02.06.2020 - 15:02 Uhr
HirschauOberpfalz

110 Jahre alte Mariensäule in Hirschau ursprünglich dekoratives Brunnenbeiwerk

Das ganze Jahr hindurch fällt sie nur den Wenigsten auf. Nur einmal im Jahr, am 31. Mai, steht sie im Mittelpunkt: Die Mariensäule auf dem Bischof-Bösl-Platz nördlich der Hirschauer Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Ein Foto aus den 1920er-Jahren: Die Familie Schertl posiert neben der Mariensäule und dem Brunnen. Links das einstige Knabenschulhaus, rechts die damalige Sakristei der Pfarrkirche.
von Werner SchulzProfil

An der Hirschauer Mariensäule endet am letzten Mai-Abend normalerweise die Lichterprozession, mit der die Gläubigen nach der letzten Maiandacht den Marienmonat Mai beschließen. Zum Bedauern von Pfarrer Johann Hofmann konnte die Prozessions-Tradition wegen der Corona-Pandemie heuer nicht fortgesetzt werden.

Dabei hätte die Mariensäule heuer aus zwei Gründen besonderes Augenmerk verdient: Zum einen feiert sie ihren 110. Geburtstag. Zum zweiten kann dank der Recherchen von Stadtheimatpfleger Sepp Strobl die Entstehungsgeschichte des Denkmals nachvollzogen werden. Nun steht fest: Die Marienstatue ist ursprünglich ein dekoratives Beiwerk zu einem der zehn Brunnen, die es bis 1952 in der Hirschauer Innenstadt gab.

Ihre Existenz verdankt die Säule Stadtpfarrer Johann von Gott Hiederer, der von 1907 bis 1933 in der Pfarrei wirkte. Namens der Kirchenverwaltung stellte er am 27. Oktober 1909 an den Magistrat der Stadt den Antrag, „auf dem freien Platz zwischen Schulhaus & Kirche einen Brunnen herzustellen“.

Stadt Hirschau hat eine lange Geschichte

Tags zuvor hatte die Kirchenverwaltung getagt. Pfarrer Hiederer, so das Protokoll, hatte dabei erklärt, dass es schon längst ein Bedürfnis gewesen sei, in unmittelbarer Nähe der Kirche einen Brunnen zu besitzen. Zur Kirchenreinigung werde allwöchentlich viel Wasser gebraucht, das man ziemlich weit herholen müsse, entweder vom sogenannten Katzen- oder vom Rathausbrunnen. Ein besonders großes Quantum werde zu den Wasserweihen an den Samstagen, an Dreikönig sowie an den Kar- und Pfingstsamstagen benötigt. Auch für eine Brandgefahr sei ein Brunnen in unmittelbarer Nähe der Kirche nötig. Es sei ein günstiger Augenblick für die Brunnenherstellung gekommen, da für das Knabenschulhaus der Bau einer Waschküche geplant sei. Daher sollte der Brunnen zwischen Kirche und Schulhaus errichtet werden.

Die Kosten sollten zur Hälfte die Kirchenverwaltung und die Schulstiftung respektive der Stadtmagistrat tragen. Außerdem möge der Magistrat auf seine Kosten den Abwasserkanal an den städtischen Kanal im Westen der Kirche anschließen. Hiederer verwies darauf, dass der gegenwärtige Schulhauskanal seit über einem Jahr verlegt und schadhaft sei, daher ohnehin einer gründlichen Reparatur bedürfe. Die Stadt möge auch den Unterhalt des Brunnens übernehmen, da dieser den Charakter eines öffentlichen Stadtbrunnens erhalten werde. Pfarrer Hiederer erklärte sich bereit, die Kosten vorzustrecken, welche die Kirchenstiftung treffen. Nach und nach sollten sie durch Spenden gedeckt werden, so dass die Kirchenstiftung keine Auslagen habe.

Abschließend erklärt Pfarrer Hiederer, dass er gerne die Herstellungsarbeit leiten werde. Er gedenke, „später dem Brunnen einen dekorativen Charakter dadurch zu verleihen, dass er hinter demselben eine Marienstatue anbringen wird & so der öde Kirchenplatz durch diesen zu schaffenden „Marienbrunnen“ etwas belebt wird“.

1910 wurden die Projekte in die Tat umgesetzt. Jedenfalls ist auf dem 2,80 Meter hohen Betonsockel, auf dem die eineinhalb Meter hohe Statue steht, ein ovales Schild aus Kupfer angebracht mit der Aufschrift „Anno domini 1910“. Am Betonsockel finden sich die Jahreszahlen 1982 und 2000. Im Oktober 1982 warf ein Sturm die Mariensäule um. Dabei wurde die aus Keramik gefertigte Marienfigur komplett zertrümmert. Ein Wiederherstellen war unmöglich. Deshalb beauftragte 1982 der Stadtpfarrer Edwin Völkl den Weidener Bildhauer Günter Mauermann mit der Anfertigung einer neuen Statue. Sie wurde am 31. Mai 1983 zum Abschluss der Lichterprozession eingeweiht.

Im Laufe der Jahre verblasste die Marienfigur immer mehr. Stadtpfarrer Norbert Demleitner veranlasste im Jahr 2000 eine Restaurierung der Statue. Malermeister Josef Grünwald löste diese Aufgabe bravourös. Er verpasste der Patronin der Stadtpfarrkirche einen neuen, bis heute gut erhaltenen Farbanstrich.

Der Marienbrunnen war bis zum Jahr 1952 – wie neun weitere Brunnen in der Innenstadt – in Betrieb. Hirschau erhielt erst zu diesem Zeitpunkt die Wasserleitung. Um Geld zu sparen, holten viele ihr Wasser weiter aus den Brunnen – Grund genug für den Stadtrat, die Brunnen still zu legen, auch den Marienbrunnen.

Paul Freimuth, in den 1960er-Jahren Zweiter Bürgermeister der Stadt, posiert als Jugendlicher neben dem Marienbrunnen.
Die ursprüngliche Mariensäule. 1982 warf sie ein Sturm um. Dabei wurde die aus Keramik gefertigte Marienfigur komplett zertrümmert. Ein Wiederherstellen war unmöglich.
Maria ist die Schutzpatronin der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Nördlich der Kirche steht auf dem Bischof-Bösl-Platz eine Mariensäule. Sie feiert dieses Jahr ihren 110. Geburtstag, wie ein ovales Kupferschild mit der Aufschrift „ANNO DOMINI 1910“ belegt.
Angebot von Pfarrer Hiederer, hinter dem Marienbrunnen die Mariensäule zu errichten, um den „öden Kirchplatz“ etwas zu beleben.
Schreiben der Kirchenverwaltung vom 27. Oktober 1909 an Magistrat der Stadt wegen Errichtung eines Brunnens zwischen Pfarrkirche und Knabenschulhaus.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.