08.10.2019 - 14:11 Uhr
Oberpfalz

Geschundene Wälder

Raubbau an der Natur existiert schon seit Hunderten von Jahren. Um zu heizen, zu kochen und nicht zuletzt um Waffen zu schmieden, sind die Oberpfälzer Wälder abgeholzt worden. Aufforstung hat es auch schon damals gegeben.

„Zeidler auf der Jagd“: Zeidler beim Rauben des Wildbienenhonigs und beim Verschließen des Bienenstocks mit einem Brett. (Quelle: Lehnherr/Thomas in „Natur- und Kulturgeschichte der Honigbiene“)

Je länger die Historiker forschen, je mehr die Archäologen graben, umso mehr Zweifel entstehen bei der Frage, wann die mittlere und nördliche Oberpfalz besiedelt wurde. Unabhängig von der Datierung ist klar: Die Siedler brauchten Holz. Holz zur Errichtung ihrer Unterkünfte, zum Herstellen von Waffen und Werkzeugen, zum Heizen, zum Kochen, zum Bergbau über und unter Tage, zum Schiffsbau und sicher auch noch für rituelles Geschehen.

Älteste Nachweise einer Besiedelung der mittleren und nördlichen Oberpfalz gehen auf das 7. Jahrhundert zurück. Grabungen wie jene, die 2017 der Archäologe Mathias Hensch am westlichen Ortsrand von Kümmersbruck (Landkreis Amberg-Sulzbach) leitete, bei der 36 Waffenschmieden mit den zugehörigen Rennöfen gefunden wurden, belegen, dass damals bereits ein Mangel an Holz in wirtschaftlich vertretbarer Umgebung bestand. Zur Herstellung von Holzkohle diente minderwertiges Krüppelholz, mit dem kaum noch die für das Schmelzen und Schmieden erforderlichen Temperaturen erzielt werden konnte.

Mauer aus Wacholder

Diese Tatsache bekräftigen die Grabungen in dem um 1000 nach Christus entstandenen Bereich der ehemaligen Burg Ammerthal. Die "Burgmauer" bestand aus Stämmen des Wacholders. Auch dies belegt, dass weder Fichte noch Tanne, geschweige Buche, zur Verfügung standen.

Der Raubbau im großen Stil für die Herstellung von Holzkohle zum Betreiben der Rennöfen, Wellherden und Schmieden begann im frühen Mittelalter und eskalierte im 15. und 16. Jahrhundert. Oberpfalzweit gab es etwa 200 Hammerwerke, die im Jahr bis zu 400 000 Festmeter Kohlholz verbrauchten.

Doppelt so viel wie nachwachsen konnte. Fachleute wissen von einigen Hammerwerken, die ihren Standort verlegen mussten, weil es in wirtschaftlich tragbarer Entfernung kein Holz mehr gab.

Das für die Verkohlung besser geeignete Hartholz war längst gefällt worden. Schneller wachsendes Nadelholz musste her. Bereits Mitte des 14. Jahrhunderts wurde aus Teilen des Hirschwaldes im Landkreis Amberg-Sulzbach ein Kulturwald - nach dem Lorenzer Reichswald der zweitälteste in Deutschland, wenn nicht gar in Europa. Peter Stromaier, der "Vater der Forstkultur", später das Geschlecht der Freiherrn von Stromer, hatte die Tannen-Saat erfunden. Im Besitz einiger Berg- und Hammerwerke gerieten letztere durch Holzmangel in Existenznot. Stromaier forschte nach unbekannten biologischen Zusammenhängen, sammelte Zapfen, gewann daraus den Samen und ließ diesen in den gepflügten Waldboden einsäen. Daraus entwickelte sich die Tannensäer-Zunft. Beginnend 1368 wurde so aus einstigem Mischwald eine Monokultur mit schnell wachsenden Nadelhölzern.

Ende des 17. Jahrhunderts entstanden in den folgenden 200 Jahren in der Oberpfalz etwa 50 Hochöfen. Der Raubbau ging weiter. Erst 1863, mit dem Anblasen des Hochofens in Rosenberg, wurde auf Kohle beziehungsweise Koks umgestellt.

