02.11.2021 - 17:16 Uhr
FuchsmühlOberpfalz

Im Urlaub 10.000 Laubbäume im Steinwald gepflanzt

Gut 20 Helferinnen und Helfer forsten Brachflächen des Augsburger Stadtwaldes bei Fuchsmühl auf. Die ehrenamtlich eingesetzte Muskelkraft vereint die unterschiedlichsten Leute. Sie pflanzen im Freiwilligendienst seltene Baumarten.

Etwa 20 Männer und Frauen zwischen 20 und 70 Jahren pflanzen im Steinwald bei Fuchsmühl 10.000 seltene Laubbäume wie Elsbeere, Speierling, Flatterulme oder Edelkastanie.
von Ulla Britta BaumerProfil

Sie sind zwischen 20 und 70 Jahre alt, haben völlig verschiedene Berufe und kommen aus ganz Deutschland in den Steinwald. Eine Woche lang leisten die Helfer ganze Arbeit, um den Wald in seiner Funktionsfähigkeit zu erhalten.

Jens Eber, Leiter des Vereins "Bergwaldprojekt", fährt mit seinem Bus zielsicher Richtung Augsburger Stadtwald. Dann stutzt er einen Moment. "Habe ich mich jetzt verfahren?" Nein, er ist richtig unterwegs, obwohl bei Zieleingabe "Waldaufforstungsfläche" kein Sender gefunden wird. Eber hat einen guten Orientierungssinn. In den Wäldern muss er sich deutschlandweit meist ohne Navi zurechtfinden. Jens Eber ist auf dem Weg zu einer Baumpflanzung im Steinwald, die in vieler Hinsicht nicht alltäglich ist.

Langer Atem bis zum Erfolg

Eigentlich könnte von einem Forschungsprojekt gesprochen werden. "Nur sind die Ergebnisse erst in gut 100 Jahren auswertbar", sinniert Eber über die Nachhaltigkeit im Wald. Ein kleiner Umweg führt hinauf auf 700 Meter Höhe. An der Strecke hat Förster Eckhard Deutschländer ein paar Schachteln mit Setzlingen zum Mitnehmen abgestellt. Eber packt sie ins Auto und erreicht wenige Minuten später die Aufforstungsfläche.

Unterkunft in Wernersreuth

Während der Fahrt erklärt Eber, was es mit dem Bergwaldprojekt auf sich hat. Der Verein wurde in der Schweiz gegründet, um Bergwälder in lawinengefährdeten Hochgebirgen zu retten. "Inzwischen pflanzen wir in ganz Deutschland." Auch auf der Insel Rügen waren freiwillige Helfer schon im Einsatz. Nun pflanzen sie erstmals im Steinwald. Nur Jens Eber bekommt vom Verein ein Gehalt. Und der Koch, der im Maximilian-Kolbe-Haus Wernersreuth, wo alle untergebracht sind, die Truppe verpflegt.

Die gut 20 Teilnehmer arbeiten alle ehrenamtlich. auch bei Nebel und Kälte. Mit schweren Äxten und Schaufeln wird der steinige Boden "beackert". Tiefe Löcher müssen gegraben werden für die zarten Setzlinge. Die noch spindeldürren Edelkastanien und Nussbäume werden angebunden. Für einen Zaun gegen Wildverbiss sorgen Forstmitarbeiter. Es ist ein Kraftakt für die Anwesenden, von denen die meisten noch nie so schwere Arbeit im Wald geleistet haben. Auch deshalb geht es an diesem frühen Morgen nicht um Akkordleistungen. "Jeder macht, was er schafft. Unser Ziel sind 10 000 Bäume. Erreichen wir das nicht, ist es auch gut", erklärt Eber.

Die Männer und Frauen aus allen Altersklassen und Berufsfeldern - von Ingenieur über Ärztin und Schreiner bis hin zur Studentin - kommen auch aus Großstädten. Sie sind gut, schaffen täglich trotz des steinigen Bodens im Steinwald 600 bis 700 Pflanzungen.

