28.05.2020 - 09:29 Uhr
EschenbachOberpfalz

Tremmersdorf bleibt am längsten selbständig

Die Gebietsreform vor über 70 Jahren hat das Aus für Gemeinden wie Thomasreuth, Stegenthumbach und Seitental bedeutet. Diese Orte im Landkreis Eschenbach werden umgemeindet – bis auf Tremmersdorf.

Großkotzenreuth mit dem heutigen Hexenhäusl und dem Hotel Rußweiher gehört seit dem 1. Oktober 1957 zur Gemeinde Eschenbach.
von Walther HermannProfil

Von der Neueinteilung der Verwaltungs- und Rechtsbehörden zu napoleonischer Zeit waren die bayerischen Gemeinden nicht betroffen. Bayern, das seit 1799 durch Maximilian von Montgelas mit Eifer reformiert wurde, erhielt auf sein Betreiben am 25. Mai 1808 ein Gesetz mit 45 Paragrafen. Dieses trat am 1. Oktober 1808 in Kraft und gilbt als erste Verfassung in einem der großen deutschen Staaten. Diese „Gebietsreform“ ging an den Kommunen vorbei. Das Bayerische Statistische Landesamt veröffentlichte 1928 ein „Ortschaften-Verzeichnis für den Freistaat Bayern nach der Volkszählung vom 16. Juni 1925 und dem Gebietsstand vom 1. Januar 1928“. Es enthält unter Bezirksamt Eschenbach und Amtsgericht Eschenbach 30 Gemeinden und 111 Ortschaften.

Nach den Ergebnissen der Volkszählung sind in dem Verzeichnis aufgeführt: 2737 Haushalte, 2380 Wohngebäude, 11.599 Einwohner, davon 7122 männlich, 7177 weiblich, 13. 257 Katholiken, 1337 evangelische Lutheraner und 3 sonstige. Zu „Staatsangehörigkeit“ waren ermittelt worden: 11.320 Bayern, 57 übrige Reichsangehörige und 222 Ausländer.

Die Gemeinden mit ihren dazugehörenden Ortschaften sind alphabetisch angeordnet und enthalten für Eschenbach 1368 Einwohner und 222 Wohngebäude, für Eschenbachermühle 6 Einwohner und ein Wohngebäude und für Fledermühle 8 Einwohner und ein Wohngebäude. Der Gemeinde Moos sind zugeordnet: Haar mit 19 Einwohnern und 4 Wohngebäuden, Holzmühle mit 11 Einwohnern und 2 Wohngebäuden, Moos mit 86 Einwohnern und 14 Wohngebäuden und Penzenreuth mit 54 Einwohnern und 9 Wohngebäuden. Auch Pichlberg durfte sich Gemeinde nennen, und zwar mit den Ortschaften Hammermühle ( 6 Einwohner, ein Wohngebäude), Pichlberg (100 Einwohner, 15 Wohngebäude), Schmierhütte (4 Einwohner, ein Wohngebäude) und Zettlitz (59 Einwohner, 10 Wohngebäude).

Auch das kleine Seitenthal war Gemeindesitz mit Barbaraberg (52 Einwohner, 8 Wohngebäude), Dobertshof (34 Einwohner, 6 Wohngebäude), Pechmühle (4 Einwohner, ein Wohngebäude), Scheckenhof (23 Einwohner, 4 Wohngebäude) und Seitenthal (84 Einwohner, 15 Wohngebäude). Zu Speinshart gehörten vor 100 Jahren: Haselhof (14 Einwohner, 4 Wohngebäude), Münchsreuth (127 Einwohner, 27 Wohngebäude), Speinshart (136 Einwohner, 28 Wohngebäude), Süßenweiher (4 Einwohner, 1 Wohngebäude) und Tremau (36 Einwohner, 5 Wohngebäude).

Neun weit verzweigt liegende Orte bildeten die Gemeinde Stegenthumbach, zum Großteil im Gebiet des heutigen Truppenübungsplatzes: Boden im Tal (12 Einwohner, 2 Wohngebäude), Breitenlohe (22 Einwohner, 3 Wohngebäude), Hotzaberg (28 Einwohner, 4 Wohngebäude), Kleinkotzenreuth (27 Einwohner, 5 Wohngebäude), Netzart im Tal (46 Einwohner, 7 Wohngebäude), Römersbühl (15 Einwohner, 3 Wohngebäude), Stegenthumbach (170 Einwohner, 29 Wohngebäude), Weidlberg (10 Einwohner, 2 Wohngebäude) und Weihern (53 Einwohner, 7 Wohngebäude).

