Gebenbach
15.02.2023 - 10:53 Uhr
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Wärme aus der Biogasanlage: Zwei Dörfer vernetzen sich

Die Energiekrise ist global - die Antwort darauf lokal. Gebenbach zeigt gerade, wie eine ganze Gemeinde aus der Preisspirale aussteigen und gleichzeitig einen enormen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann.

In Gebenbach und Atzmannsricht ist das Genossenschaftsfieber ausgebrochen. "Eine Genossenschaft ist eine ur-demokratische Sache", schwärmt Norbert Arnold. Der Rentner, der früher beruflich als kaufmännischer Angestellter und Bilanzbuchhalter tätig war, hat es plötzlich zum Vorstandsvorsitzenden einer solchen Organisation gebracht. Sie hat zum Ziel, ein Nahwärmenetz zu schaffen und zu betreiben. Über 100 Mitglieder haben sich ihr binnen weniger Wochen angeschlossen. Sie alle werden gleichberechtigte Eigentümer eines Netzes zur Wärmeversorgung ihrer Häuser und Anwesen. Die ganzen Ölheizungen, Strom-Konvektoren und Bolleröfen können ausgebaut werden.

Abwärme verwenden

Am Anfang einer großen Sache steht immer eine Idee. Im Falle des Gebenbacher Nahwärmenetzes war es die Überlegung des Landwirts Sebastian Kraus, seine bestehende Biogasanlage zu erweitern. Kraus hat den Milchviehbetrieb seiner Eltern übernommen, der Hof liegt an der Ortsverbindungsstraße zwischen Gebenbach und Atzmannsricht. "Mein Ziel war es, die Energie aus der Biogasanlage möglichst effektiv zu nutzen", erklärt er. Stromerzeugung alleine ist da zu wenig. "Wieso sollte man die Abwärme nicht verwenden?"

Für Kraus war klar, dass die Energie aus seiner Anlage viele Gebäude in der Umgebung mit Wärme und Heißwasser versorgen könnte. Gemeinsam mit Bürgermeister Peter Dotzler entstand die Idee, neben kommunalen Gebäuden auch das Gemeindegebiet in die weitere Planung mit einzubeziehen. Eine erste Umfrage in Gebenbach und Atzmannsricht verlief so gut, dass im November 2022 zur Gründung einer Genossenschaft eingeladen werden konnte. Auch die Vertreter der Gemeinde Gebenbach verstehen die Genossenschaft als eine Art Bürgernetz und wollen bei der Umsetzung tatkräftig unterstützen.

Voller Terminkalender

34 Interessierte sind gleich bei der Gründungsversammlung beigetreten. Mittlerweile ist die Zahl der Genossen auf über 95 und die der Hausanschlüsse auf über 100 angewachsen. "Vorerst nehmen wir keine neuen Mitglieder mehr auf", sagt Arnold. Es gibt zwar eine Warteliste, Neuaufnahmen können aber nur noch erfolgen, wenn sie sich nicht nachteilig auf die bereits in Gang gekommene Planung auswirken.

Arnold und sein Team - neben dem Vorstand gibt es auch noch einen Aufsichtsrat - haben jetzt alle Hände voll zu tun. Jede Woche finden Arbeitssitzungen statt. Termine mit Planen, Geldgebern und Behördenvertretern stehen an und natürlich müssen die Mitglieder auf dem Laufenden gehalten werden. "Das ist schon eine große Aufgabe", sagt Thomas Ritschel, der dem Vorstand angehört. "Aber wir machen das gern." Man sieht den Beteiligten an: Die Idee ist einfach zu gut, um über den beschwerlichen Weg zu klagen.

7500 Euro pro Anteil

Jedes Genossenschaftsmitglied zahlt 7500 Euro in drei Raten. Mit diesem Betrag gehört für die Hausbesitzer das Dilemma um die explodierenden Kosten für Heiztechnik und Rohstoffe der Vergangenheit an. Die Öltanks in den Häusern können ausgebaut, die alten Brennöfen ausgemustert und die frei werdenden Räume neu genutzt werden. Künftigen Vorschriften für Holzverbrennung können die Genossenschaftler gelassen entgegensehen.

Das Heißwasser, mit dem sie ihre Wohnungen beheizen kommt per Leitung aus dem Pufferspeicher bei der Biogasanlage. Der Preis pro in Anspruch genommener Kilowattstunde soll für die angeschlossenen Genossen bei 11,6 Cent liegen. Dazu schließt die Genossenschaft sowohl mit dem Landwirt, als auch mit den Abnehmern einen Vertrag ab, der für alle ausgeglichen und transparent sein wird. Vorstand Lothar Neuberger betont: „Besonders Stolz sind wir darauf, dass unser Abrechnungspreis verglichen mit anderen Wärmequellen sehr stabil bleiben kann. Nur ein kleiner Teil des Wärmepreises, das sind die Einkaufskosten für den Wärmebezug von der Biogasanalage, könnte sich moderat ändern. Das schützt unsere Genossenschaftsmitglieder vor großen Preisschwankungen“. Der Biogasanlagen-Betreiber garantiert auch vertraglich dafür, dass er die Wärmeversorgung dauerhaft sicherstellen kann.

Fertig bis zum Winter 2024

Jetzt geht es ans Eingemachte. Das Leitungsnetz muss geplant werden. "Als Genossenschaft achten wir darauf, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt", erklärt Aufsichtsrat Reinhold Kohl. "Das zeigt sich auch bei der Auftragsvergabe." Die Nahwärme-Pioniere wollen nur Firmen aus der Umgebung beauftragten, angefangen vom Tiefbau bis hin zur Installation. Vor wenigen Tagen erst ist bei einem Treffen mit sieben Heizungsbauern aus der Region darüber gesprochen worden, wie sie an dem Vorhaben beteiligt werden könnten.

Bis zum Sommer soll die Detailplanung für das Netz fertig sein, dann kann die Genossenschaft die staatliche Förderung beantragen. Wenn der Förderbescheid vorliegt, geht es an die technische Vergabe, so dass im 4. Quartal 2023, bzw. spätestens zu Beginn des Jahres 2024 mit den Erdarbeiten begonnen werden könnte. Ziel ist es, die Häuser noch vor dem Winter 2024 ans Netz zu bringen. "Beim Aufgraben könnten wir uns eine Zusammenarbeit dem Breitband-Versorger vorstellen", sagt Arnold. Für das Verlegen der Glasfaserkabel müssen demnächst ohnehin Bagger anrollen. Diesen Synergieeffekt würde die Genossenschaft gerne nutzen.

"Alleine hätte ich das nie geschafft", gibt Landwirt Sebastian Kraus unumwunden zu. "Das geht nur, wenn Leute sich für eine Idee begeistern und mit Leidenschaft anpacken." Die Vorstände und Aufsichtsräte der Bürger-Genossenschaft nicken und lassen keinen Zweifel daran, dass sie von dem eingeschlagenen Weg überzeugt sind. "Das wäre auch was für andere Gemeinden", sagt Kraus. "Ich kann dieses Modell nur empfehlen."

Hintergrund:

Nahwärme Gebenbach-Atzmannsricht e.G.

  • Genossenschaft zum Bau und Betrieb eines Nahwärmenetzes in den Ortschaften Gebenbach und Atzmannsricht
  • Gegründet im November 2022 von 34 Mitgliedern
  • Mitgliederstand aktuell bei über 100
  • Anteil pro Mitglied: 7500 Euro, zahlbar in drei Raten zu je 2500 Euro
  • Vorstandsvorsitzender: Norbert Arnold
  • Aufsichtsratsvorsitzender: Hans Bäumler
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