Grafenwöhr
08.06.2020 - 12:26 Uhr

Verliebt, verlobt, verheiratet: Hochzeiten in Krisenzeiten

In Zeiten der Coronakrise ist vieles anders, auch das Heiraten. Statt einer Feier mit vielen Gästen steht für das Brautpaar ein Tag zu zweit an. Früher war das ganz ähnlich.

Ein junges Paar heiratete im Jahr 1945 in der Evangelischen Kirche in Grafenwöhr. Viele Gäste durften nicht mitfeiern – so wie es wegen der Coronakrise auch heute der Fall ist. Bild: exb/Kultur- und Militärmuseum Grafenwöhr
Ein junges Paar heiratete im Jahr 1945 in der Evangelischen Kirche in Grafenwöhr. Viele Gäste durften nicht mitfeiern – so wie es wegen der Coronakrise auch heute der Fall ist.

In diesem Jahr müssen die liebevoll vorbereitete Hochzeitsfeiern wegen des Coronavirus abgesagt werden. Wenn sich ein Paar trotzdem für eine Trauung entscheidet, steht es fast allein oder nur mit ihren Trauzeugen und wenigen Familienmitgliedern vor dem Standesbeamten. Das erinnert an die Nothochzeiten zu Kriegszeiten. Im September 1992 schickte eine Frau die Geschichte ihrer Hochzeit, die am 8. April 1945 in Grafenwöhr stattfand, mit einer Kopie ihres Trauzeugnisses an den evangelischen Pfarrer:

Als 1945 die Russen nahe an Cottbus waren, wurde sie von ihrem Verlobten von dort nach Grafenwöhr gebracht. Er war damals Hauptmann und Adjutant der Panzertruppenschule im Truppenübungsplatz. Sie fand dort eine Anstellung in der Verwaltung und zahlte den Soldaten den Wehrsold aus. Als am 5. April 1945 die ersten Bomben fielen, suchte ihr Verlobter Schutz in einem ausgeworfenen Splittergraben vor seinem Dienstgebäude und wurde dort verschüttet. Hilfe kam zur rechten Zeit. Sofort setzte er sich auf sein Fahrrad, um nach seiner Verlobten zu suchen. In einem nahegelegenen Kiefernwald fand er sie schließlich, setzte sich neben sie ins Blaubeerkraut und entschied, dass sie sofort heiraten. Sein Kommandant fragte ihn, ob er den Verstand verloren hätte.

Die standesamtliche Trauung fand bereits drei Tage später am 8. April 1945 um 6 Uhr morgens statt, die kirchliche Trauung in der evangelischen Michaelskirche dann um 8 Uhr. Zwischen 9 und 9.30 Uhr stand die kleine Hochzeitsgesellschaft vor der Kirche zusammen und gratulierte dem frischvermählten Paar. Was sie am Morgen noch nicht wussten: dass gerade an ihrem Hochzeitstag der zweite Angriff auf Grafenwöhr stattfinden sollte. Um 10 Uhr erklang der Voralarm und um 11 Uhr fand der viel schlimmere Hauptangriff statt. Das Hauptlager wurde zum größten Teil zerbombt. Ihre kleine Habe war zerstört, aber ihnen selbst war zum Glück nichts geschehen.

Mit Sicherheit wünscht sich keine Braut an ihrem Hochzeitstag einen Bombenangriff und auch keine Corona-Krise. Und obwohl es der schönste Tag einer Frau sein sollte, wagen Paare es trotzdem, sich auch in Krisenzeiten das Ja-Wort zu geben. Viele Anekdoten und Geschichten gibt es zum Nachlesen in der Stadtchronik Grafenwöhr, die auch im Kultur- und Militärmuseum ausgeliehen werden können.

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