20.12.2019 - 10:40 Uhr
FreudenbergOberpfalz

Carina Helgerts Wadelstrümpf' sind gestrickte Geschichte(n)

"Zuckerl" steht auf dem Etikett, das an den Wadelstrümpfen in Braun-Beige mit Verzierung in rosa Zuckerguss-Optik baumelt. Hätte dem Kini vielleicht auch gefallen. Das Muster hat er jedenfalls selbst getragen.

Hier hat Carina Helgert ein paar ihrer gestrickten Kunstwerke richtig in Szene gesetzt. Sie liebt es, die überlieferten alten Strickmuster mit leuchtenden Farben in die heutige Zeit zu übertragen. Und gibt jedem Modell, das sie daraus entwirft, den passenden Namen. Im „Wuiden Wasser“ hinten links kann man den reißenden Fluss erahnen, die „Heiße Liab“ kommt in Pink mit Herzerln daher und vorne rechts gesellen sich die „Miesbacher Glöckerl“ zum für die dortige Region typischen Umschlag.
von Heike Unger Kontakt Profil

Carina Helgert lacht, als sie die G'schicht von König Ludwigs Strümpfen erzählt. Die ist ein Grund dafür, dass sie sich so fürs Wadelstrumpf-Stricken begeistert. Gestrickt hat die Freudenbergerin zwar "schon immer", wie sie sagt - aber die Sache mit den Wadelstrümpfen ist bei ihr erst vor rund drei Jahren aufgekommen.

Der inzwischen ehemaligen Mitarbeiterin in einem Trachtengeschäft war aufgefallen, dass dort zwar "die tollsten Lederhosen und Dirndln" verkauft wurden. Aber Wadelstrümpfe gab es nur in ganz einfachen Varianten, maschinengestrickt. Und auch das nur ganz klassisch, "in beige-braun oder grau-grün, nur rechts-links gestrickt, oder höchstens mal mit einem Zopf". Carina Helgerts Interesse war geweckt. Sie sah sich um - doch selbst in Regensburg oder München gab's "nix Gscheids" als Hingucker für zünftige Männerbeine in der Kirwa-Region Amberg-Sulzbach.

Carina Helgert aus Freudenberg strickt leidenschaftlich gern Wadelstrümpfe nach historischen Mustern.

Fundgrube Internet

Deshalb wollte Helgert selbst aktiv werden. Aber zunächst brauchte sie die entsprechenden Strickmuster. Die fand sie übers Internet - in einem Buch, dessen Autorin in bayerischen Museen auf die Suche nach traditionellen, überlieferten Original-Strickmustern gegangen war. Die hat sie in einem Buch vereint, zusammen mit manch denkwürdiger Geschichte zur Bedeutung, Entstehung oder auch zur Wiederentdeckung der alten Muster.

Den Titel dieses Buchs will die Freudenbergerin nicht verraten. Es dient ihr aber ohnehin nur als Grundlage - denn darin finden sich nur einzelne Mustersätze, keine kompletten Strickanleitungen, beispielsweise für Strümpfe. Carina Helgert muss diese Bausteine für ihre Strickarbeiten also erst einmal zu kompletten Mustern zusammenfügen und dabei auch an die gewünschten Größen anpassen: So ein Wadel gibt es schließlich in ganz unterschiedlichen Größen. Weshalb die Strümpf' dafür bei Carian Helgert auch Maßarbeit sind.

Manche der alten Muster sind gar nicht so einfach zu stricken. Aber das macht nichts, sagt Carina Helgert: „Ich liebe das.“ Das hell-dunkle Wabenmuster im „Zuckerl“ (vorn rechts) hat übrigens einst auch der Kini getragen.

Accessoire auch zum Dirndl

Zu kaufen gibt es die übrigens nicht. Die Strickarbeiten der Freudenbergerin sind Geschenke und Auftragsarbeiten für Familienangehörige und Freunde. Natürlich passend zur Person - und zur Lederhose. Und zum Dirndl. Wirklich? Da lacht Carina Helgert. "Ja, warum denn nicht?" Modebewusste Frauen "tragen auch Lederhosen", sagt sie. Sie jedenfalls findet "kurze Lederhosen, Wadelstrümpf und Pumps" eine geniale Kombination. Und zum Dirndl würden die gestrickten Accessoires auch gut passen, findet sie. Schließlich schafft sie mit ihren Designs ja auch eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne: Sie liebt die alten Muster, peppt sie aber mit modernen Farben auf. So wie beim "Zuckerl". Beim Kini war's vielleicht nicht rosa. Aber aus Museen sei überliefert, dass genau jenes Muster die Socken hatten, mit denen König Ludwig auf die Jagd ging.

Carina Helgert daheim in Freudenberg an ihrem Lieblingsplatz am Fenster – natürlich mit ihrem Strickzeug.
Info:

In jeder Masche steckt Geschichte

Die alten, überlieferten Strickmuster haben für Carina Helgert einen besonderen Reiz. Inzwischen ist sie dabei selbst Fachfrau und erklärt: Typisch für Miesbach ist ein spezieller Umschlag, der die obere Kante eines Paars Wadelstrümpf’ schmückt. Und dann ist da noch das Muster, mit dem eine Nürnberger Handarbeitslehrerin 1905 ihre Prüfung gemacht hat: Diese G’schichterln in Verbindung mit den überlieferten Mustern sind es, die Carina Helgert so begeistern.

Ihr Lieblings-Exemplar sind die Wadelstrümpf, die sie „Zuckerl“ getauft hat – jedes Paar bekommt von ihr den passenden Namen. Die „Heiße Liab“ liegt ihr besonders am Herzen, weil hier das älteste Muster aus ihrer Sammlung eingearbeitet ist: Es stammt aus dem Jahr 1806.

Die spezielle Technik der "verzogenen Maschen" beim traditionellen Muster "Miesbacher Glöckerl" gefallen Helgert auch gut. Die sind aber nicht ganz leicht zu stricken. Da muss sie sich schon konzentrieren. Bei den komplizierteren Mustern "ist jede Masche und jede Reihe anders". Das, sagt Helgert, sei dann wirklich "eine Herausforderung. Aber ich liebe das." Dann freilich darf sie niemand stören, wenn sie sich mit ihrem Strickzeug an ihren Lieblingsplatz am großen Fenster setzt. Für ein Paar Wadelstrümpf mit aufwendigerem Design braucht sie 40 Stunden. Wer selber gern strickt, weiß: Das macht nichts - die Arbeit mit Wolle und Nadeln ist entspannend wie Yoga.

Die Muster sind alt, die Farbgebung macht sie modern.

Ein Stück Heimatgeschichte

Beim Stichwort Arbeit denkt Carina Helgert an die Frauen, die sich einst diese Muster ausgedacht haben: "Vor 200 Jahren haben die Bäuerinnen nach getaner Arbeit solche Muster entworfen und bei Kerzenlicht gestrickt", sagt sie voller Anerkennung, während sie schon am nächsten Modell arbeitet. Dazu zitiert sie lachend einen Spruch einer alten Bäuerin, den sie in ihrem Buch gelesen hat: "Wenn ich amal in den Austrag geh', wünsch ich mir nix wie a schöne Woll'."

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