Acht Ortschaften werden unter Thomasreuth aufgeführt: Gößenreuth (120 Einwohner, 20 Wohngebäude), Kollermühle (9 Einwohner, ein Wohngebäude), Netzaberg (29 Einwohner, 6 Wohngebäude), Rosenhof (20 Einwohner, 3 Wohngebäude), Runkenreuth (28 Einwohner, 5 Wohngebäude), Thomasreuth (75 Einwohner, 11 Wohngebäude), Trag (25 Einwohner, 3 Wohngebäude) sowie Witzlhof (14 Einwohner, 2 Wohngebäude). Auch Tremmersdorf war selbständig mit Großkotzenreuth (20 Einwohner, 3 Wohngebäude), Haselbrunn (64 Einwohner, 9 Wohngebäude), Herrnmühle (6 Einwohner, ein Wohngebäude), Höfen (31 Einwohner, 4 Wohngebäude) und Tremmersdorf (221 Einwohner, 35 Wohngebäude).

Die Gebietsreform vor mehr als 70 Jahren bedeutete das Aus für die meisten dieser Gemeinden. Das Stadtarchiv Eschenbach gibt Aufschluss über das damalige Geschehen. Mit der Ermächtigung der Militärregierung hat die Regierung von Niederbayern und Oberpfalz mit Bekanntmachung vom 13. Januar 1946 rückwirkend zum 1. Januar 1946 eine Reihe von Gemeinden im Landkreis Eschenbach aufgelöst und Ortschaften umgemeindet. Für die Stadt Eschenbach waren dabei von Bedeutung die Auflösung der Gemeinde Stegenthumbach, die nach Eschenbach eingegliedert wurde, und die Eingliederung des Ortes Großkotzenreuth der aufgelösten Gemeinde Tremmersdorf. Die Auflösung der Gemeinde Thomasreuth führte dazu, dass die Orte Thomasreuth, Runkenreuth, Trag und Witzlhof zu Eschenbach und Gössenreuth, Rosenhof und Kollermühle nach Grafenwöhr kamen.

Der Grund für die Reform war die geringe finanzielle Leistungs- und Verwaltungskraft der aufgelösten Gemeinden. Offenbar bestanden aber auch erhebliche Widerstände gegen diese staatliche Aktion. Denn am 18. Januar 1948 fand eine Abstimmung über die Frage statt, ob mit diesen Gemeindezusammenlegungen Einverständnis besteht. Stimmberechtigt waren alle Personen, die das 21. Lebensjahr erreicht, ihren ersten Wohnsitz in der Gemeinde hatten, rechtskräftig entnazifiziert und höchstens als Mitläufer erklärt waren und ihre Geldbuße bezahlt hatten. Die Stimmberechtigten mussten in Wählerlisten eingetragen sein oder einen Wahlschein besitzen.

Info:

Abstimmung angefochten

Die Wählerliste für die aus der Gemeinde Thomasreuth nach Eschenbach eingegliederten Ortschaften wies 118 Stimmberechtigte aus. Ältester Wahlberechtigter war Josef Schmidt, geboren am 3. September 1858, am jüngsten war Therese Ernst (24. Oktober 1925), beide aus Thomasreuth. Für den Verbleib bei Eschenbach gab es bei einer Wahlbeteiligung von 95 Prozent 102 Ja- und 10 Neinstimmen.

Die Abstimmung in Gößenreuth wurde am 19. Januar 1948 angefochten, weil die Wählerliste nicht ordnungsgemäß erstellt – ein Großteil von Personen, der für den Verbleib bei Grafenwöhr gestimmt hätte, sei nicht eingetragen worden – und die Stimmzettel mit einem falschen Datum überstempelt worden seien.

Die Wählerliste von Großkotzenreuth enthielt acht Personen. Älteste war Theres Kraus (2. März 1871), die Jüngste Anna Kraus (11. September 1922). An der Abstimmung beteiligten sich sieben Personen, die alle mit Ja stimmten. Nach einem Vermerk in der Wahlniederschrift befand sich eine Person im Krankenhaus.

Das Wählerverzeichnis für Stegenthumbach enthielt 170 Stimmberechtigte. Älteste Person war Theres Deubzer aus Kleinkotzenreuth, geboren 18. Juni 1858. Am jüngsten war Anna Wallner aus Hotzaberg (23. Juli 1926). Mit Ja stimmten 89, mit Nein 3 Personen. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 54 Prozent.

Die Selbständigkeit wurde nur für die Gemeinde Tremmersdorf wieder hergestellt, und zwar zum 1. April 1948. Großkotzenreuth wurde wieder aus Eschenbach ausgegliedert. Ausschlaggebend dafür war vermutlich das Wahlergebnis in Tremmersdorf. Erst zum 1. Oktober 1957 kam Großkotzenrreuth endgültig zu Eschenbach. (rn)

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