Neubürger nicht vergessen wird, sind Straßenbezeichnungen wie Böhmerwaldstraße, Egerlandstraße, Sudetenstraße, Adalbert-Stifter-Straße, Dr. Friedrich-Arnold-Straße und Edmund-Langhans-Straße".
Erinnerung an Kommunalpolitiker
Obmann Walther Hermann erinnert in seinem Rückblick auch an Kommunalpolitiker: "Nicht vergessen bleiben sollen Kommunalpolitiker, die im Sudetenland geboren sind oder sudetendeutsche Wurzeln haben. Bereits 1948 zogen Oskar Kirchner, Willi Päsold und Willi Neidhart in den Stadtrat ein. 1952 folgten Kurt Hein, Rudolf Gröger und Georg Hermann. Hugo Koch erhielt 1956, Josef Ziegler und Bruno Fritsch 1960, Dr. Franz Rudolf 1972 und Erwin Böhm 1990 das Vertrauen der Wähler.
Unter uns weilen neun weitere ehemalige oder amtierende Mandatsträger.
Franz Dilling: 1990 bis 2008 Stadtrat, Fraktionssprecher CSU, 2009: Kommunale Dankurkunde des Freistaates, 2009: Ehrenzeichen des Bayer. Ministerpräsidenten für besondere Verdienste im Ehrenamt
Robert Dotzauer: 1978 bis 2014 Stadtrat CSU, 1984 bis 1990 zweiter Bürgermeister, 1990 bis 2008 erster Bürgermeister, 1984 bis 2008 Kreisrat, 2016: Bundesverdienstkreuz am Bande
Franz Fuchs: seit 2014 Stadtrat SPD
Peter Hübl: 1990 bis 2014 Stadtrat CSU, viele Jahre zweiter Bürgermeister, 2007: Ehrenzeichen des Bayer. Ministerpräsidenten, für besondere Verdienste im Ehrenamt.
Bereits seit 2008 übt sich Tochter Sabine (Schultes) in Familientradition.
Ingrid Kallmünzer, Tochter von Schulleiter Karl Hager: 1990 bis 2008 Stadträtin und Fraktionssprecherin SPD
Klaus Lehl: seit 1984 Stadtrat CSU, seit 2008 dritte Bürgermeister (bis 2020) und Kreisrat
Udo Müller: seit 2008 Stadtrat SPD
Gerda Rupprecht: 2002 bis 2008 Stadträtin CSU. (rn)

















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.