02.12.2021 - 14:17 Uhr
HirschauOberpfalz

6. Dezember 1956: Nach 130 Jahren das Aus für Hirschauer Steingutproduktion

Der 6. Dezember 1956 ist ein schwarzer Tag in Hirschaus Industrie- und Kulturgeschichte. Alois Luckscha, Geschäftsführer der „Hirschau Keramik GmbH“, musste Konkurs anmelden. 100 Arbeitskräfte verloren ihren Arbeitsplatz.

Am 18. April 1826 erteilte die Regierung die Konzession zur Steingutfertigung in Hirschau. Die Gesellschafter firmierten unter „Dorfner & Co“. Sie errichteten das Fabrikgebäude „an dem oeden Gemeindeplatz vorm oberen Thore an dem Punkte, wo sich die nach Amberg ziehende Vicinalstraße von der Prager Hauptstraße trennt.“ Teile des Gebäudes stehen noch an der Nürnberger Straße.
von Werner SchulzProfil
Am 6. Dezember 1956 kam nach 130 Jahren das Aus für die Steingutproduktion in Hirschau. Alois Luckscha, seit 1938 Geschäftsführer der „Hirschau Keramik GmbH“, musste Konkurs anmelden. 100 Arbeitskräfte verloren ihren Arbeitsplatz.
Vom 1. Juli 1894 bis 12. Oktober 1894 erbauten Josef Dorfners Söhne Hermann und Florian 300 Meter südlich der Stadt die neue Steingut- und Porzellanfabrik, die Firma „Gebrüder Dorfner“. Heute befindet sich dort die Firma Conrad Electronic.
In die Carstens-Periode fällt die Produktion eines besonderen Dekors in der Hirschauer Steingut-Geschichte – das Dekor mit der Nummer 106, das sog. „Asterndekor“. Es wurde ab 1921 „in die ganze Welt“ verkauft und war über Jahrzehnte der absolute Verkaufsschlager.

Die Dorfner-Ära (1816 – 1918)

Gut 130 Jahre lang war Hirschau weltweit für seine Steingutfabriken und deren Produkte bekannt. Am 18. April 1826 erteilte die Regierung die Konzession zur Steingutfertigung in Hirschau. Die Gesellschafter Josef Konstantin Dorfner, Karl Martin Dorfner, Heinrich Waffler und Johann Dietrich Meyer firmierten unter „Dorfner & Co“. Sie errichteten das Fabrikgebäude „an dem oeden Gemeindeplatz vorm oberen Thore an dem Punkte, wo sich die nach Amberg ziehende Vicinalstraße von der Prager Hauptstraße trennt.“ Die Firma beschäftigte 1828 schon über hundert Menschen. 1836 berichtete die Stadtverwaltung an das Landgericht Amberg, dass die Fabrik „den Thon aus Ehenfeld, den Sand aus Schnaittenbach, den Spat aus Böhmen, den Menig aus England und die Farben aus Schneeberg in Sachsen bezieht.“ 1859 schrieb Stadtpfarrer J.B. Kotz, dass die Firma „200 fleißigen Einwohnern von Hirschau Arbeit … gewährt.“ Zu dem Zeitpunkt gehörte das Unternehmen bereits alleine Josef Konstantin Dorfner. Nach seinem Tod 1860 fiel die Fabrik zu je einem Viertel an seine Söhne Johann und Michael und zur Hälfte an Sohn Josef. Er leitete bis 1894 die Geschäfte. Nach 1890 kam es zu innerfamiliärem Streit. Nach Klärung der Erbrechtsfragen wurde die Firma „Dorfner & Co“ aufgelöst. Vom 1. Juli 1894 bis 12. Oktober 1894 erbauten Josef Dorfners Söhne Hermann und Florian 300 Meter südlich der Stadt die neue Steingut- und Porzellanfabrik, die Firma „Gebrüder Dorfner“. 1913 ersteigerten sie die alte Steingutfabrik, 1918 wurde diese geschlossen.

Die Carstens-Periode (1918 – 1938)