Ausgleich zum Alltag

Warum opfern sie ihren Urlaub für Schwerarbeit im Wald? Edi Haesner, der gut gelaunt sofort das Du anbietet, hat eine schöne Antwort. "Ich fliege in den Urlaub, ich fahre Auto, ich leiste mir was. Mit meinem Einsatz will ich etwas zurückgeben für meinen klimaneutralen CO2-Abdruck." Haesner kommt aus München, ist 57 Jahre alt und arbeitet sonst als Notfallsanitäter. Im Wald bei grober Arbeit mit den Händen kann er abschalten vom Alltag. Der Münchner pflanzt Eiben und Elsbeeren. Gehören die in den Steinwald? Projektleiter Jens Eber, der auch Forstmann ist, bejaht diese Frage. Seltene Baumarten wie Elsbeere, Edelkastanie, Speierling, Flatterulme, Nussbäume oder Wildbirne hat der zuständige Forst für diese Rodungsflächen ausgewählt. Sie sollen die Fichte ersetzen, weil diese Laubgehölze wärmetoleranter sind.

Robust gegen Klimawandel

Selbst Buche und Eiche würden die Trockenheit nicht mehr aushalten, erklärt Förster Deutschländer. "Wir werden sehen, ob sie sich hier gut entwickeln", hofft er auf robuste neue Waldflächen in einigen Jahren. Zehn Hektar Wald sind in seinem Revier Opfer des extrem trockenen Jahres 2018 geworden. Besorgt hat die seltenen Sorten die Baumschule Kahl auf Bestellung des Augsburger Forstes. "Da gibt es fast alles, was wir brauchen, aus eigener Aufzucht", freut sich Eber.

Werkzeug wie Axt, Hacke oder Schaufeln bringt der Verein mit. Muskelkraft gibt es gratis von den Projektteilnehmern wie Elli Krämer (22) aus Berlin und Ruth Adamzcewski (26) aus Bayreuth. Krämer arbeitet bei Kulturradio Berlin und möchte sich für die Natur aktiv einsetzen. Sie ist das erste Mal ehrenamtlich für das Bergwaldprojekt tätig und findet es im Steinwald spannend. Adamzcewski hat über Freunde vom Verein gehört. Die Geo-Ökologin mit Schwerpunkt Wurzelwasseraufnahme promoviert an der Uni. Sie mag die Gruppendynamik, die neuen Leute und dass sie beim Freiwilligendienst Wissenswertes über den Wald erfährt.

Zeit zum Kennenlernen bleibt am Abend, wenn auch wenig. Die Gruppe ist acht Stunden täglich in der Natur unterwegs. "Wir essen und fallen dann eigentlich immer gleich erschöpft in die Betten", erzählt Eber lachend.

Zum Abschluss der Projekttage gibt es eine Exkursion mit Revierleiter Eckhard Deutschländer durch den Steinwald. "Nach einer Woche reden unsere Teilnehmer von Baumarten, Rückegassen und Forstangelegenheiten wie Profis", sagt Eber stolz. Der Verein ist seinem Ziel wieder ein Stück nähergekommen: Mensch und Baum werden beste Freunde. Das kann nur gut sein für das Klima und die Natur.

Exkursion mit dem Förster im Augsburger Forst

Fuchsmühl
Hintergrund:

Das ist das Bergwaldprojekt

  • Das Bergwaldprojekt wurde 1987 in der Schweiz ins Leben gerufen.
  • Um auch in Deutschland laufende Projekte zu unterstützen, wurde 1993 der Verein mit Sitz in Würzburg gegründet.
  • Deutschlandweit werden Freiwilligen-Einsätze mit jährlich etwa 3000 Teilnehmern organisiert.
  • In mehr als 150 Projektwochen waren die Helfer schon an über 70 Einsatzorten.
  • Schwerpunkte der Arbeiten zum Erhalt der Ökosysteme sind Waldumbau und -pflege, Biotop- und Artenschutz sowie Moorwiedervernässungen.
  • Ziel ist, eine breite Öffentlichkeit zum naturverträglichen Umgang mit den Ressourcen zu bewegen.
  • Der Verein finanziert sich größtenteils aus Spenden.

"Mit meinem Einsatz will ich etwas zurückgeben für meinen klimaneutralen CO2-Abdruck."

Teilnehmer Edi Haesner aus München

 

 

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