20.01.2021 - 09:04 Uhr
EslarnOberpfalz

Professioneller Postkartensammler nun in Eslarn zu Hause

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Norbert Haidl kennt die ganze Welt im Kleinformat. Er betreibt das älteste und nach eigenem Bekunden einzige Fachgeschäft für historische Ansichtskarten Bayerns. Grenzen faszinieren ihn, deshalb wohnt er jetzt in Eslarn.

Norbert Haidl ist Postkartensammler aus Leidenschaft. Vor vielen Jahren machte er sein Hobby zum Beruf. Seit 2018 wohnt er in Eslarn.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Der 67-jährige Neubürger der Grenzgemeinde Eslarn bezeichnet sich selbst als "geradlinig". Schon allein die Entscheidung, vor 38 Jahren den Staatsdienst zu quittieren, um berufsmäßig mit Postkarten zu handeln, ist ein Indiz für seine Lebensphilosophie: "Entweder man lebt ehrlich, oder eben nicht." Bei ihm könne man sicher sein, dass er sich von christlichen Grundsätzen leiten lässt. So habe er sich europaweit mit seinem Postkartenhandel einen guten Ruf erarbeitet.

Besucht man Haidl in seinem Haus in einem Gässchen in Eslarn, sollte man Zeit mitbringen. Es gibt viel zu entdecken. An den Wänden zeugen Urkunden von Philatelievereinen und Zeitungsausschnitte von seiner großen Leidenschaft, die er bereits als Kind verspürte: "Ich war schon mit neun Jahren an Geschichte und Politik interessiert. So kam ich zum Postkartensammeln." Das untere Stockwerk seines Hauses hat er zum Lager und Büro umfunktioniert. Das heißt, er ist noch dabei, alles zu ordnen und die Räumlichkeiten mit Tausenden in Boxen, Schachteln und ganzen Schränken sortierten Postkarten einzurichten. "Ganz fertig bin ich noch nicht", gibt er offen zu. Trotzdem weiß der 67-Jährige, wo seine Schätze aus Papier vergraben sind. Nach kurzer Suche kann er die gewünschten Objekte samt Kaufgeschichte drumherum präsentieren.

Historische Postkarten aus Windischeschenbach

Windischeschenbach

Kinder, Kunst, Politik

Sein Sortiment an Ansichtskarten ist unfassbar groß, die Kategorien, Themen und Motive kaum aufzählbar: Glückwünsche, Frauen, Kinder, Kunst, Politik, Länder, Städte, Feldpost. "Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg werden von Privatleuten oft überschätzt. Es wurden Milliarden Karten verschickt. Die meisten sind weniger als einen Euro wert. Nebengebiete wie deutsche Truppen in der Türkei oder Palästina oder Zeppelin hingegen kosten ab fünf Euro aufwärts. Diese Karten muss man also ansehen", erklärt der Experte, der auf seinem Gebiet als Gutachter anerkannt ist. Unterschiedlich seien die Preise von Karten aus dem Dritten Reich. "Hier sieht das Gesetz Einschränkungen beim Handel vor. An die halten wir uns. Die NSDAP war sozusagen Staatspartei, die Postkarte ein Instrument der Propaganda. Ansichtskarten der Parteien, die verboten wurden, wie SPD oder KPD aus Exilzeiten bringen sicher ein Vielfaches einer Hitler-Postkarte."

Haidl ist in normalen Zeiten regelmäßig auf Tauschbörsen und Auktionen unterwegs. Er unterhält weltweite Sammlerfreundschaften. Es eint sie die Faszination an der kleinformatigen Erinnerung: "Postkarten zeigen die Welt, die Landschaften, die Häuser wie sie nicht mehr sind, zu einer Zeit, wo es noch keine Fotografie, keine Digital- oder Filmkameras gab. Das Haus der Großeltern, das nicht mehr steht, die Gastwirtschaft, die längst keine mehr ist. Der Schauspieler, den man einmal sehr verehrt hat." Auch nach Jahrzehnten liebt er es noch immer, alte Korrespondenzen zu lesen und dabei für Stunden tief in die Vergangenheit einzutauchen.

Preispyramide

"Was sind alte Postkarten wert?" - diese Frage würden sich Privatleute stellen, wenn sie zum Beispiel auf dem Dachboden des verstorbenen Opas eine Kiste voller vergilbter Sachen finden. Der Weg zum Fachhändler sei laut Haidl immer gut. "Alter, Erhaltung und Abbildung ergeben den Preis. Unbesehen kann man wenig sagen." Allgemein seien die Preise für Postkarten wie eine Pyramide. Unten sehr breit, nach oben wird es höher und enger. "Derzeit haben wir etwa 50 000 Karten ab dem Jahr 1896 im Angebot. Kistenweise bis zu einem Euro das Stück, ab und zu aber auch Karten zu Stückpreisen von über 50 Euro. Irgendwo dazwischen finden sich auch Ihre Ansichtskarten wieder. Vorsicht also, wenn man Ihnen einzelne Karten für wenige Euro abkaufen möchte", informiert der Fachmann.

Haidl hat seinen Handel "Histocard", für den er einmal pro Woche in sein Büro nach Ottobrunn fährt, mit alten Postkarten angemeldet. Als alt und geeignet gelten in der Regel Karten, die älter als 60 Jahre sind. "Wer uns alte Stücke verkauft, dem rechnen wir auch neuere Karten bestmöglich an. Neue Karten sind aber ein Platzproblem geworden, kubikmeterweise vorhanden und kaum verkäuflich. Seit 2016 kaufe ich deswegen keine neuen beziehungsweise modernde Postkarten mehr." Der Sammler legt großen Wert auf korrekten Handel. In seinem Fach würden sich leider zahlreiche schwarze Schafe tummeln. "Ich hatte immer einen guten Instinkt dafür, wenn mir Ware angeboten wurde, bei der es nicht mit rechten Dingen zuging."

