09.04.2020 - 09:00 Uhr
GrafenwöhrOberpfalz

Als die Felsmühle zum Trümmerhaufen wird

Der 8. April 1945 war ein Tag, den man nicht so schnell vergisst. Es war der Tag, als Grafenwöhr bombadiert wurde. Zeitzeuge Heiner Zeitler erinnert sich noch ganz genau daran.

Die Felsmühle nach der Bombadierung 1945
von Autor AZProfil

Sonntag, 8. April 1945. Ein Schicksalstag für Grafenwöhr: Bombardierung der Stadt, Verwüstung auf breiter Ebene, Tod, Not, Leid, Elend für viele Menschen. Ältere Grafenwöhrer können ihn einfach nicht vergessen, diesen Weißen Sonntag, der zum "Schwarzen Sonntag" wurde. Einer dieser Zeitzeugen ist Heiner Zeitler. Das verheerende US-Bombardement erwischte seine Familie. Von einer Minute zur anderen löschte eine gewaltige Sprengbombe die gesamte Existenz aus: Wohnhaus samt Mühle und Schwarzbrotbäckerei – die Felsmühle war ein einziges Trümmerfeld. Furchtbar auch deshalb, stellte sie doch einen wichtigen Versorgungsbetrieb für viele Menschen in der Region dar. Die Schrecken des 8. April 1945 brannten sich ins Gedächtnis ein. Zeitler schilderte, wie jener Weißer Sonntag, der Vortag seines 14. Geburtstages zum persönlichen "Schwarzen Sonntag" wurde.

Schutz im Felsenkeller

"Ein sonniger, klarer Frühlingstag war angebrochen. Gegen 10 Uhr befand ich mich mit dem Rad in der Neuen Amberger Straße, um Beiträge zu kassieren für den Schützenverein. Gerade, als ich aus dem Haus des Bauer-Sepp kam – Sirenengeheul. Bereits vorgewarnt durch den ersten Angriff vom 5. April im Lager, hieß dies: Nichts wie heim und hinein in unseren Felsenkeller. Dort hatten bereits zahlreiche Leute Schutz gesucht: Kinder, Frauen, ältere Bürger, wie auch die Familien Koller, Harrer, Schweinzer. Schon war das unheimliche, durch Mark und Bein gehende, dumpfe Dröhnen von Fliegern nahe, als noch eine Gruppe Soldaten Einlass begehrte. Und gleich darauf detonierten die ersten Bomben. Schnell rückten weitere Staffeln nach, die Kellertür konnte den starken Druckwellen nicht mehr standhalten. Mit Balken und ihren Körpern versuchten Soldaten sich ihnen entgegen zu stemmen. Geistesgegenwärtig schob mir ein Offizier einen Bleistift zwischen die Zähne, wohl um Schaden an meiner Lunge zu verhindern. Ziemlich vorne an der Tür, spähte ich vorsichtig immer wieder hin zur schräg gegenüber liegenden Felsmühle. "Das Haus steht noch", meldete ich so mehrmals der im hinteren Teil bangenden Familie. Bei den letzten Staffeln dann sahen alle ihr Ende gekommen, als schwere Bomben in unmittelbarer Nähe des Felsenkellers einschlugen. Gellende Schreie der Todesangst folgten der ungeheuren Wucht des Aufpralls. Der gewaltige Luftdruck drohte ihre Lungen zu zerreißen. Gleichzeitig verharrten die Menschen in lähmendem Entsetzen."

Ein einziger Trümmerhaufen

"Als die Luft endlich rein war, wagten wir uns nur zögerlich aus dem Keller. Welch' ein gespenstiger Anblick! Die schreckliche Bilanz: das Haus mit Mühle und Bäckerei – ein einziger Trümmerhaufen. Auch die Scheune, in der etwa 200 Zentner Getreide lagerten – zerbombt, zerstört bis auf die Grundmauern. Die anderen Gebäude, einschließlich Viehstall – ohne Dach. Schwer zu beschreiben, die Gesamtsituation, diese wirren Gefühle! Wie in Trance gingen wir umher. So unwirklich alles, irgendwie so leer. Selbst die Tränen waren uns abhanden gekommen... Unvergessen auch die Verwunderung dann über unsere eigenen Spuren. Weißer Staub, wohin wir auch traten: Bis wir kapierten – es war der Staub von zig Zentnern Mehl! Einer aber, der stand, wenngleich etwas verletzt, doch ungebrochen da: der gute, alte Holzbirnbaum. Seine starken 'Selbstheilungskräfte' wurden auch mit mehreren Bombensplittern fertig! Aber, wie der Baum aussah? Behängt mit Wäsche aller Art, sowie Fetzen von Mehl- und Getreidesäcken, die sich durch die Detonationen in seinem Geäst verfangen hatten. Eigentlich ein Bild zum Schmunzeln – ja, wäre die Lage nicht so makaber, nicht so erbärmlich gewesen. Wuchtige abgesprengte Felsblöcke versperrten den Weg. Sie mussten bald nach dem Bombardement, durch die pausenlos im Einsatz befindliche Feuerwehr beseitigt werden. Zudem forderten die Fahrer Martin Raß und Georg Hofmann auf, mit herumliegenden Brettern und Balken ein Provisorium über einen riesigen Bombentrichter an der Sandsteinbrücke zu installieren. An der Obag dann ein weiteres Hindernis. Dort brannte buchstäblich die Erde. Vermutet wurde damals der Abwurf von Phosphor."

