24.04.2020 - 10:30 Uhr
FreudenbergOberpfalz

Lost Places im Naabgebirge: Auf den Spuren vergessener Orte

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Es sind besondere Orte: Zwischen den Bäumen weht der Geist der Urahnen. In Freudenberg gibt es Leute, die sich mit diesen Plätzen eng verbunden fühlen. Und sie erzählen von dem, was sich hier einst ereignet hat.

von Autor (gri)Profil

"Vergessene Orte", so ist eine schlichte Mappe im Archiv des Heimat- und Kulturvereins (HKV) Freudenberg beschriftet. In diesem Ordner steckt die Geschichte einer ganzen Region - von den Kelten bis zur Neuzeit. Die Zettel, die darin abgeheftet sind, erzählen von geheimnisvollen Bauwerken, dramatischen Schicksalen und menschlichen Tragödien.

Der Meerestempel im Wald

Noch bis in die 1950er-Jahre wusste im Oberland, in Etsdorf und Rottendorf jedes Kind, wo sich der Meerestempel befindet. Mittlerweile ist das Wissen um diesen sagenumwobenen Ort im Naabgebirge weitgehend verloren gegangen. Doch es gibt Menschen, die alles aufgeschrieben haben. Ilsebill Pröls war so einer. Die pensionierte Lehrerin aus Rottendorf hat alles über den Tempel im Wald zusammengetragen und sogar einen detaillierten Lageplan angefertigt. Auch er befindet sich im Archiv des Freudenberger HKV.

Der Meerestempel - was es mit ihm wohl auf sich hat? Heimatkundler halten es für möglich, dass es sich bei der Bezeichnung um eine mundartliche Abwandlung der römischen Gottheit Mithras handeln könnte. Auch als "Mörderestempel" oder "Mertenstempel" hat der Ort schon Eingang in schriftliche Aufzeichnungen gefunden. Es handelt sich dabei um einen Steinkreis mit etwa 20 Metern Durchmesser. Der Ort übt magische Anziehungskraft aus. Denn ohne zu wissen, dass sie sich im Meerestempel befinden (der Steinkreis ist nur für Kenner des Ortes zu entdecken), strömen Wanderer und Spaziergänger dorthin. Es steht nicht nur ein mit Blumen und Kerzen geschmücktes Marterl dort, sondern auch noch ein Gedenkstein, eine Sitzbank und sogar eine kleine Stele als Fixpunkt der Landvermesser.

Etwa 50 Meter südlich des großen Steinkreises, befindet sich ein weiterer Kreis mit nur 5 Metern Durchmesser. Bei den Steinen handelt es sich jeweils um aufgeschüttete Feldsteine. Schwer zu sagen, wie hoch die Wälle einst waren. Mittlerweile haben beide Kreise sehr stark unter der intensiven Waldnutzung gelitten. Und auch die Trasse der Altstraße, die genau hier einmal vorbeiführte, ist kaum noch zu erkennen. Es handelt sich um eine der wenigen Nord-Süd-Verbindungen, die durchgängig zwischen Marktredwitz und Regensburg nachverfolgt werden können. Der Schnaittenbacher Heimatforscher Franz Flammersberger hat diese Route als Bernsteinstraße identifiziert.

Wo die Bernsteistraße in der Oberpfalz verlief

Als Wetterdorf untergegangen ist

Die Bernsteinstraße führt nicht nur am Meerestempel vorbei sondern streift auch das legendäre Wetterdorf. Die denkmalgeschützte Wüstung ist etwa eineinhalb Kilometer östlich von Witzlricht - gleich hinter den Windrädern - zu finden. Um Wetterdorf als bedeutenden Ort des Frühmittelalters ranken sich mehrere Geschichten. Sie waren einst so sehr im Volksglauben verankert, dass es sogar eine weithin bekannte Redewendung gab, eine Prophezeiung: "Wetterdorf wird wieder a Stodt und Nürnberg wieder a Rod" (Wetterdorf wird wieder eine Stadt und Nürnberg wieder eine Rodung).

An der Stelle, an der Wetterdorf einst gelegen haben soll, sind mehrere Steinwälle zu finden, teilweise sind diese über einen Meter hoch und 30 bis 40 Meter lang. Der Wald ist sehr licht in Wetterdorf, so als wollten dort, wo einst die Häuser standen, keine Bäume wachsen. Die Legende sagt, dass das Dorf eine Kirche gehabt haben soll. Als diese in Trümmern lag, habe man die Tür für die Kirche im benachbarten Gösselsdorf wiederverwenden wollen. Die Tür blieb aber nicht dort, sondern "wanderte" über Nacht immer wieder nach Wetterdorf zurück.

Die letzten Reste von Wetterdorf

Die Wächter vom Brand

Wetterdorf muss gut beschützt gewesen sein, denn nur ein paar Hundert Meter weit entfernt stehen die "Wächter vom Brand". Brand heißt die Flurbezeichnung dieses Waldstücks an der Grenze der beiden Landkreise Amberg-Sulzbach und Schwandorf. Als "Wächter" hat irgendjemand einmal die Megalithen bezeichnet, die hier in einer auffällig Konstellation nebeneinander stehen. Heimatkundler gehen davon aus, dass diese Steine von Menschenhand so platziert wurden. Vermutlich markieren sie einen keltischen Begräbnisort. Mehrere Altstraßen durchziehen das Waldgebiet. Alle verlaufen Richtung Wetterdorf und Hainstetten, von wo aus die Bernsteinstraße Kurs auf Schnaittenbach nimmt.

