20.08.2019 - 15:54 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Geschichte begreifen

Für Schulklassen gibt es in der KZ-Gedenkstätte eine Objektkiste. Sie enthält Gegenstände aus dem Alltagsleben der Häftlinge. Schnell nehmen im Kopf Bilder Gestalt an.

Die Reproduktion des Fotoalbums eines SS-Mannes, der hier den Spaziergang mit seinem Sohn dokumentiert.
von Gabi EichlProfil

Eine Gedenkstätte, die wie eine Parkanlage aussieht. Großeltern, die selbst erst Kinder waren, als der Krieg zu Ende ging. Wie vermittelt man heute jungen Menschen ein Bild von dem, was in Deutschland während der NS-Zeit geschehen ist? Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hat interessante Ansätze entwickelt.

Geht man ohne kundige Begleitung und entsprechendes Hintergrundwissen durch die KZ-Gedenkstätte, hat man ein ernsthaftes Problem, sich auch nur ansatzweise das Grauen und das Leiden vorzustellen, das Menschen hier vor knapp 80 Jahren erlebt haben. Dort, wo einst Häftlingsbaracken standen, steht eine Wohnsiedlung, das Lagerleben von damals ist nur sehr schwer nachvollziehbar. Ein Teenager von heute hat auch keine Großeltern mehr, die den Krieg erlebt haben. Und in wenigen Jahren wird es keinen lebenden Zeitzeugen mehr geben. Was unterscheidet für junge Leute dann die NS-Zeit vom Dreißigjährigen Krieg oder den Feldzügen Napoleons?

In der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg weiß man seit langem um das Problem, vor allem weil Flossenbürg nicht mehr viel von der ursprünglichen Lagerstruktur zu bieten hat. Deshalb hat man eine Objektkiste für Schulklassen entwickelt.

Eine was? Dr. Matthias Rittner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bildungsabteilung der Gedenkstätte, steht von seinem Schreibtisch auf und holt eine mittelgroße Plastikbox aus einer Ecke seines Büros. Das ist die Objektkiste. Und die hat angeblich schon ganze Schulklassen stundenlang beschäftigt.

Kratziger Stoff

Rittner entnimmt der Plastikbox ein Paar Holzschuhe, ein Stück kratzigen Stoffs, einen selbstgebastelten Löffel, ein Emaille-Teil mit verrostetem Stacheldraht daran. Und sagt, das seien exakte Reproduktionen der Holzschuhe, die die Häftlinge tragen mussten, des Stoffs, aus dem die Häftlingsgewänder waren, eines Löffels, den ein Häftling sich aus einem geklauten Aluminiumstück selbst zusammengedreht hat, und eines sogenannten Isolators der elektrischen Lagerzäune.

Man nimmt den Holzschuh in die Hände, eins zu eins nach einem Original gefertigt, und schon nehmen die Bilder im Kopf Gestalt an. Ein Stück Holz als Sohle und extrem hartes Leder darüber. Man stellt sich sofort vor, wie ein Mensch mit einem Fußproblem auf diesem Stück Holz mit Leder darüber in den Steinbruch hinkt, um dort stundenlang zu arbeiten. Rittner lächelt. Er kennt diese Reaktion aus der Arbeit mit Schulklassen. "An diesen Schuhen haben sich junge Leute schon stundenlang abgearbeitet", sagt er. Da komme ein Gedanke zum nächsten. Was etwa, wenn diese Schuhe nicht genau passten? Und die SS werde kaum einen Gedanken darauf verschwendet haben, für jeden Häftling den exakt passenden Holzschuh zu finden. Wenn also der Fuß zu groß für den Schuh war? Dann stand die Ferse auf dem betonharten Leder, während der Mann in dem Schuh im Steinbruch arbeitete? Plötzlich rückt das Grauen, das Leiden in eine Nähe, die es zwar nicht nachvollziehbar macht, die aber wenigstens eine Vorstellung davon erweckt.

Ungewaschene Kleidung

Oder das Stück Stoff. Ein relativ kratziger beige-blau-gestreifter Fetzen. Wie anders, wenn man das Stück in Händen hält, als nur das Original unter Glas zu sehen. Und wenn man sich dann vorstellt, dass Menschen tagaus, tagein eine Hose und eine Jacke aus diesem Stoff tragen mussten, die nie gewaschen wurden. Was es aus einem Menschen macht, der Wochen, Monate, Jahre dieselbe Kleidung trägt, 24 Stunden am Tag, die nie gewaschen wird.

Rittners Worten zufolge verfügt die Gedenkstätte Flossenbürg nur über wenige Originale, darum habe man die Nachbildungen anfertigen lassen; diese seien aber absolut originalgetreu.