Den Umzug in die Grenzgemeinde hat der langjährige Münchner noch zu keiner Minute bereut. Die Oberpfalz sei bereits 2012 in seinen Fokus gerückt, da einer seiner beiden Söhne in Regensburg lebt. Auch seine Lebensgefährtin stammt aus der Oberpfalz: "Ich lernte sie - eine Nittenauerin - 2015 in Berlin am Bahnsteig Richtung Süden kennen." Haidls Affinität zu Grenzen und Grenzorten ist familiär begründet: "Die Großeltern aus Tachau und Neumark Kreis Taus, mein verstorbener Vater dort noch 1926 geboren. Ich habe selber 11 Jahre in Kiefersfelden, an der Grenze bei Kufstein gelebt. 1996 habe ich die Ausstellung Grenzen auf Postkarten zum Nationalfeiertag im Säulensaal der Residenz alleine aus meiner Sammlung gestaltet."

Wunderschöne Oberpfalz

Die Oberpfalz sei einfach wunderschön. Viele Oberpfälzer würden seiner Meinung nach die Schönheit der Landschaft und das gute Leben auf dem Land nicht ausreichend schätzen. "Ich weiß jetzt mittlerweile, wie gut ein Dotsch ist. Und wie herrlich ist es, wenn ich hier in Eslarn in drei Minuten beim Bäcker oder Metzger bin, oder in sechs Minuten beim Friseur. Ich bin jemand, der in der Ortschaft einkauft. Ich schätze das ungemein."

Auch wenn das Interesse an Heimatkunde und speziell an historischen Postkarten in seinem neuen Wohnort ziemlich überschaubar sei, hoffe er darauf, als "Zuagroaster" gut aufgenommen zu werden. Mit dem Bürgermeister sei er bereits "per Du". Das habe sich gleich bei den ersten Gesprächen so ergeben. Ein spontaner Plausch ist ihm nämlich mindestens so lieb wie ein paar nette Zeilen per Post.

Zur Person:

Norbert Haidl und sein Handel mit historischen Postkarten

  • 1979, noch als Angestellter im öffentlichen Dienst, hat Norbert Haidl mit einer Nebentätigkeitsgenehmigung das erste bayerische Fachgeschäft für alte Postkarten in München eröffnet. Seit 1982 im Hauptberuf. Fast zehn Jahre betrieb er seinen Laden in der Parkstraße auf der Schwanthalerhöhe.
  • Nach zwei weiteren Stationen in München und Rosenheim und von Januar 2000 bis November 2018 im idyllischen Münchner Stadtteil Ramersdorf, befindet sich das Büro nun in der Leibnizstraße 1 im Gewerbegebiet von Ottobrunn, gleich an der Salzburger Autobahn.
  • Seit Januar 2010 ist die Firma "Histocard" auch im Internet mit einem eigenen Shop vertreten. Dort finden die Sammler auch Zubehör wie Hüllen und Alben.
  • Haidl besucht seit über 30 Jahren als Stammaussteller auch viele wichtige Sammlertreffen in Deutschland. So zum Beispiel die Ansichtskartenbörsen in Köln, Frankfurt, Stuttgart, Nürnberg, Berlin - und natürlich München.
Hintergrund:

Geschichte der Postkarte

  • Nach einigen Vorläufern wurde die Postkarte (zunächst Correspondenzkarte genannt) 1869 in Österreich-Ungarn und 1870 im Gebiet des Norddeutschen Bundes eingeführt. Bereits am ersten Verkaufstag, dem 25. Juni 1870, wurden allein in Berlin wurden 45 468 Stück verkauft.
  • Es regte sich zunächst in einigen Kreisen Widerstand. Man befürchtete, die offene Lesbarkeit der Karte könne dazu führen, dass beispielsweise Dienstboten Nachrichten an ihre Herren lesen könnten.
  • Schon im Deutsch-Französischen Krieg vom Juli 1870 bis Mai 1871 wurden etwa 10 Millionen Feldpostkarten von deutschen Soldaten verschickt. Als im Juli 1872 das Porto für Postkarten auf die Hälfte eines Briefportos gesenkt wurde, beförderte dies ihre massenhafte Verbreitung.
  • Ab dem 1. Juli 1872 wurden auch privatwirtschaftlich hergestellte Postkarten zugelassen. Dies ebnete auch den Weg für eine motivreiche Bebilderung der Karten. Offiziell wurde es privaten Verlegern im Deutschen Reich jedoch erst 1885 gestattet, Postkarten mit Ansichten herauszugeben.
  • Schon 1875 wurden Postkarten international versandt. Der Weltpostvertrag von 1878 legte genaue Richtlinien für deren Herstellung und die Gebührenerhebung fest. Ab Februar 1905 wurde im Deutschen Reich das bis heute gängige Postkartenformat festgelegt, bei dem die Vorderseite dem Bild vorbehalten ist und die Rückseite der Beschriftung mit Nachricht und Adresse dient
  • Die Ansichtskarte erlebte zwischen 1885 und 1918 ihre Blütezeit. Erst als nach dem 1. Weltkrieg die Zahl der Telefonanschlüsse rapide zunahm, ging die Nutzung der Postkarte immer stärker zurück.

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