Umfunktionierter Schweinestall

Zeitler erzählt weiter: "Trotz der bitteren Realität, es musste weitergehen. Doch, wo beginnen? Da half nur: retten, was überhaupt zu retten ist. So galt es, alles brauchbare Material wie Bretter, Ziegel, Blech aus den Trümmern zu buddeln, zur zumindest provisorischen Abdeckung der Stallung. Es waren ja Kühe, Schweine, ein Pferd und das gesamte Heu darin untergebracht. Buchstäblich jede alarmfreie Minute wurde daran gearbeitet. Zum Glück herrschte dafür trockenes Wetter. Die Nächte verbrachte man, zusammen mit anderen obdachlos gewordenen Familien, im Felsenkeller, wobei Bretter und Kleidungsstücke als Unterlagen dienten. Nachdem die Stallung von oben her dicht war, stellte sich die Frage nach unserer weiteren Bleibe. Es kam nur der Schweinestall in Frage. Es hieß also zunächst, eine Notunterkunft für die Tiere zu richten, nach und nach dann den Stall für uns bewohnbar zu machen. Was bedeutete: Gründliche Reinigung, Entfernen der Boxen, Streichen der Außenwände mit Kalk. Zum funktionellen Multiraum wurde die Futterküche mit dem großen beheizbaren Kessel. Bis der Vater nach Wochen, über Beziehungen zur Firma Zechmayer, einen Küchenherd organisieren konnte, wurde darin gekocht. Auch andere Leute ohne Dach über dem Kopf konnten hieraus mit verköstigt werden. Das 'Gemeinschaftsschlafzimmer' nebenan, für sechs Personen, bestand aus drei eisernen Soldatenbetten (Zuteilung aus dem Lager) sowie selbst gezimmerten Gestellen. Auch einen Tisch und zwei Stühle durften wir, per Zuteilungsschein, aus dem Lager holen."

Die Amerikaner kommen

"Dann kamen die Amerikaner. Es war nachmittags gegen drei Uhr. Auf dem Mühlbachweg fuhren die ersten Jeeps heran. Wir befanden uns, zusammen mit anderen Leuten, ja immer noch im Felsenkeller. Ein weißes Tuch an einem Stock, so traten wir heraus. Im Schritttempo, alles scharf beobachtend, ging's voran über die Pechhofer Straße, Richtung Stadt. Am selben Abend dann tauchte plötzlich ein farbiger Soldat, bewaffnet und in Ausrüstung, im Kellereingang auf – und ließ sich da nieder. Drei Nächte lang das gleiche, am Morgen verschwand er jeweils – und dies, ohne eine einzige Silbe zu sprechen!"

Hoffentlich geht's schnell

"Gerade ein paar Tage zuvor in den Schweinestall umgezogen, sollte nochmals ein Schreckensszenario folgen. Es war Nacht. Da, auf einmal: Motorengekreisch, heftiges Pochen an Fenster und Tür, Gebrülle im Hof. Alle mussten raus. Sofort. Keine Zeit, um sich was über zu ziehen. Fünf Soldaten und ein Sergeant waren mit zwei Jeeps herangebraust. Wilde Schreie ausstoßend, bedeutete der Sergeant: Ran an die Wand! Sogleich gab er Kommando zum Durchladen, die Soldaten brachten ihre Gewehre in Anschlag. Den Tod bereits im Auge, war mein einziger Gedanke: Hoffentlich geht's schnell! Dann, so urplötzlich wie sie gekommen, waren sie wieder weg. Warum? Wieso? Weshalb? Ich kam nie dahinter!"

Die Heimat blieb uns

"Im Schweinestall hatten wir uns eingerichtet, so gut es eben ging. Ganz nach dem Sprichwort: Not macht erfinderisch! Es sollte so bleiben – bis ins Jahr 1949, eben bis ein neues Wohnhaus mit neuer Mühle und Bäckerei stand ... All die Arbeit mit Aufräumen und Wiederaufbau, wie mühsam war sie, schien einfach endlos. Und, am liebsten hätte man in seiner frühen Jugend mitunter alles hin geschmissen. Die Mutter war's, die dann jedes Mal tröstete: ,Komm, sei zufrieden. Denk' an die vielen, vielen Flüchtlinge. Die haben nicht nur ihr Hab und Gut verloren, sogar ihre Heimat. Und die ist uns, Gott sei Dank, geblieben!'"

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