12.09.2019 - 10:38 Uhr
KemnathOberpfalz

Das richtige Maß bei allen Dingen

Die Kemnatherin Johanna Eisner ist ehemalige Hauswirtschafterin des Klosters Speinshart. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Lehre der Hildegard von Bingen und gibt ihr Wissen in Führungen und Kursen weiter. Sie schwört auf Hildegard-Medizin.

Johanna Eisner ist Expertin für die Lehre von Hildegard von Bingen.
von Adele SchützProfil

Am 17. September jährt sich der Todestag der Heiligen Hildegard von Bingen, die von 1098 bis 1179 in Rheinland-Pfalz lebte. Sie war christliche Mystikerin, Universalgelehrte, Prophetin, Künstlerin und damit eine der bedeutendsten Frauen des Mittelalters. Die Leistung Hildegards liegt unter anderem darin, dass sie das damalige Wissen über Krankheiten und Pflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit dem der Volksmedizin zusammenbrachte und das Himmlische mit dem Irdischen zu verbinden suchte.

Zur damaligen Zeit wusste sie schon: "Äußere Schönheit kommt von innen" und verwies auf den Zusammenhang zwischen seelischem Wohlbefinden und körperlichem Wohlsein. Sie befasste sich intensiv mit der Wirkung von Nahrungsmitteln, Kräutern und Gewürzen auf die Gesundheit, die sie der Nachwelt in zahlreichen Werken hinterließ. Eine besondere Rolle spielt Hildegard im Bereich der Medizin. Ihre Erkenntnisse sind heute nach 900 Jahre noch aktuell. Ziel ihrer Heilkunde ist es, den Menschen zum umfassenden Heilwerden zu führen. Für ihre Zeitgenossen war sie ein Wunder, so dass sich Päpste, Kaiser, Könige und das einfache Volk scharenweise von ihr beraten ließen.

Der Lehre verschrieben

Die ehemalige Hauswirtschaftsmeisterin des Klosters Speinshart, Johanna Eisner, hat sich bereits vor rund 30 Jahren der Lehre der Hildegard von Bingen verschrieben, sich mit dieser intensiv auseinandergesetzt und ihr eigenes Leben danach ausgerichtet. Sie kann die ganzheitliche Wirkung der Hildegard-Medizin auf Körper, Geist und Seele nur bestätigen. Ihre Erfahrungen gibt sie in Vorträgen, Kräuterführungen, Fasten- und Kochkursen weiter. "Mir liegt sehr am Herzen, die 'Hildegard-Medizin' weiterzuverbreiten. Denn darin verbirgt sich uraltes und wertvolles Wissen zur Gesunderhaltung von Körper und Geist und damit ein ungeahnter Schatz für den Menschen", sagt Eisner.

Die Kemnatherin erzählt, dass Hildegard von Bingen, die erst 2012 durch Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen und zur Kirchenlehrerin erhoben worden sei, ihr Verständnis der Schöpfung und ihr medizinisches Wissen, basierend auf der Heilkraft von Kräutern, Pflanzen, Bäumen und Edelsteinen zum Wohl des Menschen, durch Visionen seit ihrer Kindheit erhalten habe. Sie habe darüber ihr erstes großes Visions-Buch "Scivias - Wisse die Wege" geschrieben. Weitere Visionsbücher "Liber vitae meritorum - Der Mensch in der Verantwortung" und "Liber divinorum operum - Welt und Mensch" folgten, sowie das Naturkundebuch "Physica" und das Heilkundebuch "Causae et curae".

Die Hildegard-Expertin: "Sie vertrat eine ganzheitliche Lehre, die die Gesundheit von Körper, Geist und Seele als voneinander abhängig betrachtet." Die Erhaltung des menschlichen Wohlergehens basiere im Wesentlichen auf einer gesunden Lebensführung und dem Wissen um das rechte Maß in jeder Hinsicht, insbesondere aber bei der Ernährung. Die Ernährung sei nach Hildegard das beste Heilmittel: "In einer ausgewogenen Ernährung sah diese die Möglichkeit, die Abwehrkräfte zu steigern und Krankheiten vorzubeugen." Bei der Ernährungslehre nach Hildegard von Bingen geht es weniger um eine Vitamin- oder Mineralstoff-Lehre, sondern um die positiven Eigenschaften der Lebensmittel in ihrer Gesamtheit. In der sogenannten "Subtilitäts-Lehre nach Hildegard" werden die Lebensmittel nach ihrem "Heilwert" für die Menschen eingeteilt.

Vollwertiger Dinkel

Die Ernährungslehre kenne Hauptnahrungsmittel als Universalheilmittel. Im Gegensatz zur traditionellen Küche setzt die Hildegard-Küche anstatt auf Weizen auf Dinkel als Haupt-Getreide. "Ungekreuzter Dinkel ist vollwertig, leicht verträglich und gut verwertbar. Was diesen zu einem gesunden Basislebensmittel, Aufbaunahrung für Kinder, Energiespender für Sportler und Stärkung für schwache Menschen macht", so Eisner. In der Hildegard-Küche finde der Dinkel in den unterschiedlichste Speisen Verwendung, von Brot und Mehlspeisen über Suppen mit Dinkelgrieß, als Dinkelreis und Dinkelnudeln bis hin zum Dinkelkaffee Verwendung. Das Hauptgemüse in der Hildegard-Küche sei Fenchel, der täglich als Tee, Gemüse oder Samen genossen, den Magen stärke, die Verdauung reguliere und die Gesundheit stabilisiere.

