01.09.2020 - 14:51 Uhr
EslarnOberpfalz

Grenzüberschreitende Patenschaft seit 30 Jahren

Der freundschaftliche Pakt zwischen der tschechischen Stadt Bela nad Radbuzou und der bayerischen Marktgemeinde Eslarn besteht seit 1990. Seither wurde er durch viele Treffen gestärkt. Nur heuer klappt es nicht.

Der Grenzübergang erinnert an die Patenschaften der Gemeinden und der Gedenkstein an die Partnerschaft der Soldaten.
von Karl ZieglerProfil

Am 19. August 1990 besiegelten die beiden Bürgermeister Ludovik Kopcek aus Bela nad Radbuzou und Karl Roth aus Eslarn mit ihrer Unterschrift, sowie mit dem Austausch von Urkunden die grenzüberschreitende Partnerschaft. Vorausgegangen war 1989 der Fall des "Eisernen Vorhangs" und die Öffnung der Grenze am Eslarner Ortsteil Tillyschanz nach Tschechien. Die nachfolgenden Gemeinde-, Schul- und Vereinsvertreter stärkten die solidarische deutsch-tschechische Gemeinschaft mit gegenseitigen Treffen über die Grenzen hinweg. Aufgrund der Corona-Pandemie musste das diesjährige Treffen zum Heimatfest ins nächste Jahr verschoben werden.

In den Chroniken und in der ländlichen Struktur ähneln sich die Entstehungsgeschichte der Gemeinden. Beide Orte wurden erstmals um das 12. Jahrhundert erwähnt. Die tschechische Stadt Bela (ehemals böhmisch Weißensulz) liegt am Zusammenfluss des Pössigkauer Baches und der Radbusa, eingebettet von sanften Hügeln, etwa 10 Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt. Eslarn ist von bewaldeten Bergen des Oberpfälzer Waldes eingeschlossen, liegt in einer Talsenke und die Fahrtstrecke zur Grenze beträgt etwa 4 Kilometer. Der Loisbach trennt die Ortschaft optisch in zwei Hälften.

In den Jahrhunderten herrschte in beiden Gemeinden durch Überfälle, Krankheiten und Brände große Not und furchtbares Elend. Im Jahre 1613 erhielt Eslarn die Marktrechte und das Wappen verliehen. Der Ort Alt-Weißensulz entstand 1121 aus einer Grenzwachstation der Pfraumberger Choden, in deren Reihen sehr viele Deutsche standen und die die böhmische Landesgrenze bewachten. Die Gemeinde Weißensulz wurde 1875 ebenfalls zum Markt erhoben und gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 zum Königreich Böhmen und war ein Teil der Monarchie Österreich-Ungarns. Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges tauchte das Gerücht auf, dass die Eisenbahn vom böhmischen Weißensulz nach Eisendorf über die Grenze nach Eslarn weitergeführt werden sollte. Nach dem Zerfall der Doppelmonarchie kam die Region zur Tschechoslowakei, nach dem Münchner Abkommen zum Deutschen Reich und gehörte bis 1945 im Landkreis Bischofteinitz zum Sudetenland.

Der Fall des Eisernen Vorhangs

Eslarn

Beneš-Dekrete und Kirchenweihe

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verkündete der ehemalige tschechoslowakische Präsident Edvard Beneš die Dekrete, mit denen er die Enteignung und Zwangsaussiedelung der Sudetendeutschen anordnete und das Grenzgebiet zur CSSR kam. Nicht nur in der weltlichen, sondern auch im kirchlichen Geschichtsablauf gab es Parallelen. Die Pfarrgemeinde Weißensulz fand im Jahre 1696 mit der Grundsteinlegung der Kirche ihren kirchlichen Ursprung. Fast zur gleichen Zeit brachte der Neubau der "Barock-Kirche" 1689 den Eslarnern endgültig den katholischen Glauben.

