Es ist ein Sonntagnachmittag im vergangenen Jahr: Irmgard Schaller (60) aus Heinersreuth sitzt allein vor ihrem Laptop. Sie kann es kaum erwarten, das, was sie ein paar Stunden zuvor von einem entfernten Verwandten aus Eschenbach zufällig erfahren hat, auszuprobieren. Aufgeregt ruft sie die Internetseite graebersuche-online.de auf, registriert sich, tippt den Namen ihres Großvaters in die Suchmaske ein und wartet ab. Das Ergebnis verschlägt ihr kurz die Sprache. Aber nur kurz, denn dann greift sie sofort zum Hörer und wählt die Nummer ihres Bruders - voller Vorfreude darüber, was sie ihm sagen wird.
Der Plan steht schnell, bis zur Umsetzung vergeht aber noch ein Jahr. Im Mai 2018 machen sich die beiden Geschwister dann zusammen mit ihren Ehepartnern Manfred und Cornelia auf ins nicht ganz 500 Kilometer entfernte Morhange in Frankreich. Fünf Stunden lang steuert die Familie auf ein Ziel zu, von dem sie hofft, dort endlich zu finden, wonach sie schon so lange sucht. Denn dort soll der verschollene Großvater Johann Gradl auf einem Soldatenfriedhof begraben liegen. Das hatte die Suche auf der Internetseite des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge ergeben.
Suche in Frankreich
Ein Namensbuch, das in einem Gedenkstein auf dem Friedhof verborgen lag, gibt die erste Gewissheit. Dort steht es Schwarz auf Weiß: "Gradl Johann, Infanterist, gestorben 20.8.1914, Kameradengrab". Ein älterer Mann, der den suchenden Blick der Geschwister bemerkt hatte, aber kein Deutsch konnte, hatte der Familie das Namensbuch gezeigt. Wenn er nicht gewesen wäre, hätten die Geschwister es wahrscheinlich nie gefunden, sagen sie. Als sie schließlich vor dem Kameradengrab stehen, das idyllisch unter dem Blätterdach von Eichen liegt, ist es vor allem Erleichterung, die die Geschwister spüren: Sie haben es geschafft, ihren toten Großvater zu finden. Sein Name steht zwischen tausenden anderen Buchstaben auf einer der Steintafeln - zwar mit einem "e" zu viel, "aber Gradl wird oft falsch geschrieben", meint Irmgard Schaller. "Es ist der Richtige."
"Für Irmi war es sehr bewegend", erinnert sich Norbert Gradl (58). Während ihr Bruder von den Gefühlen spricht, die sie alle übermannten, tupft sich seine Schwester verstohlen die Augen trocken. "Da müssen 100 Jahre vergehen", sagt er. Schon ihre Mutter Christine wollte immer wissen, was mit ihrem Schwiegervater Johann passiert ist, nachdem er in den ersten Kriegswochen am 20. August 1914 bei der Schlacht von Lothringen gefallen war. Der Vater, Ludwig Gradl, habe kaum darüber gesprochen, was mit seinem Vater - ihrem Großvater - passiert ist, erzählen die Geschwister. Interessiert habe es ihn bestimmt, aber zu tief habe vielleicht die Angst vor der Wahrheit und Trauer gesessen - auch, wenn Ludwig Gradl seinen Vater gar nicht gekannt hat. Denn seine Mutter Babette war mit dem kleinen Ludwig erst im dritten Monat schwanger, als ihr Mann Johann als Soldat des Ersatzbataillons des bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 7 Bayreuth bei Lothringen fiel.
Brief an Großmutter
Ob ihr Großvater gewusst hat, dass seine Frau mit dem kleinen Ludwig - ihrem Vater - schwanger war, das wissen Irmgard Schaller und Norbert Gradl nicht. Ein schlimmes Schicksal, mit dem ihre Großmutter leben musste: verwitwet, schwanger und keine Spur von ihrem toten Mann. Nur ein Brief der Kreisauskunftsstelle vom Roten Kreuz in Regensburg an Babette Gradl, in dem steht: "Wir hoffen, den Gesuchten bald zu ermitteln." "Man darf sich da nicht zu viele Gedanken machen, was von einem gefallenen Soldaten übriggeblieben ist", sagt Schaller. Nur feine rote Äderchen, die das Weiß der Augäpfel unterteilen wie Linien eine Landkarte, verraten, wie nah ihr das Schicksal ihrer Großeltern geht. Umso schöner ist es für die Geschwister nun, dass sie wissen, wo ihre Wurzeln begraben liegen - im wahrsten Sinne des Wortes. Als Erinnerung an diesen schönen Moment haben sie eine keimende Eichel von dem französischen Friedhof mitgenommen. Diese hatte zwar den trockenen Sommer in Heinersreuth nicht überstanden, aber die Familie will das Grab wieder besuchen und dann noch einmal ein Eichen-Pflänzchen mitnehmen - damit sie ihrem Großvater näher denn je sein kann.





















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