04.07.2019 - 08:00 Uhr
HahnbachOberpfalz

Handwerker wünschen sich Wertschätzung

"Wer will fleißige Handwerker seh'n - der muss zu uns Kindern geh'n." Das Kinderlied ist nach wie vor beliebt. Werden die Kinder aber älter, singen sie oft genug nicht mehr das hohe Lied aufs Handwerk. Wie kann sich das Image wieder ändern?

Eine Delegation der Schreinerinnung Amberg mit Karl Standecker (rechts) und Richard Siegler (Dritter von links) brachte bei der Staatsregierung in München ihre Anliegen vor.
von Alexander Rädle Kontakt Profil

Karl Standecker sieht hin und packt an. Als Schreinermeister, der in Hahnbach (Kreis Amberg-Sulzbach) einen Fensterbaubetrieb mit mehr als 15 Mitarbeitern aufgebaut hat, kennt er es nicht anders. Er analysiert, ist kritisch - und dabei nicht immer bequem. So hat er es in den 1980er Jahren gehalten, als er gegen die WAA Wackersdorf mit aufstand. Sein zum Zopf gebundenes Haar erinnert daran - nicht nur sein Umfeld, sondern auch ihn selbst. Mehr als 30 Jahre später legt er wieder den Finger in die Wunde. Er möchte dem Handwerk wieder zu mehr Wertschätzung verhelfen. Dabei geht es ihm auch um Gerechtigkeit und die Gesellschaft.

Das Handwerk macht immer noch zu wenig auf sich und seine Bedeutung aufmerksam. Davon ist Standecker überzeugt. Gemeinsam mit dem Obermeister der Schreinerinnung Amberg, Richard Siegler, haben sie über den Landtagsabgeordneten Tobias Gotthardt (Freie Wähler) einen Termin bei Unterrichtsminister Michael Piazolo (Freie Wähler) in München bekommen. Sie wollten ihm aus ihrer Sicht die Nachwuchsproblematik im Handwerk darlegen.

"Wir sind nicht daran interessiert, alle an den Unis unterzubringen." Diese Aussage Piazolos haben Standecker und Siegler aus München mitgebracht. Piazolo bedauere es, dass in der Gesellschaft, vor allem bei manchen Eltern, eine ablehnende Haltung zu Handwerksberufen zu spüren sei. Eine Botschaft Piazolos, die die Gäste aus der Oberpfalz mit Freude vernahmen, zeigt sie doch, dass in der Staatsregierung die Situation durchaus ähnlich eingeschätzt werde.

Siegler und Standecker sehen ein breites Aktionsfeld, das es zu beackern gilt: Ausbildung, Facharbeitermangel, Bürokratie und Dokumentation, steuerliche Gleichbehandlung, Billiglöhne und Billigprodukte aus dem Osten und Abschaffung der Meisterpflicht. Ein Überblick:

Ausbildung:Der Wert einer handwerklichen Ausbildung müsse wieder mehr anerkannt werden. Durch die Abschaffung der Meisterpflicht sei die Wertigkeit vieler Berufsbilder demontiert worden. Im Vergleich zum Studium oder zur Ausbildung in der Industrie müsse die Berufsausbildung im Handwerk auch bei der Berufsorientierung in den Schulen wieder einen höheren Stellenwert bekommen und nicht nur als "Notlösung" betrachtet werden. Mit einer Pflicht-Quote in den schulischen Betriebspraktika könnten Handwerksberufe bei Schülern bekannter gemacht werden.

Facharbeitermangel: Der Facharbeitermangel hat mehrere Ursachen - neben der in den vergangenen Jahren gesunkenen Zahl an Auszubildenden sind es auch die Gesellen und Facharbeiter, die sich für höhere Positionen fortbilden oder in die besser bezahlende Industrie wechseln. Die Handwerker fordern eine Gleichbehandlung bei Steuern und Subventionen. Derzeit könnten Industriebetriebe dank staatlicher Subventionen und Steuergeschenke höhere Löhne zahlen.

Billigprodukte: Konkurrenz aus Osteuropa kann nicht nur wegen niedrigerer Kosten billiger produzieren, sondern auch wegen geringerer Löhne günstiger einbauen. Zwischen 2015 und 2018 seien die Preise für Produkte aus den EU-Oststaaten um 35 Prozent gefallen. Ebenfalls gesunken seien die Stundensätze von Ein-Mann-Fachbetrieben.

Schulen digitalisieren: Lehrer müssen in der Digitalisierung besser geschult werden. Nach Erfahrungen von Karl Standecker kenne sich so mancher Schüler am Computer aus besser als sein Lehrer. Eltern und Lehrer seien in der Pflicht, Kinder und Jugendliche über Datenschutz, Sicherheit im Internet und Themen wie Cybermobbing aufzuklären.

Wiedereinführung der Meisterpflicht:Dafür sprechen sich Karl Standecker und Richard Siegler klar aus. Die Meisterpflicht würde die Wertigkeit der Arbeit in der Öffentlichkeit verbessern. Der Meistertitel habe einen sehr hohen Anspruch und dürfe nicht geschenkt sein. Diese Auffassung teilte auch Piazolo. In der Vergangenheit habe die Abschaffung der Meisterpflicht in den betroffenen Bereichen zu einem Preisverfall durch Billigkonkurrenz geführt.

Standeckers Betrieb selbst leidet ebenfalls unter dem Fachkräftemangel. Die Zahl der Gesellen hat sich seit 2004 deutlich reduziert. Eine Lösung scheint bei ihm nicht in Sicht, denn die Zahl der Bewerbungen ist gesunken. Junge Leute mit normalem oder höherem Schulabschluss haben sich in den vergangenen Jahren überhaupt nicht mehr für eine Schreinerlehre interessiert. Umso mehr hofft Standecker, dass ein Paradigmenwechsel in Politik und Gesellschaft ein Stück weg von der Akademisierung auch dem Handwerk wieder mehr Personal bringt.

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