1918 verkauften die „Gebrüder Dorfner“ ihre zwei Werke an die Firma „Chr. Carstens KG“, Deutschlands zweitgrößtem Keramikproduzenten. Nach dem Tod der Brüder Christian und Ernst Carstens führten dessen Söhne die Firma ab 1930 unter dem Namen „Chr. Carstens Steingutfabrik KG“ weiter. Die Carstens-Periode war durch die Weltwirtschaftskrise 1929, die große Arbeitslosigkeit der 1930er Jahre und die Einflussnahme der Nationalsozialisten geprägt. Dies spiegeln auch die Beschäftigtenzahlen der Fabrik wider: Um 1925 hatte sie 250 Beschäftigte, 1930 noch 170 und 1972 nur mehr 150. In die Carstens-Zeit fällt die Produktion eines besonderen Dekors in der Hirschauer Steingut-Geschichte – das sog. „Asterndekor“. Es wurde ab 1921 „in die ganze Welt“ verkauft und war Jahrzehnte der Verkaufsschlager. Der Erfolg ermöglichte es Carstens, namhafte Künstler und Keramiker wie z. B. Siegfried Möller (1923-1926 in Hirschau) oder Eva Striker-Zeisel (ca. 1 ¼ Jahre in Hirschau) zu gewinnen. 1936 griffen die Nazis in das Unternehmen ein. Sie erreichten einen neuen Gesellschaftervertrag. Unter Leitung von Oskar Reich (Geschäftsführer und Betriebsleiter) und August Forster (Fabrikleiter) wurde die bisherige Firma in die Firma „Hirschauer Keramik GmbH“ umgewandelt. Forster kündigte Ende 1936. Bald nach der Machtergreifung postierten sich SA- und SS-Gruppen aus Amberg vor dem Eingang der Steingutfabrik und kontrollierten diesen.

Die Luckscha-Periode

Warum die Söhne von Christian Carstens sen. die Hirschau-Keramik 1938 an den gebürtigen Magdeburger Alois Luckscha verkauften, ist ungeklärt. Bis Kriegsbeginn 1939 gab es einen kurzen Aufschwung. Dann fehlten im Betrieb Fachkräfte, da immer mehr Männer eingezogen wurden. Kohlen und Rohstoffe für die „Masseherstellung“ und Glasuren wurden knapp. Ein Großauftrag rettete die Firma: Ab 1940 wurden für die Sammlungen des „Winterhilfswerks“ Hunderttausende von Anstecknadeln hergestellt. Der Auftrag konnte dem Betrieb nur kurzzeitig über die Schwierigkeiten helfen. Während der Kriegsjahre arbeiteten auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in der Keramik. 1944 stand der Betrieb völlig still. 1945 kamen Hunderte von Flüchtlingen im Raum Hirschau an. Etwa die Hälft der Keramikbeschäftigen waren Heimatvertriebene aus Schlesien bzw. dem Sudetenland. Vor allem sie ermöglichten die Wiederaufnahme der Produktion am 1. Oktober 1946. Ab Juli 1949 lief sie in vollem Gange. Um 1955 hatte der Betrieb nach Zeitzeugenaussagen ca. 230 Beschäftigte. Ihren Lohn erhielten sie jeden Freitag ausbezahlt. Es waren stets ein paar Mark mehr in der Lohntüte als vereinbart. Für den Absatz der Firmenprodukte bedeutend war im Frühjahr und Herbst die Präsenz bei der Leipziger Messe. Dennoch nahte das Ende unaufhaltsam. Zwei Gründe waren besonders entscheidend: Kohlemangel und eine schwere Erkrankung Luckschas. Im November 1955 hatte man 14 Tage keine Kohle, obwohl man gute Aufträge hatte. Außerdem gab es zunehmend innerbetriebliche Probleme, weil sich Luckscha leichtfertig von erfahrenen Mitarbeitern trennte. Hinzu kam, dass man den Trend verschlafen hatte, rechtzeitig auf Porzellanprodukte umzustellen. Das weichere Steingut wurde spätestens in den 1950er Jahren vom härteren und widerstandsfähigeren Porzellan verdrängt. Am 6. Dezember 1956 kam das Aus der „Hirschau Keramik GmbH“. Alois Luckscha musste Konkurs anmelden.

Der Porzellanversuch Flückiger

Die Schweizerin Jeanette Flückiger kaufte 1957 die Fabrik günstig aus der Konkursmasse. Sie wollte Porzellan herstellen. Das Vorhaben erwies sich als problematisch, da die Brennöfen nicht für die benötigten höheren Temperaturen geeignet waren. Daher wurde zunächst ein kleinerer, 1958 zusätzlich ein größerer elektrischer Brennofen angeschafft. So konnten in geringem Umfang neben Sanitärkeramik auch Porzellangeschirre hergestellt werden. Eine Reihe von Mitarbeiter*innen aus der Luckscha-Periode fanden nochmal für ca. 1 ½ Jahre Arbeit im alten Betrieb. Im November 1958 brach in der Fabrik ein Großbrand aus. Erst nach zwei Stunden brachte man das Feuer unter Kontrolle. In dieser Zeit wurde der rechte Gebäudeflügel mit den Büro- und Lagerräumen ein Opfer der Flammen. Der Gesamtschaden wurde auf 400 000 DM beziffert. Der Gebäudeteil wurde zwar wieder aufgebaut, aber die Firma konnte sich nicht mehr erholen.

Exponate der in den Hirschauer Steingutfabriken produzierten Waren sind im Museum des Ehepaares Dieter und Renée Hoffmann, Hauptstraße 86, und im Ausstellungsraum des Festspielvereins beim Pflegschloss, Hauptstraße 1, zu besichtigen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.