30.04.2020 - 13:32 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

132 Jahre Erfahrung: Grafenwöhr verabschiedet Stadträte

Neun Stadträte schieden mit Beginn der neuen Wahlperiode am 1. Mai aus dem Gremium aus. Gemeinsam haben sie jahrzehntelang Politik für Grafenwöhr gemacht. Nun machten sie Platz für neue Gesichter.

1996 zogen Anton Schopf (hinten, Mitte), Thomas Reiter (zweite Reihe, Zweiter von links), Petter Lippiotta (zweite Reihe, Vierter von links) und Udo Greim (vorne, Zweiter von links) gemeinsam in den Stadtrat ein.
von Stefan NeidlProfil

Generationenwechsel in der Grafenwöhrer Kommunalpolitik: Insgesamt neun zum Teil langjährige Stadträte - darunter Josef Neubauer (wir berichteten) - traten nicht mehr bei den Wahlen an. Über Jahrzehnte haben sie das Geschehen in der Kommune mitbestimmt und mit ihren Entscheidungen das Stadtbild geprägt. Nun machten sie für Jüngere Platz.

Udo Greim war für die SPD 30 Jahre lang Stadtrat und in dieser Zeit insgesamt 18 Jahre zweiter oder dritter Bürgermeister. Politisch inspiriert haben ihn SPD-Persönlichkeiten wie Willi Brandt, Helmut Schmidt oder lokal Frank Zebisch und Ludwig Stiegler. Er habe dem "kleinen" Mann und dem Bürger mit seiner Kraft zur Verfügung stehen wollen, betont er. 1987 teilte er sich den Ortsvorsitz mit Georg Schwindl: "Meine Antrittsrede von damals ist immer noch brandaktuell."

Greim wollte stets für die Bürger da sein und Probleme mit ihnen meistern, sagt der 67-Jährige. Auch mit seinem Wirken in Kreis- und Bezirksvorstand ist er zufrieden. "Gemeinsam mit Helmuth Wächter waren wir schon Dauergäste im Verteidigungsministerium", erzählt er rückblickend. In seiner langen politschen Karriere lernte der ehemalige Berufssoldat viele prominente Politiker wie Sigmar Gabriel und Gerhard Schröder kennen.

Zur Eröffnung des Sportparks kam auch Ministerpräsident Edmund Stoiber und ließ sich von Reiter informieren.

Stolz ist er auf die Entscheidungen zur Gründung der der Stadtwerke, zum Baugebiet "Ochsenhut", zur Sanierung vieler Gebäude und Ortsteile sowie zum Erhalt des Bundeswehrstandorts im Truppenübungsplatz. Die Höhepunkte für Greim in seiner Zeit als Lokalpolitiker waren die Vertretung Wächters als Bürgermeister sowie die Gründung des Vierstädtedreiecks und des Mehrgenerationenhauses. Die 650-Jahr-Feier 2011 plante er als hauptverantwortlicher Organisator eineinhalb Jahre in Kleinstarbeit.

Begeistert hat ihn an der Stadtratsarbeit in Grafenwöhr, dass es möglich gewesen sei, auch gegen harte Widerstände gestalten zu können. Hin und wieder habe er sich dafür Anfeindungen gefallen lassen müssen - einstige Äußerungen aus dem Blatt einer lokalen Jugendorganisation habe er nicht vergessen, merkt er an. Auch schmerzte ihn, dass Landrat Simon Wittmann einst seine Glückwünsche als Gegenkandidat nicht annehmen wollte: "Die Zeit heilt alle Wunden, aber das tat schon sehr weh."

Greim wollte immer selbst aufhören, bevor die Leute sich wundern, ob er denn nicht aufhören könne. Den Jungen will er den Rat geben, dass sie mit ihrer Politik sich noch selbst im Spiegel anschauen können.

Der Stadtrat von 2014 bis 2020. Für neun Lokalpolitiker war es die letzte Amtszeit.

Anton Schopf war über 30 Jahre Wegbegleiter von Udo Greim. Heinrich Zeitler machte ihn einst für die SPD zum Kinderfestorganisator, Helmuth Wächter überzeugte ihn mit "menschlicher Politik und seinen Visionen" für die Stadt. Er freute sich über das Jubiläum des Truppenübungsplatzes, den Kauf des HSG-Gebäudes, die Gründung der Sozialen Stadt, der Stadtwerke sowie der Wasserwirtschafts- und Betriebsgesellschaft (WBG). Über sein Mandat lernte er immer wieder wichtige Persönlichkeiten kennen.

