Zwischen Duisburg und Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN) liegen Hunderte Kilometer. Dennoch ist die Geschichte des Konzentrationslagers ganz nah. In der Nachbarschaft zu seinem Jugendzentrum im Stadtteil Obermarxloh, erzählt der Pädagoge Burak Yilmaz, haben Menschen gelebt, die im Konzentrationslager ermordet wurden. Doch nicht nur diese Verbindung zwischen der Industriestadt im Ruhrgebiet und der Oberpfälzer Gemeinde hat Yilmaz in die KZ-Gedenkstätte gebracht, sondern sein Projekt "Junge Muslime in Auschwitz".
Wenn die Duisburger Viertel Marxloh und Obermarxloh Schlagzeilen gemacht haben, dann wegen ihrer Problem und nicht wegen ihrer Jugendprojekte: Es ist von Arbeitslosigkeit und Kriminalität die Rede und von rechtsfreien Räumen. Das alles gibt es, sagt Yilmaz. "Aber es gibt auch sehr engagierte Jugendliche."
Um diese Jugendlichen kümmert sich Yilmaz. Mit dem Verein Jungs e.V. und dem Duisburger Zentrum für Erinnerungskultur hat er das Projekt "Junge Muslime in Auschwitz" gestartet. Darüber berichtete er am Donnerstag in Flossenbürg bei der Tagung "Vielfältige Geschichten. Historische-politische Bildung im Kontext von Flucht und Migration".
Yilmaz erzählt von der Ablehnung, die Jugendliche mit Migrationshintergrund erleben, vom Rassismus, aber auch vom Antisemitismus, der in vielen Familien dominiert. Dennoch geht es ihm nicht nur darum, Antisemitismus abzubauen. Das Ziel der Jugendarbeit ist auch, den männlichen Jugendlichen eine Identität zu geben. "Wieso soll ich mich für die deutsche Geschichte interessieren, wenn Lehrer mir jeden Tag das Gefühl geben, dass ich gar kein richtiger Deutscher bin - obwohl ich einen deutschen Pass habe?", zitiert der Pädagoge einen Jugendlichen. Und: Falls ein Jugendlicher nach Auschwitz fahren wolle, bekomme er dann in der Schule zu hören: "Was willst du dort? Du bist ja kein Deutscher."
Auf der anderen Seite sei Jude ein Schimpfwort geworden. Die Eltern geben ihren Judenhass, der etwa bei libanesischen und palästinensischen Einwanderern wegen der Nahost-Kriege biografisch begründet ist, weiter. Zudem prägen islamistische TV-Prediger aus der Türkei und aus dem arabischen Raum, wie etwa Yusuf al-Qaradawi, das Weltbild. Auch in der modernen Pop-Kultur und im Rap gebe es Antisemitismus.
Die Jugendlichen selbst hätten kaum oder kein Wissen über den Holocaust. Wenn Fragen kommen, würden sie auf Youtube nachsehen, wo sie bei den wildesten Verschwörungstheorien landen. Zugleich vermissen die Schüler mit Migrationshintergrund die Geschichte der Einwanderung und der Heimat ihrer Großeltern. Darauf gibt das Projekt eine Antwort. Die Jugendlichen sollen in Workshops die Geschichte ihrer Familie ergründen und sich gegenseitig davon berichten. Danach erkunden die Jugendlichen die Geschichte ihres Stadtteils. Dabei entdecken sie etwa, dass die Germania-Brotfabrik in Hamborn in ihrer Nachbarschaft eine Hochburg des Widerstandes gegen das NS-Regime war.
Die Fahrt in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz beschreibt Yilmaz als Berg- und Talfahrt: Wut, Trauer, Entsetzen und Ohnmacht seien Gefühle, die die Jugendlichen empfinden. Zudem würden sie in Auschwitz erstmals in ihrem Leben als Deutsche wahrgenommen. Manchmal wären arabischstämmige Jugendliche irritiert, weil sie um ihre Feinde weinen. Ein Jugendlicher habe sich gefragt, ob die SS-Wachleute dasselbe Machtgefühl empfunden hätten wie er, wenn er in der Schule als Schläger gefeiert worden sei.
Von der Idee eines Crash-Kurses für Migranten durch KZ-Gedenkstättenbesuche, wie dies gefordert worden war, hält Yilmaz nichts. Ihm geht es darum, eine demokratische Debattenkultur zu vermitteln. Die Jugendlichen müssten lernen, Spannungen auszuhalten. Für die Eltern seien sie "total deutsch" für die Gesellschaft seien sie Ausländern, obwohl sie hier geboren sind.














Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.