14.04.2019 - 16:15 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Warum gefangen? KZ-Horror macht 19-Jährigen fassungslos

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg präsentiert Venanzio Gibillinis Buch „Warum gefangen? Erinnerungen an die Deportation 1944-1945“ in deutscher Sprache. Es erzählt die Geschichte eines 19-Jährigen, „der nicht fassen kann, was passiert“.

„Mein Papa hat immer mit einem Lächeln von der Vergangenheit erzählt. Ohne Hass, Ressentiments oder Verbitterung“, sagt Walter Gibillini (Zweiter von links). Mit auf dem Bild sind Daniela di Benedetto, Vorsitzende des Com.It.Es München (von links), Jolanda Gibillini, Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte, Historikerin Grazia Prontera sowie Friedrich Peterhans, der das Buch ins Deutsche übersetzt hat.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

"Heute wird nicht nur ein Buch vorgestellt, sondern auch ein Mensch und seine schwere Geschichte", sagt Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte auf der Pressekonferenz im Museumscafé. Der ehemalige KZ-Häftling und Zeitzeuge Venanzio Gibillini sei im Januar im Alter von 95 Jahren verstorben. "Es ist traurig, dass er nicht mehr hier ist. Das Schöne ist, dass etwas bleibt. Das ist auch die Aufgabe unserer Gedenkstätte: erinnern und bewahren."

Der Weidener Friedrich Peterhans, Redakteur bei Oberpfalz-Medien, hat Gibillinis Buch ins Deutsche übersetzt und mit herausgegeben. Im Museumscafé erzählt der Journalist die Geschichte eines 19-Jährigen, "der nicht fassen kann, was passiert". Nachdem Venanzio Gibillini seiner Wehrpflicht nicht nachgekommen war, hatte ihn die politische Polizei im Juli 1944 in Mailand verhaftet. Was folgte, war eine elfmonatige Odyssee, die ihn zunächst ins Gefängnis San Vittore und dann in die Konzentrationslager Bozen-Gries, Flossenbürg und Kottern führte. Dabei habe er "Hunger, Kälte und Erniedrigungen" erlitten.

Flossenbürg

Ein Buch als Brücke

Trotz dieser Erfahrungen sei Gibillini ein "lebensfroher Mensch" gewesen, betont Peterhans, der diese "faszinierende Persönlichkeit" vor acht Jahren persönlich kennengelernt hatte. Damals habe ihm der Italiener das Buch geschenkt und Peterhans sei begeistert gewesen, wie "einfach, präzise und menschlich" es geschrieben ist. Es sei "nicht vorwurfsvoll und anklagend, sondern optimistisch und ermutigend." Gemeinsam mit Daniela di Benedetto, Vorsitzende des Com.It.Es München, dem Verband der Auslandsitaliener in Bayern, und Grazia Prontera, Historikerin an der Universität Salzburg, machten sie sich an die Arbeit.

Dabei entstand ein "schönes, zweisprachiges Buch als überdauernde Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft", sagt di Benedetto. Es sei "das Gedächtnis der Menschen, die nicht überlebt haben" sowie eine wertvolle Quelle für Historiker, sagt Prontera.

"Er wollte erinnern"

Außerdem liefere es ein "Beispiel, um uns für eine vielfältige und demokratische Gesellschaft zu engagieren", ergänzt Prontera und betont. "Er wollte erinnern." Gibillini kam regelmäßig nach Flossenbürg und begleitete die Entwicklung der Gedenkstätte über viele Jahre als Zeitzeuge. In Italien besuchte er noch mit über 90 Jahren Schulen, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Dann habe er etwa davon erzählt, wie er in Kottern für den Flugzeughersteller Messerschmitt arbeitete und während einer Nachtschicht einen Streifen Aluminium gefunden habe, auf dem der Name seiner Heimatstadt "Milano" eingestanzt gewesen sei. Dem habe er noch das Wort "Mamma" hinzugefügt und sich daraus heimlich einen Löffel modelliert, erzählt sein Sohn. Viele Schüler seien von der Geschichte überwältigt gewesen, weil sie erkannten, dass dieser alte Mann, der ebenso gut ihr Großvater hätte sein können, auch einmal jung gewesen und Sehnsucht nach seiner Heimat und seiner Mutter gehabt habe.

Als sie ihn 2015 im Rahmen der 70-jährigen Befreiung des Konzentrationslagers kennenlernte, sei Di Benedetto von Gibillinis hellem Blick und seiner Freundlichkeit beeindruckt gewesen. Seine Güte und Menschlichkeit werde in der Erinnerungskultur fehlen, aber "es geht weiter", ermutigt Skriebeleit. Walter Gibillini betont, er wolle die Erinnerungsarbeit seines Vaters fortführen und Schülern von den Erfahrungen seines Vaters erzählen.

Internationale Jugendbegegnung:

Im Rahmen der Internationalen Jugendbewegung sind in der Pressekonferenz auch Abiturienten aus Verona zu Gast. "Es geht weiter", sagt Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte. "Junge Menschen von überall her treffen sich in der Gedenkstätte. Das zeigt, dass Interesse da ist."

Unterstützer des Buches:

- ANED di Milano, Mailänder Sektion der italienischen Vereinigung der ehemaligen Deportierten der nationalsozialistischen Lager.

- Bezirk Oberpfalz

- Com.It.Es di Monaco di Bavièra

- Familie Gibillini

- KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

- "Neustadt lebt Demokratie" als Teil des Bundesprogramms "Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

- Stadtarchiv München

- Universität Salzburg

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