24.10.2018 - 18:22 Uhr
FlossenbürgOberpfalz

"Verbrecher" sollen Opfer werden

Bei Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Nazis werden sie selten erwähnt: die als "Asoziale" und "Berufsverbrecher" kategorisierten Häftlinge der KZs. Bundestagsabgeordnete aus verschiedenen Fraktionen wollen das nun ändern.

Christa Schikorra (Zweite von links) und Jörg Skriebeleit (rechts) führten die Bundestagsabgeordneten Marianne Schieder, Thomas Hacker und Erhard Grundl (von links) durch die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Als im Jahr 1938 die ersten Häftlinge ins Konzentrationslager Flossenbürg kamen, waren das Deutsche. Und zwar solche, die als "Asoziale" und "Berufsverbrecher" stigmatisiert und in gezielten Aktionen verhaftet wurden. Politische Häftlinge kamen erst später. Insgesamt waren nach bisherigen Erkenntnissen bis zum Ende des Konzentrationslagers rund 3000 von den Nazis als "Berufsverbrecher" und rund 2000 als "Asoziale" bezeichnete Menschen in Flossenbürg und seinen Außenstellen.

Thematisiert werden diese Menschen selten. Kein Mahnmal erinnert an sie, in Gedenkreden tauchen sie nicht auf. Auch offiziell gibt es keine Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus. Das ist eine Tatsache, die einige Bundestagsabgeordnete nun ändern wollen. Sie wollen interfraktionell eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringen. Deswegen trafen sich die Bundestagsabgeordneten Marianne Schieder (SPD/Wahlkreis Schwandorf), Thomas Hacker (FPD/Bayreuth) und Erhard Grundl (Bündnis 90/Die Grünen/Straubing) in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg - Thomas Erndl (CSU/Deggendorf) war kurzfristig verhindert.

Bei Jörg Skriebeleit, dem Leiter der Gedenkstätte, sowie Christa Schikorra, Leiterin der dortigen Bildungsabteilung, informierten sich die Abgeordneten über deren Arbeit zu diesem Thema. Schnell stellte sich heraus, dass es sich dabei um ein komplexes Thema handelt. Das beginne schon bei der Definition der jeweiligen Häftlingsgruppe. "Wenn etwas zur Zeit der Nazis asozial war, heißt das nicht, dass es das heute auch ist", erklärte Schieder.

Skriebeleit erzählt von einer Frau, die auf einem heruntergekommenen Einöd-Hof lebte. Das habe damals ausgereicht, um als "asozial" im Konzentrationslager zu landen. Schikorra berichtet von einem Jungen mit taubstummen Eltern, die im Armenhaus lebten. Der Junge kam ins Heim, später ins KZ - mit einem schwarzen Winkel auf der Kleidung, dem Zeichen der "Asozialen".

Die "Berufsverbrecher", also Menschen, die aufgrund ihrer kriminellen Vergangenheit ins Konzentrationslager gekommen sind, wurden mit einem grünen Winkel gekennzeichnet. Sie hatten in den Konzentrationslagern einen besonderen Ruf, galten oft als Handlanger der SS. Das lag an ihrer Vorgeschichte, wie Schikorra beschreibt: Viele der "Grünwinkligen" hatten bereits im Gefängnis gesessen und wussten, wie Hierarchien in Gefangenschaften funktionieren. Das sei ein Grund, warum diese Gruppe von vielen anderen Häftlingen nicht als "Opfer" angesehen werden. Zudem seien viele politische Häftlinge der Meinung, "Asoziale" und "Berufsverbrecher" seien wegen ihres Verhaltens an ihrer Inhaftierung selbst schuld.

Schikorra erklärte zudem, dass gerade diese beiden Häftlingsgruppen aufgrund ihres sozialen Hintergrunds ihre Geschichten und Erlebnisse in den Konzentrationslagern selten aufgeschrieben haben, "im Gegensatz zu Priestern oder Intellektuellen". Das würde die Erinnerungsarbeit erschweren. Trotzdem haben es die Verantwortlichen in Flossenbürg in den letzten Jahren geschafft, einiges zu diesem Thema herauszufinden und zusammenzutragen. Damit diese Informationen aber auch an eine breite Öffentlichkeit gelangen, diese Opfergruppen bekannter werden, hat sich die Große Koalition im Bundestag nun in einem ersten Schritt für eine Wanderausstellung zu diesem Thema ausgesprochen.

Grundl hofft zudem, dass die Gesetzesinitiative zur Anerkennung der von den Nazis als "Asoziale" und "Berufsverbrecher" bezeichneten Häftlinge als Opfer des Nationalsozialismus bis zum Frühjahr 2019 in den Bundestag eingebracht ist. Er freut sich, dass sich Abgeordnete aus verschiedenen Parteien an dem Vorhaben beteiligen. "Diese Opfer sollen nicht Spielball der Politik werden."

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