Zerstörung

Hinzu kamen, wie auch heute, jedoch nicht quantifizierbar, Borkenkäfer, Kupferstecher, Wildverbiss, Feuer, Wind- und Schneebruch und vom Menschen verursachte Waldschäden. So beispielsweise die Produktion von Pech und Ruß, aber auch die Gewinnung von Honig und der damit verbundenen Schädigung der Bäume und die Zerstörung der Ameisennester bei der Suche nach Ameiseneiern, nach Vogelfutter. In der Neuzeit nahm man dem Wald durch die Gewinnung von Einstreu die Möglichkeit, sich zu regenerieren. Zahlreiche Wälder dienten der Waldweide. Die Ansiedlung von Bienenvölkern in ausgehöhlten Bäumen und das Sammeln von Ameiseneiern für Vogelfutter war gemessen am Gesamtschaden nur noch marginal. Meist bedeutete Krieg Erholung für den Wald.

Die vergangenen 200 Jahre zeichneten sich trotz Industrialisierung durch Wiederaufforstung aus. Seit wenigen Jahrzehnten ist von "Nachhaltigkeit" die Rede. Extrem geschunden war zum Beispiel der Landkreis Amberg-Sulzbach mit einem Waldbestand von 20 bis 25 Prozent vor 200 Jahren. Es galt aufzuforsten, doch leider - wie auch bereits im Mittelalter - mit schnell wachsenden Nadelbäumen.

Schon lange will der Forst weg von der Monokultur. So liegt heute, regional unterschiedlich, der Laubwaldanteil zwischen 30 und 40 Prozent. Auch kann sich die Oberpfalz mit 40 Prozent Waldfläche, gleich Oberfranken, bayernweit mit 35 Prozent und deutschlandweit mit 32 Prozent sehen lassen. Zu den Spitzenreitern gehört der Landkreis Amberg-Sulzbach mit heute 51 Prozent Waldbestand.

Überangebot

Doch zu alten Sorgen um den Wald wie der durch Monokultur begünstigte Schädlingsbefall, kamen und kommen neue: Luftverschmutzung, CO2-Ausstoß, Trockenheit. Das Abholzen geschädigter Bäume führt zu einem Überangebot an Holz. Da muss man schon nach der Notwendigkeit fragen, Holz aus Skandinavien, der Ukraine oder gar aus Übersee zu importieren.

Gleiches gilt für den Verzehr von Nahrungsmitteln, vor allem Fleisch, aus Übersee. Dies alles trägt zu einer überflüssigen Abholzung und damit erhöhter CO2-Belastung unserer Umwelt bei. Allein positiv, jedoch kostenintensiv, ist die durch das momentane Geschehen vor unserer Haustür erzwungene Naturverjüngung.

Wirtschaftsfaktor

Ohne Wasser kein Leben, ohne Baum kein Leben: So dienen Bäume auch dem Menschen. Sie produzieren Sauerstoff, der Wald speichert Wasser, dient unserer Erholung, ist Heimat für unzählige Lebewesen und ein Wirtschaftsfaktor.

Und wer an die "Bräutigamseiche" schrieb und schreibt, anfangs heimlich, später öffentlich, heute sogar mit Postleitzahl, sucht einen Partner. Ein Modell des "Briefkastens" befindet sich in der Ausstellung "Holz macht Sachen! Holz, Baum, Wald und Du?" im Freilandmuseum Neusath-Perschen (Landkreis Schwandorf). Zu sehen ist sie noch bis 3. November. Mehr Informationen auf www.freilandmuseum.org und www.holzmachtsachen.org.

Der Pechler beim Anreißen eines Baumes zur Harz-Gewinnung. Die Zeichnung stammt von Renate Dörner.
Arbeiten am Kohlplatz. (Quelle: H. Steuer/U. Zimmermann – „Alter Bergbau in Deutschland“)
Ein Eisenhammer. Rechts oben ist der Rennherd zu sehen, links unten, verdeckt, der Wellherd. (Quelle: Gg. Agricola/„De Re Metallica“)
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