30.01.2020 - 12:35 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Jörg Skriebeleit bei Markus Lanz: "Flossenbürg ist ein irritierender Ort"

Wie kann man 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz an die Verbrechen der NS-Zeit erinnern, wenn es kaum noch Zeitzeugen gibt? Darüber sprach Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, am Mittwoch bei Markus Lanz im ZDF.

Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, war am Mittwoch Gast bei Markus Lanz im ZDF.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Skriebeleit saß neben der bayerischen Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katharina Schulze, Journalist Michael Bröcker und Musiker Peter Maffay bei Markus Lanz. Die Sendung wurde am Mittwochabend – nicht wie zunächst geschrieben am Donnerstag – ausgestrahlt. "Sie wurde am Mittwoch aufgezeichnet, und man hat sich spontan für die Ausstrahlung am Abend entschieden", erzählt Skriebeleit am Donnerstag gegenüber Oberpfalz-Medien, während er neben Katharina Schulze per Zug zurück in die Heimat fährt.

"Flossenbürg ist ein irritierender Ort", hatte der Gedenkstätten-Leiter während der Sendung gesagt. "Da steht eine Wohnsiedlung auf dem Großteil des Lagergeländes." Besucher sähen hier nicht die typischen Bilder, die man beispielsweise von Auschwitz kenne. Die Erinnerungskultur seit heute oft auf die bekannteren Gedenkstätten als symbolische Orte konzentriert. Flossenbürg sei dagegen ein realer Ort. Man müsse authentisch sein und die Orte sowie die Geschichten der Menschen, die durch Zwangsarbeit geschunden worden sind, lesbar machen.

Markus Lanz: Sendung vom 29. Januar mit Jörg Skriebeleit in der Mediathek

Der 52-Jährige erinnerte an die Bedeutung des Hauptlagers mit 100 Außenlagern, in dem 100.000 Menschen interniert waren. Er betonte die Bedeutung der Erinnerungskultur in Unternehmen, die die Zwangsarbeiter auch für den eigenen Profit ausnutzten. Bei Audi werde diese Vergangenheit erst seit rund fünf Jahren aufgearbeitet. Die Gedenkstätte arbeite dafür mit Audi zusammen, "für ein historisches Unternehmens-Bewusstsein und eine aktuelle Unternehmens-Verantwortung", so Skriebeleit. Eine Gedenkstätte müsse einen Weg finden, "um die Lehre aus der Vergangenheit mit der Relevanz von heute in die Gesellschaft einzuspeisen. Aber nicht mit dem Impetus eines moralischen Zeigefingers, wo aus einem ,Nie wieder‘ schnell ein ,Nicht schon wieder‘ wird".

In Flossenbürg gelinge dies auch durch das zur Gedenkstätte gehörende Museumscafé. "Hier kann man essen und muss sich nicht schlecht fühlen", sagte Skriebeleit. Hier kämen Menschen zusammen, die so sonst nicht zusammen kämen. Man habe genau überlegt, ob man die Menschen mit Beeinträchtigung, die das Café betreiben, vorführe. "Aber für sie ist es ein Triumph", so Skriebeleit.

Auf die Sendung zurückblickend erzählt der Gedenkstättenleiter am Donnerstag: "Es war eine schöne Erfahrung, aber auch ein harter Talk. Markus Lanz war gut vorbereitet und zugewandt." Die Atmosphäre sei "sehr präzise, nah und warm" gewesen. "Wir haben noch lange mit Lanz und Peter Maffay zusammengesessen und uns ausgetauscht", erzählt er. Er habe bereits "extrem viele Reaktionen auf allen Kanälen bekommen, ausschließlich positiv und von ganz unterschiedlichen Leuten". Er hoffe, klar gemacht zu haben, dass eine "reflektierte und zukunftsgerichtete Erinnerungsarbeit" wichtig und Erinnerungskultur kein Ritual sei.

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