Nach dem zweiten Weltkrieg und der Errichtung des "Eisernen Vorhangs" durch die CSSR war der Grenzverkehr nur noch an größeren Grenzübergängen mit Visum und verstärkten Kontrollen möglich. Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 normalisierte sich das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarstaaten und es folgte der Aufbau politischer und menschlicher Kontakte. Höhepunkte der freundschaftlichen Gemeinschaft war am 3. Mai 1988 auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Karl Roth, sowie einiger Gleichgesinnter die Gründung des Fremdenverkehrsvereins (FVV) um Gründervorsitzenden Hans Bauer.

Eine wertvolle Ponierarbeit leisteten auf tschechischer Seite vor allem der ehemalige Bürgermeister Ludovik Kopcek, Touristik-Vorsitzende Dagmar Vejskalova und zweite Bürgermeisterin und Lehrerin Kamila Cislerova. Die Gemeinden Eslarn und Bela folgten am 19.8.1990 mit der Gründung einer Patenschaft, auf die heute noch Großurkunden in den Rathäusern und gegenseitige Treffen hinweisen. Aber auch die Schulen hüben und drüben sprachen sich für ein gegenseitiges Miteinander aus. Die Ideengeber des grenzüberschreitenden Schulkonzepts waren der damalige Eslarner Konrektor Josef Rauch, der tschechische Schuldirektor Miroslav Novy und Lehrerin Anna Ulmanova. Die Zakladni Skola in Bela und die Grund- und Teilhauptschule in Eslarn eilten mit dem Schulprojekt "Miteinander - voneinander lernen" und mit grenzüberschreitenden Unterrichten unter dem Motto "Fit für Europa" der Zeit voraus und pflegen diesen Schulpakt bis heute.

Blick auf freies Europa

Einer der vielen Höhepunkte in der deutsch/tschechischen Geschichte war 1996 im tschechischen Zelezna die gemeinsame Gelöbnisfeier der 500 Soldaten vom 33. Ausbildungsregiment Stribro und 120 deutschen Rekruten vom Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach. Auf die gegründete Partnerschaft weist direkt am Grenzverlauf ein Gedenkstein hin. Am geschichtlichen Ereignis nahmen hochrangige Ehrengäste, unter anderen der Parlamentarische Staatssekretär Walter Kolbow vom Bundesminister der Verteidigung und nahezu 4000 Gäste teil. Der Politiker wies auf ein freies und friedliches Europa hin und mahnte die Jugend, denen der Eiserne Vorhang nur von Hören und Sagen bekannt war, die Freizügigkeiten zu schätzen.

Den Beitritt der Tschechien Republik am 1. Mai 2004 in die Europäische Union feierten im "Park der Versöhnung" in Zelezna mit einem gemeinsamen Maifest zahlreiche Vertreter der Politik, Schule und Wirtschaft aus Tschechien und Bayern und zwei Kirschbäume an der Kirche in Bela weisen symbolisch auf die freundschaftliche Verbindung hin. Die Schüler aus Eslarn und Bela stellten zum Motto "Miteinander in die Europäische Union" erstmals gemeinsam einen Maibaum auf und entzündeten im Rahmen der Euroregio Sumava-Böhmerwald das Freundschaftsfeuer "Leuchtende Grenze". "Die EU-Grenze hat sich mit dem heutigen Tag um 1000 Kilometer nach Osten verschoben und die Grenzlinie wurde zu einer menschlichen Grenze" stellte damals Bürgermeister Libor Picka aus der Patengemeinde Bela fest. Nach dem sich der FVV in Eslarn inzwischen aufgelöst hat, ist es in den Jahren um die menschlichen Bindungen von West nach Ost und umgekehrt bis auf wenige Ausnahmen ruhiger geworden. Die nächsten Treffen der Gemeindevertreter von Bela und Eslarn sind 2021 zum Staffellauf und Heimatfest geplant.

Die Schüler aus Eslarn und Bela stellten gemeinsam mit den Bürgermeistern und Schulvertretern aus der Region zum Motto "Miteinander in die Europäische Union" gemeinsam einen Maibaum auf und entzündeten im Rahmen der Euroregio Sumava-Böhmerwald das Freundschaftsfeuer "Leuchtende Grenze".
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