22.03.2019 - 11:00 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

Querdenker ohne Grenzen

"In Flossenbürg habe ich mehr gesehen und gelernt von der Welt als in der Zeit davor." Etwas über 15 Jahre ist Herbert Sörgel als evangelischer Pfarrer im Ort. Im November ist Schluss.

Am Aussichtspunkt oberhalb des Mühlweihers mit Blick auf den Ort samt Pankratiuskirche und Burg sammelt Herbert Sörgel Gedanken für die nächste Predigt. Oft mit dabei ist "Shorty".
von Uwe Ibl Kontakt Profil

In der Gegend will der Theologe auch als Ruheständler bleiben. Ehefrau Claudia arbeitet als Lehrerin derzeit an der Schule in Pleystein. "Sie hat noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand." Ungewöhnlich: "Claudia und ich werden zwei kleine Wohnungen in der Nähe zueinander nehmen." Jeder solle seinen eigene Bereich haben. Trennung? "Nein. Wir lieben uns innig und bleiben vereint."

Sörgel ist ein Querkopf, ein Weiterdenker, dem es weniger um Vorschriften als um Ethik, Gewissen und Glauben geht. Grenzen interessieren ihn wenig. Er arbeitete mit Christen im Pfarrkapitel Westböhmen zusammen und engagierte sich für eine israelisch-palästinensische-deutsche Jugendbegegnung. Im Gedächtnis ist ihm ein großgewachsener arabischer Teilnehmer, der nach dem Überlebendentreffen in der KZ-Gedenkstätte mit zahlreichen Politikern und Ehrengästen unbedingt einen Jägerleinen-Janker kaufen wollte. "Er dachte das ist die Uniform der wichtigen Leute." Der Geistliche bedauert, dass es derzeit schwer sei, in jüdische Teilnehmer in Israel für diese Begegnung zu finden, die in Regie von Dekanatsjugendreferenten Thomas Vitzthum weitergeführt wird.

Es habe etwas gedauert, bis er sich an die Besonderheiten der kleinen Kirchengemeinde, in der jeder jeden kennt, und der spannenden Gedenkstättenarbeit mit internationalem Charakter gewöhnt habe, erinnert sich der 65-Jährige. Zuvor war er in Traunreuth, einer Gemeinde mit einem Mix aus ehemaligen Flüchtlingen und Heimatvertriebenen ohne gemeinsame Traditionen. "Es gibt einen Teil der Flossenbürger Bevölkerung, denen ist die Gedenkstätte egal, andere sind dagegen und andere wollen, dass man sich mit der Geschichte beschäftigt." Das Interesse an dem, was dort laufe oder vorgefallen sie, sei vergleichbar mit den Zeiten vor dem Krieg. "Da gab es die, die für oder gegen das Konzentrationslager waren und die, die sich keine Gedanken gemacht haben."

Für Menschen, die wegen dieser Vergangenheit sagen "hier möchte ich nicht wohnen" hat der Theologe seine eigene Antwort parat: "Hätte es bei Euch einen besseren Granit gegeben, wärt Ihr drangekommen." Typisch Sörgel: Klare Worte, deutliche Meinung, nicht immer diplomatisch korrekt und das auch beim Blick in die eigene Familiengeschichte.

"Ich hatte einen Onkel, der Russland nicht überlebt hat – Gottseidank." Der Mann sei bei den brutalen SS-Einsatzgruppen gewesen. "Was wäre, wenn ich den gekannt und nett gefunden hätte, er gar mein Pate gewesen wäre?" Er überlege weiterhin, wie so ein Mann durch eine Ideologie zur Bestie werden könne. "Die Überzeugten, die oft glaubten, dass es gut ist, was sie tun, beschäftigen mich mehr als die Mitläufer."

