22.05.2020 - 17:52 Uhr
Etsdorf bei FreudenbergOberpfalz

Neuzugang für "Kreuze Weg" Etsdorf: Bleiskulptur wiegt schwer

"Salva Vida" heißt der Neuzugang auf dem "Kreuze Weg" in Etsdorf. Das Werk des gebürtigen Schwandorfer Künstlers Christian Schnurer thematisiert das Schicksal Geflüchteter.

Eine in Blei abgeformte, vergoldete Kinderschwimmweste „hängt“ über einem Stahlrohrkreuz, an dem normalerweise Fähren vertäut werden.
von Externer BeitragProfil

Der „Kreuze Weg“ auf dem Weg zur Asphaltkapelle hat wieder Zuwachs bekommen: Der Münchener Künstler Christian Schnurer, ein gebürtiger Schwandorfer, hat eine in Blei abgeformte, vergoldete Kinderschwimmweste über ein Stahlrohrkreuz „gehängt“.

Schwimmwesten Geretteter

„Salva Vida“ heißt der Neuzugang auf dem „Kreuze Weg“ in Etsdorf. Sein Initiator Wilhelm Koch erklärt den Hintergrund: Seit 2016 thematisiere „Salva Vida“ die internationale Beziehung zwischen dem Zentrum Europas und den Lebensbedrohungen an den Rändern des Kontinents. „Schwimmwesten von Geretteten wurden bei der Rückfahrt von einem Hilfstransport von Lesbos nach München transportiert und als ,Ready Made‘ im öffentlichen Raum platziert.“

Pfarrer Moses Gudapati segnete das neue Künstlerkreuz „Salva Vida“, das der gebürtige Schwandorfer Christian Schnurer gestaltet hat.

Eine Ermahnung Nichtbetroffener

Koch verdeutlicht: „Jedes Objekt ist Repräsentant für ein Einzelschicksal, für die Angst und die Hoffnung eines unbekannten Menschen auf Lebensrettung. Es ist eine Ermahnung von Nichtbetroffenen an ihre Verpflichtung zur Hilfeleistung und eine Erinnerung an die Opfer der unterlassenen Hilfe.“ Während das Feldkreuz installiert worden sei, waren „in Camp Moria auf Lesbos 20 000 Geflüchtete interniert, ohne hygienische Mindeststandards oder Schutz vor dem Corona Virus. Europa gibt Milliarden aus für die Unterstützung der Wirtschaft und verweigert den Gestrandeten die Lebensrettung und ein Mindestmaß an Menschenwürde“.

Wichtig: Die Materialumwandlung

Die Bleiskulptur von Christian Schnurer wiegt 150 Kilo und ist mit einem Stahlrohrkreuz vergossen, wie es als Anleger zum Vertäuen von Fähren benutzt wird. „Die Kreuzform tritt zurück“, betont Wilhelm Koch: „Wichtig sind die Materialumwandlungen Schaumstoff zu Blei – Blei zu Gold – leicht zu schwer – arm zu reich, die den ambivalenten Umgang mit dem Migrationsthema in Politik und Gesellschaft sichtbar machen.“

Im Anschluss an die Kreuzsegnung fand die Asphaltkapellenandacht mit Pfarrer Moses Gudapati statt - mit Abstand und Mundschutz.

Der Freudenberger Pfarrer Moses Gudapati hat die Skulptur gesegnet. Normalerweise wäre das anlässlich des Asphaltkapellenfestes geschehen. Doch wegen der Corona-Beschränkungen konnte die Zeremonie diesmal nur mit kleinem Publikum stattfinden. Das „Salva-Vida-Feldkreuz“ ist aber öffentlich zugänglich und kann damit jederzeit besucht werden.

Hintergrund:

Der "Kreuze Weg" in Etsdorf

Kostbare Zeugnisse unserer Vorfahren finden in Etsdorf eine wertvolle Fortsetzung in das 21. Jahrhundert. Auf dem Weg zur Asphaltkapelle entsteht seit dem Jahr 2009 der sogenannte "Kreuze Weg" mit spannend und ungewohnt gestalteten Künstlerkreuzen.

Der Brauch, am Wegesrand Zeichen des Glaubens, des Andenkens, der Dankbarkeit, des Mahnens oder der Freude zu setzen, blieb über unzählige Generationen seit dem Mittalter erhalten. Damals wie heute haben diese Kleindenkmäler für uns Menschen große, persönliche Bedeutung. Sie erzählen von den Schicksalen Einzelner, von Familien, Gemeinden oder einer ganzen Region.

Zwischen 30 000 und 40 000 Flurdenkmäler aller Art gibt es nach Schätzung des "Arbeitskreises für Flur- und Kleindenkmalforschung in der Oberpfalz" in der Oberpfalz. "Diese Tradition ins Heute zu führen, ist Herausforderung und Geschenk", sagt Wilhelm Koch, der Initiator des "Kreuze Wegs".

Wilhelm Koch und der Verein der Freunde der Glyptothek Etsdorf konnten bereits 14 Kunstschaffende, aus der Heimat ebenso wie international, und in diesem Jahr mit Christian Schnurer einen weiteren namhaften Künstler gewinnen, die das zentrale christliche Sinnbild in einer zeitgenössischen Formensprache und Aussagekraft qualitätvoll umsetzen. In ihrer individuellen Konzeption bilden die Werke einen großen Bogen intensiver Symbolik ab, von göttlicher Barmherzigkeit bis zur zeitkritischen Auseinandersetzung mit dem Schöpfungsgedanken inmitten einer herrlichen Landschaft, die von den Landwirten für die zukünftigen Generationen gepflegt und erhalten wird.

Symbole helfen uns, Zugang zu etwas zu schaffen, ohne dass wir dafür Worte finden müssen. Im Werk von Christian Schnurer mahnt eine in Blei abgegossene Kinderschwimmweste an das Schicksal unzähliger Menschen, die aus Furcht um ihr Leben ihre Heimat aufgegeben haben, um in einer ungewissen Flucht ein wenig mehr als den Tod zu finden - eine Hoffnung, die allzu oft in den Meeresfluten untergeht. Die mit Blattgold überhöhte Skulptur ist an einem Stahlrohrkreuz montiert, wie sie bei Landestegen zum Vertäuen von Fähren benutzt wird. Die Weste steht für einen sterbenden Menschen, ein sterbendes Kind. Sie weckt die Assoziation zu Jesu Kreuzesworten "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Die Marterl früherer Zeiten waren oft einfache Volkskunst, in der die Zweifel und Hoffnungen der Menschen Ausdruck fanden. Sie waren dennoch ebenso zeitgenössisch wie die Kreuze auf dem Weg zur Asphaltkapelle. Der jüngste Beitrag wurde mit Unterstützung der Firma Lüdecke möglich.

Der "Kreuze Weg" in Etsdorf wächst weiter

Etsdorf bei Freudenberg
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