(lue) "Als der Winter 1944 anbrach, flohen zirka sechs Millionen Menschen", berichtete Lena Möller bei ihrem Vortrag. Die Zeit war chaotisch, die Lage in Flossenbürg unübersichtlich. Die Situation stellte die Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg vor große Herausforderungen. "Es ist eine beeindruckende Arbeit", lobte Bürgermeister Thomas Meiler im Sitzungssaal des Rathauses. Er durfte die 200-seitige Ausarbeitung bereits lesen: "Frau Möller traute sich an das Thema Vogelherd."
Vor zwei Jahren beschloss die Gemeinde die Siedlung am Plattenberg zu sanieren: "Wir wollten Klarheit schaffen und die Geschichte aufarbeiten." Der Bürgermeister suchte Unterstützung beim Bund der Vertriebenen. Die Organisation stellte finanzielle Mittel bereit und eröffnete den Kontakt zum Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Dort wurde ihm die Studentin Lena Möller empfohlen, die ein Thema für ihre Masterarbeit suchte.
Blick in die Vergangenheit
In ihrem Vortrag "Auf Stätten des Leids – Heime des Glücks" präsentierte sie die Ergebnisse. Innerhalb eines Jahres lernte die geborene Thüringerin die Gemeinde, Bewohner und ihre Geschichte kennen. Ihre Forschung führte sie in diverse Archive: "Ich sichtete 200 zeitgeschichtliche Dokumente wie Zeitungsartikel, Korrespondenzen oder Lagepläne." Wissenschaftliche Hilfe erhielt die 25-Jährige von Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit. Zudem führte sie sechs Interviews mit Bewohnern des Vogelherds aus erster, zweiter und dritter Generation.
Dort wo heute Wohnhäuser stehen, befanden sich einst Häftlingsbaracken von Gefangenen des Konzentrationslagers. Diese Situation entfachte langjährige Debatten weit über Flossenbürg hinaus. Der Hauptvorwurf: Ein Ort, der während der NS-Zeit vom Konzentrationslager profitiert habe, versuche nun das Geschehene zu verdrängen. Sie ging von der These aus, dass der Umgang der Gemeinde mit dem KZ-Gelände und die daraus entstandenen Diskussionen zu einer emotionalen Aufladung der Siedlung führten. Dadurch bekam der Vogelherd eine doppelte Bedeutung: "Einerseits war es ein Raum des Wohnens und andererseits eine Stätte des Gedenkens."
Effiziente Lösungen
Während ihrer Untersuchung erlebte Möller verschiedene Blickwinkel und sah, dass es nicht nur eine Geschichte gibt. "Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte unter den Einheimischen ein Schockzustand und mit der Befreiung des KZ sahen sie sich plötzlich mit einer Schuld konfrontiert", berichtete sie. Allerdings war keine Zeit, um sich kritisch mit der Geschichte zu befassen. Mit dem Eintreffen der Flüchtlinge und Vertriebenen mussten Lösungen gefunden werden. Sie brauchten eine Unterkunft, Versorgung und Arbeit.
Stück für Stück wurden die Neuankömmlinge in unmittelbarer Nähe oder direkt auf dem KZ-Gelände untergebracht, das damals noch außerhalb von Flossenbürg lag. "Im November 1948 lebten dort 263 Personen, vor allem auf der linken Hälfte des gemauerten Gefängnisses." Dort gab es Stromversorgung, Wasserleitungen und eine Kläranlage. Die Menschen waren froh über die Verbesserung ihrer Lebenssituation. Über die Gräuel, die dort zuvor geschahen, wurde nicht gesprochen. Außerhalb wurde die Gemeinde Flossenbürg stark für ihre Handlungen kritisiert. Diese sah sich jedoch selbst als Opfer des Konzentrationslagers.
Möller erklärte: "Anfangs war die Unterbringung der Flüchtlinge nur für kurze Zeit geplant. Aber es gab immer stärke Forderungen, das Lagergelände dauerhaft zu besiedeln." Das führte zu Streitigkeiten. Immer wieder geht es um einen pietätvollen Umgang. Das Bayerische Finanzministerium und der deutsche Häftlingsverband waren für den Erhalt der Gedenkstätte. Die Gemeinde wollte die Bebauung und eine Entschädigung für den Schaden, der durch das KZ entstanden ist. Schließlich gab das Finanzministerium das Lagergelände 1953 frei und stellte 160.000 Mark für den Bau zur Verfügung.
So wurde das Gebiet geteilt und es konnten Planungen für 20 Häuser in die Tat umgesetzt werden. Dabei halfen die Siedler beim Bau mit, der weiterhin umstritten war. Der neue Wohnraum hatte für sie enorme Bedeutung. Nach dem erfahrenen Heimatverlust hatten sie wieder ein Zuhause. Möller kommt zu dem Schluss, dass die Siedlung sich bis heute von seiner Doppeldeutigkeit und den damit verbundenen Diskussionen nicht entkoppeln konnte. "Alle Blickwinkel, die ich kennenlernte, prägen die Geschichte mit." Sie schlägt vor, diese Vielfalt anzunehmen und die Zwiespältigkeit als Wohn- und Gedächtnisort für sich sprechen zu lassen. Zwar wurde ihre Arbeit bislang noch nicht publiziert, aber sie verspricht der Gemeinde eine digitale Version davon zur Verfügung zu stellen. Zudem liegt eine gedruckte Version im Rathaus vor, die Interessierte einsehen können.














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