Am Stadtrat gefiel ihm, dass er seine Meinung und Ideen ohne Parteizwang kundtun konnte. In den vergangenen sechs Jahre aber sei der Stadtrat mehr Streit als Harmonie gewesen, erklärt Schopf. Und so wolle er den Jungen eine Chance geben: "Wenn wir Alten nicht aufhören, können die Jungen nichts lernen." Mit der absoluten Mehrheit der CSU werde die Arbeit für die kleinen Parteien schwer, da diese für Beschlüsse nicht mehr gebraucht würden. Den neuen Räten empfiehlt er einen fairen Umgang untereinander. Und das Wichtigste: "Nach jeder Sitzung auf ein Bier miteinander gehen."

Als Stadtrat und SV-Vorsitzender war die Einweihung des Sportparks einer der Höhepunkte für Thomas Reiter (Zweiter von links).

Kein Mann großer Worte ist Thomas Reiter. Der 61-Jährige war ebenfalls 30 Jahre Stadtrat. Politik interessierte ihn schon immer. Reiter war Mitglied im Jugendverband der FDP, den Judokas, bevor Gerald Morgenstern ihn für die CSU an Bord holte. Als Vorsitzender der SV TuS/DJK Grafenwöhr war natürlich der Bau des Sportparks der Höhepunkt seines Schaffens, aber auch die 650-Jahr-Feier der Stadt.

Den Bauzeichner hat es immer begeistert, wenn der Stadtrat gemeinsam Entscheidungen zum Wohle der Kommune und ihrer Bürger getroffen hat, auch wenn ihn einige Gruppierungen enttäuscht hätten, sagt er, ohne ins Detail zu gehen. Seinen Nachfolgern im Stadtrat empfiehlt er, ihren eigenen Weg zu finden und sich nicht verbiegen zu lassen. Für ihn waren drei Jahrzehnte Kommunalpolitik genug.

Seiner Frau kann Reiter schon mal die Führung überlassen - zumindest auf dem Fahrrad.

Nach 24 Jahren scheidet Peter Lippiotta aus dem Stadtrat aus. Den 58-Jährigen hatten die Reden von Franz Josef Strauß am politischen Aschermittwoch immer begeistert, und so kam er zur CSU. Ihm gefiel an seinem Ehrenamt, "dass man Entscheidungen treffen kann, um die Stadt wieder ein bisschen lebenswerter und fitter für die Zukunft zu machen". Als "enttäuschend" bezeichnet er Parteiendenken und persönliche Angriffe gegen Stadträte. Ohne Edgar Knobloch hätte diesbezüglich in den vergangenen sechs Jahren ein deutlich raueres Klima geherrscht, betont er.

Der ehemalige Finanzwirt hätte gerne noch wie seine Kollegen die 30 Jahre voll gemacht: "Leider reichte die Anzahl der erreichten Stimmen nicht mehr für ein Stadtratsmandat aus." Den Glücklicheren wünscht er ein gutes Händchen und dass sie bei allen Entscheidungen das Wohl der Stadt und ihrer Bürger im Hinterkopf haben sollen. Zum Abschluss dankt er allen Wegbegleitern, Wählern und der Familie: "Schön war's!"

Die beiden Wächters im Gremium - Karl-Heinz und Altbürgermeister Helmuth - scheiden nach zwölf beziehungsweise sechs Jahren als Stadtrat aus. Beide sind froh, Politik zum Wohle der Bürger gemacht haben zu können. Für Karl-Heinz Wächter war die Funktion als Seniorenbeauftragter eine wichtige Aufgabe, Helmuth Wächter freut sich besonders darüber, 1986 Bundeskanzler Helmut Kohl in Grafenwöhr begrüßt zu haben. Beide wollten nun Jüngeren eine Chance geben.

Allen ausscheidenden Stadträten gemein ist die Begeisterung für die 650-Jahr-Feier 2011. Sie blicken auf viele gemeinsame Entscheidungen zurück und sind stolz auf ihr Schaffen. Reiter, Greim, Lippiotta und Schopf nennen dafür als Beispiele: die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie, die Gründung des Gründerzentrums und der Stadtwerke, die Sanierung von Ortsteilen und Gebäuden.

Von den ausscheidenden Stadträten der Linken, Klaus Schmitsdorf und Johannes Färber, kam auf Anfrage von Oberpfalz-Medien keine Reaktion.

Peter Lippiotta feierte Josef Neubauers 50. Geburtstag mit der CSU.

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