Überlebenswichtiger Löffel

Eine ganz eigene Geschichte erzählt der selbstgebastelte Löffel. Die Häftlinge bekamen zu Beginn einen Löffel für die Mahlzeiten, ging dieser Löffel verloren, gab es keine Mahlzeit mehr. Der Löffel stand also unmittelbar für Leben oder Tod. Dem einen Häftling gelang es, sich im Verlustfall einen Löffel zu basteln, ein anderer stahl einem Mithäftling dessen Löffel. Die Überlebende Helena Bohle-Szacki erinnert sich einem Interview für das Projekt "Zwangsarbeit 1939-1945" an den einzigen Diebstahl ihres Lebens: den Löffel eines Mithäftlings.

Die Objektkiste wurde den Worten Rittners zufolge zunächst in einfacher Sprache für Förderschulklassen entwickelt. Schnell habe man jedoch erkannt, dass diese Art der Wissensvermittlung auch für andere Schulen funktioniere, sagt Rittner, der zusammen mit einer Kollegin maßgeblich an der Entwicklung der Objektkiste beteiligt war. Die Kiste enthält inzwischen auch die Reproduktion eines Fotoalbums eines SS-Mannes mit Bildern, die den Mann in Uniform zeigen, wie er mit seinem Sohn den Weg zur Burg hinaufsteigt. In Schönschrift steht neben den Bildern: "An einem Sommer Sonntag Morgen ganz unbeschwert und ohne Sorgen so stiegen sie den Berg hinan der Vati mit dem Sohnemann." Ein ganz normaler Familienvater, kein Psychopath, der am nächsten Werktag wieder seinen Dienst im KZ tat.

Ein paar Bilder in einem Fotoalbum. Eine Reproduktion als Teil einer Objektkiste. Ein unscheinbares Objekt, das laut Rittner schon vielfach lange Diskussionen unter Schülergruppen ausgelöst hat.

Dr. Matthias Rittner, wissenschaftlicher Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte, erklärt die Objektkiste.
Das SS-Kommandanturgebäude ist das Eintrittstor zum Lagergelände. Die Gedenkstätte leidet darunter, nicht mehr allzu viel von der einstigen Lagerstruktur zeigen zu können.
Themenrundgang:

Häftlingstransporte

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg bietet zusätzlich zu dem regulären öffentlichen Rundgang am Sonntag, 25. August 2019, um 15 Uhr eine besondere Führung zum Thema „Häftlingstransporte“ an. Treffpunkt ist vor der ehemaligen Lagerwäscherei. Die Teilnahme ist kostenlos.

Die Nationalsozialisten transportierten Millionen Menschen aus den besetzten Gebieten in Zwangsarbeiter- und Konzentrationslager, um in den angegliederten Arbeitsstätten die Arbeitskraft der Gefangenen unter mörderischen Bedingungen auszubeuten. In dem Rundgang beleuchten die Geschichtswissenschaftlerinnen Elisabeth Singer-Brehm und Katharina Winter, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die zahllosen Transporte, mit denen unter ungeheurem logistischem Aufwand die durch Hunger und Krankheiten kaum noch arbeitsfähigen Häftlinge zwischen den verschiedenen Lagern verschoben wurden. (exb)

Informationen:

Öffnungszeiten der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hat von März bis November täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet (von Dezember bis Februar täglich von 9 bis 16 Uhr).

Öffentliche Rundgänge werden samstags und sonntags um 14 Uhr angeboten, ein zusätzlicher Rundgang findet am Mittwoch, 28. August, um 14 Uhr statt.

Allgemeine Informationen gibt es unter Telefon 09603/90390-0, E-Mail information @gedenkstaette-flossenbuerg.de und www.gedenkstaette-flossenbuerg.de, Informationen zu Bildungsangeboten und Buchung unter Telefon 09603/90390-10 (montags bis mittwochs und freitags von 9.30 bis 12.30 Uhr sowie donnerstags von 12 bis 16 Uhr) oder E-Mail bildung @gedenkstaette-flossenbuerg.de.

Adresse: KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Gedächtnisallee 5, 92696 Flossenbürg.

Derzeit zu sehen ist noch bis 6. Oktober die Ausstellung „Strukturen der Vernichtung. Die Außenlager des KZ Flossenbürg heute. Fotografien von Rainer Viertlböck“ im DESt-Gebäude auf dem Gelände des früheren KZ-Steinbruchs sowie die Wechselausstellung „Gratwanderung. Werke aus einem künstlerischen Wettbewerb“ bis 3. September in der ehemaligen Häftlingsküche in der Gedenkstätte. (dt)

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