03.12.2020 - 10:00 Uhr
Oberpfalz

Heiligabend in Böhmen zur k. u. k.-Zeit

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Zwischen Tschechen und deutschsprachigen Bewohnern in Böhmen gibt es im 19. Jahrhundert bis zum 1. Weltkrieg nur wenige Unterschiede, wenn es um die Traditionen zu Weihnachten geht. Auf den Tisch kommen Karpfen, Golatschl und die "Annamerlbröih".

Winter in Paulusbrunn: Kirche und Pfarrhaus sind tief verschneit. Auch beim Pfarrer gab es einen Karpfen.
von Rainer ChristophProfil

Wenn sich draußen die Dämmerung über die Hügel des Böhmischen Waldes legte, der Böhmische Wind ums Haus heulte und der Schnee die Landschaft in ein Winterland verwandelte, dann kam der Heilige Abend über das Land. In der Zeit der k. u. k.-Doppelmonarchie, aber auch der ersten Tschechischen Republik, gab es zwischen Tschechen und deutschsprachigen Bewohnern in Böhmen nur wenige Unterschiede, wenn es um das Weihnachtsfest ging.

In der tschechischen Familie stand am festlichen Tisch ein Gedeck mehr. Der Grund: Es könnte ja noch ein Gast mehr dazu kommen. Heiligabend war für alle der schönste der Tage. Das tschechische Wort "Strĕdry den" bedeutet so viel wie "großzügiger Tag". Oft wurde der Weihnachtsbaum in den Häusern erst am 24. Dezember geschmückt.

Christbaum klauen

In der Ortschaft Brand (heute Milíre) im Kreis Tachau war es Brauch, den Christbaum schon früher zu besorgen. Es machte diebische Freude und war ein alter Brauch, das Bäumchen heimlich aus dem Wald zu holen. Das erforderte jedoch größte Sorgfalt. Wenn der Dieb dem Förster oder dem "Heger" (Gehilfe im Forstamt) in die Hände fiel, wurde das richtig teuer. Unter dem Christbaum durfte bei den bessergestellten Familien die Krippe nicht fehlen. Da gab es geschnitzte Figuren, aber auch Papier-Krippen, die eine große Tradition hatten.

Das tschechische Abendessen kam erst auf den Tisch, wenn es dunkel war. Es sollte aber nicht erst kommen, wenn schon die Sterne am Himmel blitzten. In den Häusern der böhmischen Walddörfer ging es an Heiligabend tagsüber geschäftig zu. Im Haus wurde alles vorbereitet, im Stall das Vieh geputzt. Alle Essensreste des Tages und des Abends wurden gesammelt, der Hausvorstand brachte sie um Mitternacht den Tieren im Stall. Machte dies der Knecht, sagte er dazu: "Dåu schickt enk da Baua aa woos von Halinga Åum(b)d!" Es kursieren auch die Geschichten, dass die Tiere in dieser besonderen Nacht sprechen konnten. Doch dazu musste man sich im Stall verstecken.

Fischschuppe bringt Glück

Tradition war bei beiden Volksgruppen der Karpfen, dieser Brauch ließ sich durch nichts ersetzen. In Mittelböhmen, mit der überwiegend tschechisch sprechenden Bevölkerung, wurde der Karpfen paniert und gebraten. Dazu gab es Kartoffelsalat. Davor wurde eine Fischsuppe gegessen. Eine Fischschuppe unter dem Teller sollte Glück bringen. Streng wurde auch darauf geachtet, dass es an diesem Tag kein Fleisch und keine Wurst gab. Heiligabend war ein strenger Fasttag im Kirchenkalender, das wurde eingehalten.

In Paulusbrunn, Galtenhof und den anderen Dörfern an der Grenze buk die Oma oder die Mutter das "Golatschl" aus einem Semmelteig. Bevor es in den Ofen kam, wurde der Teig zu einem Zopf geflochten oder zu einem Kranz geformt. Zu diesem Golatschl gehörte in den meisten Familien die "Annamerlbröih".

Die Bestandteile dieser "Brühe" waren Zwetschgen, Huzeln (getrocknete Birnensorte), Sirup, ein wenig Milch, ein Schuss Wein und - je nach Menge - ein paar Stamperl klarer Schnaps. Diese Mischung wurde aufgekocht und gerührt. Am Ende war eine köstliche Soße oder "Bröuih" entstanden. In diese wurden Stücke vom Golatschl getaucht. Ob diese Besonderheit heute noch jemand kann oder gar macht?

Soße aus Karpfenblut

Der Karpfen wurde in den Grenzdörfern gesotten. Aus dem Karpfenblut und weiteren Zutaten entstand eine rote Soße. War der Fisch paniert, gab es dazu Selleriesalat und im Fett heraus gebackene Kartoffeln.

Nach dem Essen durfte in beiden Volksgruppen der Nachtisch nicht fehlen. Bei der tschechischen Bevölkerung war der Apfelstrudel beliebt. Weit verbreitet war auch ein Weihnachtsbrot aus Hefe, zu einem Zopf geflochten.

Vor dem 1. Weltkrieg gab es vor Mitternacht noch eine Kleinigkeit zum Essen. Das altböhmische Gericht wurde "Kuba" genannt und bestand aus überbackenen Graupen, geräuchertem Fleisch und getrockneten Pilzen. In den Waldhäusern gab es nach dem Abendessen Tee oder Punsch, dazu verschiedene Kuchen, Nüsse und Obst. Die Fruchtreste streuten die Kinder unter die Obstbäume, damit sie im nächsten Jahr wieder eine reiche Ernte bringen sollten.

Bis heute hat der Mistelzweig an Weihnachten eine Bedeutung. Bis heute dürfen sich ein Junge und ein Mädchen unter einem Mistelzweig ungestraft küssen.

Goldenes Schweinchen

Wer das Fasten an Heiligabend einhält, der darf das "goldene Schweinchen" sehen, das ihm Glück und Gesundheit verspricht. Wenn ein Mädchen den Bäumen das Speiseopfer brachte, niederkniete, betete und dann horchte, aus welcher Richtung Hundegebell kam, sollte sie wissen, wer ihr Künftiger sei, beziehungsweise woher er komme. Eine bekannte Bauernregel half den Ernteertrag des kommenden Jahres einzuschätzen: "Christnacht viel Stern - viel Erdäpfel!"

Einen grenzüberschreitenden Aberglauben gab es schon immer. Da gibt es zum Beispiel die "Specht", eine Fruchtbarkeitsgestalt, die auf das Wachstum der Früchte Einfluss hatte. In der Oberpfalz war die Figur verschrien und verbreitete unter den Kindern Angst und Schrecken.

Am Heiligen Abend durften in den Scheunen von Paulusbrunn keine Dreschflegel oder andere Geräte aufgehängt sein, vor allem keine Wäsche. Wer sich nicht daran hielt, dem drohte im darauffolgenden Jahr ein Todesfall in der Familie. Das galt auch für die zwölf Raunächte von der Adventszeit bis Dreikönig.

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