Flugzeugabsturz bei Grimmerthal

Andreas Piehler aus Ellersdorf kann sich noch gut an die Metallteile erinnern, die unter dem Schwarzbeer-Kraut hervorblitzten. Es waren Teile einer "Me 109", eines Jagdflugzeugs des Herstellers Messerschmidt, die da im Wald bei Grimmerthal herumlagen. Mittlerweile ist an der Absturzstelle nichts mehr zu finden. Nur eines fällt auf: Die Bäume, die hier stehen, sind alle ungefähr 75 Jahre alt.

Am 13. April 1945 war ein Pilot der Wehrmacht mit der "Me 109" am Flugplatz Schafhof gestartet. Seine Aufgabe war es, Flugzeuge der Alliierten aufzuspüren und abzuschießen. Zwei und vier Tage vorher hatte die US-Luftwaffe Bomben über Amberg abgeworfen. Ob der Pilot in einen Luftkampf verwickelt wurde oder ein technischer Defekt eintrat, ist bislang nicht überliefert. Fest steht jedoch, dass der Motor Feuer fing. Die Messerschmidt stürzte ab, der Pilot konnte sich per Schleudersitz befreien.

Was dann geschah, ist der Stoff, aus dem Spielfilme sind: Wie Andreas Piehler aus seinen Kindheitserinnerungen erzählt, baumelte der Pilot mit seinem Fallschirm an den Ästen einer Buche. Immer mehr Leute trauten sich zum Absturzort und hielten den Piloten zunächst für einen feindlichen Soldaten. Denn der vom Himmel gefallene Mann redete komisch - er kam aus Norddeutschland. Als endlich Klarheit herrschte, kam der Bruchpilot beim Bürgermeister in Rottendorf unter - und heiratete später dessen Tochter.

Der Wirt vom Blemlhof

Der Blemlhof liegt recht abgelegen zwischen Amberg und Nabburg. Auf Landkarten taucht er nur unter dem Namen Berghof auf. Blemlhof (also Blumenhof) allerdings war ein klingender und weithin bekannter Begriff in den 1970er-Jahren. Der Eigentümer hatte das einsam am Waldrand stehende landwirtschaftliche Anwesen um eine Wirtsstube erweitert und später auch noch einen Tanzsaal gebaut. Wann immer dort eine Musikkapelle spielte, war die Bude voll. Legendär war ein Jazz-Festival im Sommer 1971. "Woodstock auf dem Blumenhof" titelte damals die Amberger Zeitung.

Doch überregionale und durchaus zweifelhafte Berühmtheit erhielt der Blemlhof wegen der Polizeieinsätze, die dort stattfanden. Einmal kam es in der Gaststube zu einer Auseinandersetzung, in die neben dem Wirt auch vier Bundeswehr-Soldaten involviert waren. Als sich die Rauferei nach draußen verlagerte und auch noch das Auto der Gäste demoliert wurde, rückte die Polizei an und umstellte das Anwesen. Vom Wirtshaus ist heute nichts mehr zu sehen. Längst sind neue Eigentümer auf der Hofstelle. Das alte Wohngebäude wurde nach vielen Jahren des Leerstands abgerissen und durch ein neues Einfamilienhaus ersetzt.

Das verschwundene Hammersdorf

Wie mag es wohl zugegangen sein in Hammersdorf? Niemand weiß das mehr. Das einzige, was geblieben ist, ist die hartnäckige Sage vom "untergegangenen Dorf" und eine zersplitterte Feldflur. Die Grundstücke sind dort so klein als wären sie Hofstellen. Oft haben die alten Oberlandler erzählt, dass sie auf Überreste des Dorfes gestoßen seien. Ein Bauer will einmal einen verkohlten Balken ausgeackert haben, ein anderer sagte, er habe die Trümmer einer Türe gefunden.

Die Feldflur Hammersdorf zwischen Wutschdorf und Schleißdorf hat alles, was ein Dorf braucht: Eine Altstraße führt vorbei, Weiher, die aus einer Quelle gespeist werden, sind vorhanden. In den Urkunden ist die Ortschaft nicht erwähnt. Möglicherweise ist sie im Dreißigjährigen Krieg geplündert und verlassen worden. Vielleicht auch schon weit vorher.

Info:

Heimatarchiv

Sagen und Legenden, historische Urkunden und Verträge, alte Fotografien und Postkarten: Der Heimat- und Kulturverein Freudenberg sammelt alles, was Geschichte in und um die Dörfer am Johannisberg greifbar macht. Mittlerweile hat der Verein mehr als 30.000 Fotos archiviert, die das gesellschaftliche Leben der vergangenen Jahrzehnte dokumentieren. Hinzu kommt eine Sterbebilder-Sammlung, die einen Großteil der Todesfälle im Pfarrsprengel Wutschdorf bis in die frühen 1900er-Jahre abbildet. Untergebracht ist das alles im Vereinsheim: 2018 hat der HKV bei der Gemeinde Freudenberg zwei Räume der ehemaligen Gemeindekanzlei angemietet.

Das Domizil des Heimat- und Kulturvereins Freudenberg

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