07.06.2020 - 11:20 Uhr
Haunritz bei KemnathOberpfalz

Wermut als Jungbrunnen

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Hildegard von Bingen empfiehlt in ihren Werken die Wermut-Frühjahrskur als inneren Frühjahrsputz. Seit 30 Jahren setzt Johanna Eisner aus Haunritz diese Empfehlung in die Praxis um. Mit ungebrochener Begeisterung.

Johanna Eisner aus Haunritz hat mehrere Wermutpflanzen in ihrem Garten.
von Christa VoglProfil

Mit der Wermut-Frühjahrskur nach Hildegard von Bingen kennt sich Johanna Eisner bestens aus. Vor über 30 Jahren kam die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin aus Haunritz über eine befreundete Ordensschwester in Kontakt mit der Hildegard-Medizin. Und genau seit dieser Zeit ist die sechs Monate dauernde Mai-Kur fester Bestandteil ihres Jahreskreises. "Die Kur ist wie ein Jungbrunnen, man fühlt sich dadurch wohler, man hat Elan, sie entgiftet. Und durch die Bitterstoffe ist sie auch gut für die Verdauung", ist Eisner überzeugt.

Natürlich kauft Eisner ihren Mai-Kur-Trank nicht in der Apotheke, sondern erntet den Wermut aus ihrem eigenen Garten. Dort haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte viele der bekannten Hildegard-Pflanzen versammelt, "aber es sind längst noch nicht alle", sagt die Ernährungsfachfrau und lacht dabei.

Hier gibt es weitere Informationen über Johanna Eisner und die heilige Hildegard:

Kemnath

Der Wermut hat an zwei Stellen im Garten inzwischen Fuß gefasst und samt sich auch fleißig aus. Ein deutliches Zeichen, so Eisner, dass er sich bei ihr im Garten wohlfühlt. Für die Zubereitung des Mai-Trunks verwendet sie nur den "Frühlingswermut", dessen Ernte zeitlich begrenzt zwischen dem ersten Frühlingsvollmond und dem 24. Juni, dem Johannistag erfolgt. Das sei, so sagt sie, ähnlich wie bei Rhabarber und Spargel. Gemäß der Originalrezeptur der heiligen Hildegard von Bingen muss der Wermut im Frühjahr ausgepresst werden, da "nur zu diesem Zeitpunkt der Vitalstoffgehalt im Wermutkraut eine optimale Ausgewogenheit aufweist."

Die Zubereitung des Trunks ist nicht besonders kompliziert, die Zutaten bestehen aus Wermut, Wein und Honig. Johanna Eisner geht dabei wie folgt vor: Wein und Honig werden fünf Minuten gekocht. Dann wird der sehr fein geschnittene, gemörserte oder mit dem Fleischwolf durchgedrehte Wermut zugegeben. An dieser Stelle heißt es dann allerdings aufpassen, oder wie Eisner sagt: "Niat davarenna und kochn laoa!" Auf hochdeutsch: Das Ganze nur kurz aufwallen lassen und dann sofort vom Herd nehmen.

Die Flüssigkeit wird anschließend in ein Sieb mit Durchseihtuch gegossen und die Wermutblätterfasern ausgedrückt. Jetzt den kochendheißen Wermutwein in sterile Flaschen abfüllen, Eisner nimmt dafür einfach die vorher geleerte Weinflasche und verschließt sie wieder. Und wie läuft die Kur ab? "Sechs Monate trinke ich von dem Wermutwein jeden Morgen auf nüchternen Magen ein Stamperl", erklärt Eisner und gibt zu, dass das Getränk ziemlich bitter schmeckt. Und zwar so bitter, "dass es einen die ersten paar Male richtig abschüttelt" und sie sich dann fragt: "Warum tue ich mir das an?".

Ja, warum eigentlich? "Weil es ein Universalheilmittel ist. Es stärkt den ganzen Körper und bringt die Vitalkraft zurück", ist die Hildegard-Expertin überzeugt. Und: "Es ist gut für das Immunsystem und die Verdauung. Und es vertreibt die Melancholie." Natürlich hat sie bereits für die anstehende Frühjahrskur verschiedene Flaschen mit Wermutwein auf Vorrat abgefüllt. Für sich und auch für einige Freunde, die sie in den letzten Jahren angesteckt hat. "Aber positiv angesteckt", sagt Johanna Eisner lachend. Und das, obwohl der Trank wirklich sehr bitter sei. Beim Wort "bitter" wird sie wieder ernst und formuliert zum Schluss und so ganz nebenbei noch eine Lebensweisheit, die den Geschmack des Wermuts gleich ein bisschen erträglicher erscheinen lässt: "Man braucht im Leben auch manche Bitterkeit, damit man das Schöne wieder sieht und das Gute wieder wachsen kann."

Hintergrund:

Zutaten für einen Liter Wermut-Trank

Für einen Liter Wermut-Trank benötigt man 1 Liter Wein, 150 Gramm Honig sowie 25 bis 40 Gramm Wermut (Pflanzenblätter aus dem Garten). Für eine Kur werden insgesamt drei Liter Wermut-Trank benötigt, die gewonnene Flüssigkeit ist ungefähr zwei Jahre lang haltbar und leicht alkoholhaltig. Wer alkoholfreien Wermut-Trank herstellen will, ersetzt den Wein einfach mit Traubensaft (kein Konzentrat!). Dann kann aber die Zugabe von Honig reduziert werden, da der Saft bereits eine gewisse Grundsüße hat. Geöffnet ist der auf Traubensaftbasis hergestellte Wermut-Trank nicht lange haltbar, daher sollten kleinere Flaschen verwendet werden. In Apotheken gibt es auch gebrauchsfertige Wermutkuren.

Info:

Hildegard von Bingen: Fromm und gelehrt

Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179. Sie war Benediktinerin, Äbtissin, Dichterin, Komponistin und eine echte Universalgelehrte. Sie hatte außergewöhnliche Kenntnissen in verschiedenen Gebieten der Wissenschaft. In der römisch-katholischen Kirche wird sie als Heilige verehrt.

Info:

Der Wermutstropfen: Woher kommt er?

Der Wermutstropfen trübt redensartlich einen schönen Augenblick und gibt ihm einen bitteren "Beigeschmack". Im Geschmack liegt auch der Ursprung dieser Redewendung. Das Wermutkraut, auch bekannt als "Bitterer Beifuß", hat eine hohe Konzentration an Bitterstoffen und wurde schon in der Antike als Heilpflanze verwendet. Fügt man einem süßen Getränk den Saft dieses Heilkrauts zu, auch wenn es noch so wenig ist, erhält dieses sofort einen bitteren Geschmack.

Wermut ist eine aromatische Heil- und Gewürzpflanze, die im Staudenbeet mit wenig Pflege auskommt.
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