07.06.2018 - 09:48 Uhr
Frankenrieth bei WaldthurnOberpfalz

Als Flüchtling auf dem Kühbachhof

Der 88-jährige Walter Küchler aus Braunschweig besucht mit seiner Frau und den beiden Töchtern den Ort, an den er sich dankbar erinnert - den Kühbachhof in der Marktgemeinde Waldthurn. Dort war er 1945 als Flüchtling untergebracht.

Walter Küchler (Vierter von rechts) traf vor der Haustür zum alten Wohnhaus am Kühbachhof Greta Krichenbauer (rechts), die er letztmals vor 73 Jahren sah.
von Franz VölklProfil

Der damals 14-jährige Walter wurde am 20. Januar 1945 zusammen mit seiner sechs Jahre alten Schwester Loretta und der Mutter Anna - der Vater war als Soldat im Krieg - aus seinem Heimatdorf Weidenhof vertrieben. "Das damals 1200-Seelendorf, das acht Kilometer vor Breslau in Schlesien liegt, musste leer gemacht werden", erinnert sich Küchler.

Sie hatten dann nur noch ein Ziel, den herannahenden russischen Soldaten zu entrinnen. So flüchteten viele Weidenhofer Richtung Westen mit insgesamt 7 Ackerwägen und 14 Pferden, die sie von dem Gut erhielten, in dem sie gearbeitet hatten. Insgesamt war die Gruppe acht Wochen unterwegs. Kurz vor Dresden stellten sie Mitte Februar 1945 fest, dass die Stadt zerbombt war. Notgedrungen schwenkten sie Richtung Tschechoslowakei zur Stadt Ústí nad Labem (Außig) und reisten später über Waidhaus nach Bayern ein. Die Flüchtlinge hatten zu dieser Zeit kein festes Ziel. "Zu mir wollte er", sagte seine Frau Margret beim Besuch in der Wirtsstube von Surrers Radlhütte am Kühbachhof, mit einem Augenzwinkern. Der heutige Besitzer des Hofes und der Radlhütte Klaus Gollwitzer ist ein Enkel des damaligen Kühbachhöfners. So fuhren die Vertriebenen über Weiden nach Waldthurn und wurden zusammen mit anderen aus Weidendorf am 25. März 1945 zum Kühbachhof beordert.

"Hier waren die Bauernleute und deren Kinder absolut nett. Wir wurden versorgt und haben uns bestens verstanden", erinnert sich Küchler. Bäuerin war die Ende 1985 verstorbene Anna Wittmann. Der Kühbachhofbauer war Josef Wittmann, der 1988 verstarb. Eines der "Kühbachhofkinder" war die damals 10-jährige Greta, die heute in Störnstein lebt. Greta Krichenbauer kann sich genau an die Küchlers erinnern: "Ich sehe heute noch vor mir, wie sie in der Stubn gesessen sind und dort geschlafen haben".

Greta war zum Treff mit Walter Küchler nach 73 Jahren an den Ort ihrer Kindheit gekommen. Obwohl das Kühbachhof-Bauernpaar selbst sechs Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren hatte, versorgten sie auch die Küchlers und auch andere Flüchtlinge. "Viele haben auch in der Scheune geschlafen, meine Mama versorgte alle", erinnert sich Greta. "Wir waren froh, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten", so Walter. Es waren noch mehrere Bewohner aus dem schlesischen Dorf in der Gegend in und um Waldthurn.

Der Gutspächter von Weidenhof wurde auf der Suche nach seinen Pferden und Wägen schließlich wieder in der Oberpfalz fündig. Er nahm dann nur Leute, wie den 14-jährigen Walter mit, die ein Pferdegespann selbst führen konnten. Sie zogen Ende Juli 1945 Richtung Niedersachsen weiter. Dort war Küchler auf dem Bau beschäftigt und als Lkw-Fahrer unterwegs. Viele aus seinem Dorf blieben aber auch in der Oberpfalz. "Ich freue mich unglaublich, dass ich den Kühbachhof mit all meinen positiven Erinnerungen im hohen Alter noch einmal gesehen habe", meinte der rüstige Mann.

Leider habe er keine Fotos von damals, da er seinen Fotoapparat zwar im Kaninchenstall am Kühbachhof im Futterkorb versteckt hatte, die Amerikaner diesen aber gefunden und mitgenommen hatten. Beim Silvester-Feuerwehrfest 1948/49 in Braunschweig lernte Küchler seine Frau Margret kennen. Mittlerweile erzählt der hellwache Senior seinen fünf Enkeln und fünf Urenkeln die Geschichte seiner Vertreibung. Sie handelt von Entbehrungen, aber vor allem auch von großer Hilfsbereitschaft einer Bauernfamilie in der Oberpfalz.

Küchler: "Der Besuch auf dem Kühbachhof war das schönste Geschenk, das mir meine Töchter samt Schwiegersöhnen zum Hochzeitsjubiläum machen konnten".

Der Kühbachhof heute

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