Schlimm empfand es Sörgel lernen zu müssen, dass Leid nicht verbinde, die Menschen nicht solidarisch mache. Sattdessen gehe der Blick nach unten. "Hast Du gewusst, dass im Lager auch Zigeuner waren? Nein, Aber um die ist es nicht schade", erinnert er sich an ein Gespräch von Besuchern einer Gedenkstätte, deren Angehörige im KZ inhaftiert waren. "Es gibt selbst im Nachhinein noch Entsolidarisierung." In der Gedenkstättenarbeit sei es wichtig, trotz aller schlimmen Vorkommnisse die positiven Dinge aufzuspüren, die es auch gegeben habe. "Ich denke darüber noch nach. Aber ich glaube, dass der Mensch nicht aus schlechten, sondern aus guten Beispielen lernt." Man müsse Geschichten aufspüren, in denen Menschen aus Solidarität Menschen geholfen haben. "Es gibt neben Bonhoeffer auch viele stille kleine Helden."

Sörgel spricht von einer gewissen Liberalität der Flossenbürger Protestanten. "Die sind genauso fromm wie ich und umgekehrt mit ihren Zweifeln und Hoffnungen." Der eine drücke es nach Hausmannsart und der andere theologisch aus, meint der gebürtige Mittelfranke, der in Behringersdorf bei Nürnberg zur Welt kam. "Ich bin froh, dass ich von extrovertierter oder radikaler Frömmigkeit verschont geblieben bin." Anfangs schwer waren die Entscheidungsprozesse im Kirchenvorstand für den Pfarrer. Statt knapper Abstimmungen, galt es einen Konsens zu finden. "Das dauert länger als anderswo, aber dann stehen auch alle dahinter."

Freude macht es dem stets gut gekleideten Mann, wenn Menschen zusammenkommen sowie die Begegnungen mit ihnen und dabei zu erfahren, was in jedem einzelnen steckt. In Flossenbürg hat er eine gewisse Dorfdisziplin kennengelernt, die auch Selbstheilungskräfte für die Gemeinde freisetze.

Die und die Hilfe der Ärzte brauchte er nach der schweren Verletzung im Spätherbst 2017. "Den Weg, auf dem ich mir damals das Becken gebrochen habe, habe ich seitdem gemieden." Zu Sörgels Lieblingsplätzen gehören dagegen eine Bank auf der Waldseite des Gaisweihers und der Aussichtspunkt oberhalb des Mühlweihers mit Blick auf Burg und Kirche. "Da ist manche Predigt entstanden." Auch dem Hund schien es dort zu gefallen. "Er ist wie eine Sphinx auf der Mauer gesessen."

Den Ruhestand betrachte Sörgel nicht als Einschnitt. "Ich habe mir noch nie um die Rente und die Gestaltung der Zeit Gedanken gemacht." Er werde aushilfsweise in verschiedenen Gemeinden Gottesdienste und Beerdigungen halten sowie im Frühjahr 2020 eine Israelreise anbieten. "Ich hoffe, dass der Herrgott mir keinen Stein auf den Kopf wirft und mich noch etwas leben lässt."

Zwei halbe Stellen:

Im Anschluss an Herbert Sörgel wird es in Flossenbürg wohl zunächst zu einer Vakanz kommen. Das heißt, die umliegenden Pfarrer betreuen die Evangelischen im Ort mit und halten Gottesdienste. Nach Auskunft von Dekan Wenrich Slenczka handelt es sich um eine halbe Stelle. Für die Gedenkstättenarbeit gebe es ebenfalls eine halbe Stelle. Die werde von der Landeskirche besetzt. Es ist möglich, wie bei Sörgel geschehen, beide für eine Person zu einer ganzen Stelle zusammenzuführen. Wenrich hat wenig Hoffnung, dass eine Ausschreibung schnell Erfolg hat, zumal 2020 eine neue Landesstellenplanung ansteht, die auch Auswirkungen auf Flossenbürg und die Gedenkstätte haben könnte. (ui)

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.