Als Hauptbaum gelte bei Hildegard die Edelkastanie mit ihren Früchten gegen jede Art von Schwäche. Die Hauptgewürze in der Hildegard-Küche seien laut Eisner Galgant, Quendel und Bertram. "Die antibakterielle Wirkung der Galgantwurzel beugt Entzündungen vor, das Quendelkraut hilft gegen Verschleimung und das Bertrampulver vertreibt alles Schlechte aus dem Körper." Als Universalheilmittel gelte unter den Kräutern der Wermut, unter den Tieren der Dachs und unter den Metallen und Steinen Gold.

Wenn auch Hildegard selbst die Bezeichnung "Küchengifte" nicht verwendete, sondern der Hildegardkenner Dr. med. Gottfried Hertzka (siehe Info) einführte, lehrte sie die ungesunde Wirkung mancher Pflanzen auf den Menschen. Zu ihnen zählte Hildegard Erdbeeren, Pfirsiche, Pflaumen und Porree. Grundsätzlich lehnte Hildegard auch Rohkost ab, in Form von Nahrung ohne Zusätze, ohne Gewürze sowie ungegarte Speisen.

In der Hildegard-Küche findet ein reicher Schatz an Kräutern Verwendung, die je nach Gericht und Geschmacksrichtung zum Einsatz kommen können und teils auch medizinische Bedeutung haben: Quendel, Bertram und Galgant, Bärwurz zur Blutreinigung, Bachminze zur Verdauungsförderung, Beifuß zur Durchblutung des Magens, Zwergbohnenkraut gegen Entzündungen, harntreibender Estragon als Mineralstofflieferant, Flohsamen als Salbung des Darms von innen, Salbei zur Entgiftung, Gartendill gegen Gicht- und Rheumabeschwerden, Diptamwurzel zur Herzstärkung, Unterstützung des Blutflusses und gute Cholesterinwerte, Krauseminze zur Magenerwärmung und zur Unterstützung der Verdauung, Kubebenpfeffer und Süßwurzel für ein fröhliches Gemüt, klares Denken und bessere Gehirnleistung, kreislaufanregender Rosmarin, Mariendistel und Ysop zur Unterstützung der Leber, Tausendgüldenkraut zur Knochenstärkung, beruhigende Zitronenmelisse und Zimt zur besseren Zuckerverdauung beispielsweise. Weiter empfiehlt Hildegard naturbelassenen Rohrzucker, Steinsalz, Weinessig und Sonnenblumen-, Kürbiskern- oder Walnussöl sowie Butter.

Johanna Eisner hat noch grundsätzliche Ernährungstipps nach Hildegard von Bingen: Die erste Mahlzeit sollte warm sein, alle anderen Speisen ebenfalls gekocht, gegart oder gebraten. Gesunde könnten ruhig erst später frühstücken oder dies sogar ausfallen lassen. Zwei bis drei Mahlzeiten am Tag würden ausreichen. Zu den Mahlzeiten dürfe getrunken werden. Nach dem Essen tue ein Spaziergang gut.

Mit Mus in den Tag

Eisner empfiehlt, mit einem warmen Habermus mit Dinkelschrot, Honig, Galgant, Bertram, Zimt und gehackten Mandeln sowie einem geriebenen Apfel plus Flohsamen und Zitronensaft in den Tag zu starten. Ein wohlschmeckendes Gericht zum Mittag und zur Abrundung des Tages eine "gute, warme Suppe" entspreche der Ernährungslehre der Hildegard.

Um Krankheiten vorzubeugen oder den Gesundungsprozess zu unterstützen, empfehle Hildegard, spezielle Entgiftungskuren zu machen wie beispielsweise Aderlass, eine Wermutwein-Kur im Mai, eine Wasserlinsenwein-Kur im Herbst und eine Hildegard-Fastenkur. Sie würden einen wichtigen Beitrag leisten, um den Körper von Schlacken zu befreien.

Die Tugendlehre der Hildegard kenne 35 Tugenden und Laster, so Eisner. Hier rät die Kemnatherin die Tugenden zu stärken und an den Lastern, für ein ausgeglichenes Seelenleben, zu arbeiten. "Wer sein Leben nach den Empfehlungen der Hildegard-Medizin ausrichtet, lernt, auf seinen Körper zu hören und seine Ernährung und sein Verhalten nach dessen Bedürfnissen auszurichten und somit ein achtsames Leben zu führen."

Hintergrund:

Dr. Gottfried Hertzka

Gottfried Hertzka (1913 bis 1997) war Doktor der Medizin und Begründer der sogenannten Hildegard-Medizin. Er übersetze 800 Jahre nach dem Tod von Hildegard von Bingen ihre lateinischen Texte ins Deutsche. Ihre Rezepte wendete er als Erster in der Neuzeit bei Menschen an. 1987 gründete er den „Förderkreis Hildegard von Bingen“. (dt)

Im Naturerlebnisgarten in Waldsassen bietet die Expertin Johanna Eisner regelmäßig Führungen zur Hildegard-Medizin an. Die nächste – und letzte in dieser Saison – ist am Sonntag, 29. September, um 14 Uhr.
Im Gegensatz zur traditionellen Küche setzt die Hildegard-Küche anstatt auf Weizen auf Dinkel als Haupt-Getreide.
Das Hauptgemüse in der Hildegard-Küche ist Fenchel, der täglich als Tee, Gemüse oder Samen genossen, den Magen stärken, die Verdauung regulieren und die Gesundheit stabilisieren soll.
Auch die praktische Umsetzung der Lehre der Hildegard von Bingen zeigt Johanna Eisner bei ihren Führungen.

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.