10.10.2020 - 05:10 Uhr
HirschauOberpfalz

Unvergessen: Hirschauer Musikzug führt Steuben Parade in New York an

1975 ist ein außergewöhnliches Jahr in den Annalen des Musikzugs: Gründung der Majoretten, Umbenennung des Spielmanns- in Musikzug, 1. Marktplatzfest und – als Krönung – Teilnahme an der Steuben Parade in New York.

Vor dem New Yorker Rathaus hatte der Musikzug am 19. September 1975 seinen ersten Auftritt in einem anderen Erdteil. Tags darauf führten die 65 Hirschauer Spielleute die Steuben Parade mit 14 000 Teilnehmern an.
von Werner SchulzProfil

107 Hirschauer, unter ihnen 65 aktive Spielleute, flogen am 18. September zur größten Musikparade der USA über den großen Teich. Sie findet seit 1958 alle Jahre am dritten September-Samstag auf der Fifth Avenue in New York zum Gedenken an den deutschen General Freiherr von Steuben statt. Er wurde unter Oberbefehl George Washingtons zum Helden des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Die Parade 1975 war die bis dahin größte. Sie bildete den Auftakt zu den Feiern der deutschstämmigen Amerikaner zum 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten. Der Musikzug hatte am 20. September 1975 die Ehre, den Paradezug mit über 14 000 Teilnehmern anzuführen.

Mit der Steuben Parade zeigen die deutschstämmigen Amerikaner – alleine in New York leben ca. 500 000 – mit Festwagen und Gruppen, welche Verdienste sich die deutschen Einwanderer um die Gründung der USA erworben haben. Zugleich soll die gute Verbindung zwischen der „neuen“ und „alten“ Heimat zum Ausdruck kommen. Daher werden Gruppen aus der „alten“ Heimat eingeladen. 1975 gehörte auch der Musikzug dazu. Ein Mitglied des Organisationskomitees hatte ihn bei einem Auftritt erlebt und die Einladung veranlasst. Nach mehrmonatiger Vorbereitung machte sich der Musikzug mit Boss Sepp Uschold und Bürgermeister Willi Bösl auf die Reise. Damit diese für die Teilnehmer finanziell gestemmt werden konnte, hatte man das 1. Marktplatzfest durchgeführt und bei verschiedenen Stellen mit Erfolg um Finanzspritzen gebeten. So konnte man dem Reisepreis von ursprünglich 1025 DM auf 860 DM/Person drücken. Der spätere Musikzug-Vorstand Werner Stein erinnert sich: „Sogar Ministerpräsident Alfons Goppel hat 500 DM locker gemacht.“

Der erste Flug

Für die meisten Teilnehmer - einige noch im Kindesalter - war die Reise mit der Boing 707 der erste Flug. So mancher erinnert sich an die Aufregung, mit der man die Zeremonien auf dem Flugplatz München-Riem und auf dem Kennedy-Airport über sich ergehen ließ. Die Hirschauer wurden genau gefilzt. Besondere Probleme hatten Bürgermeister Bösl und der jüngste Mitreisende Heinz Bergmann. Das Stadtoberhaupt musste wegen seiner Armprothese nochmals durch das Kontrollgerät. Den kleinen Heinz hielt man für einen Ausreißer.

Nach elfeinhalb Stunden Flug erfolgte am Kennedy-Airport die offizielle Begrüßung durch den Vizepräsidenten des „German American Comitee of Greater New York“ George Pape. Dazu hatte sich eine Reihe Ex-Hirschauer eingefunden. Sie grüßten mit einem großen Plakat: „Herzlich willkommen Spielmannszug Hirschau“. Rasant ging es zum Taft-Hotel an der 7. Avenue, ein Hotel mit 3000 Betten und ca. 2000 Personen Personal. An dieses erinnert sich Heidi Scharl, als 12-Jährige die jüngste, ohne Begleitung Mitreisende: „Ich war das erste Mal ohne Eltern so weit weg. Meine Freundin Roswitha (sie war 13) und ich hatten im 8. Stock ein Doppelzimmer. Da passierte im Hotel Victoria gegenüber ein Mord und wir hatten ziemlich Angst alleine im Zimmer zu schlafen.“

Einen ersten Eindruck von der Weltmetropole erhielt man tags darauf bei der Stadtrundfahrt. Sie endete am New Yorker Rathaus. Dort wurde die Reisegruppe vom Kulturreferenten Dr. Seuffert im Namen von OB Dr. Beame begrüßt. Er war wegen der Trauerfeier für zwei ermordete Polizisten verhindert. Auf der Rathaustreppe hatte der Musikzug seinen ersten Auftritt in einem anderen Erdteil. Bürgermeister und stellv. Landrat Willi Bösl dankte für den herzlichen Empfang. Er überreichte Dr. Seuffert ein Präsent der Stadt und des Landkreises. Als Gegengeschenk erhielt er den „Goldenen Schlüssel der Stadt New York“ als Anstecknadel. Den Nachmittag nutzten die Hirschauer zum Besuch des Empire State Buildings und des UN-Gebäudes bzw. zu einem Stadtrundflug.

Absoluter Höhepunkt der Reise war die Teilnahme an der Steuben-Parade. Der Musikzug hatte die Ehre, den farbenprächtigen Zug mit über 14 000 Teilnehmern anzuführen. Hunderte von Musikkapellen und Spielmannszügen wechselten in bunter Folge mit Festwägen, Volks- und Trachtengruppen. Den Mittelpunkt bildeten historische Darstellungen auf Festwägen und in Gruppen, die vor allem die Pionierzeit der deutschen Einwanderer zeigten. Aus der Bundesrepublik waren rund 30 Folklore-Gruppen, Musikzüge und Kapellen mit von der Partie. Die Hirschauer erlebten einen großen, aber auch schweren Tag, dauerte die Parade doch viereinhalb Stunden. Hunderttausende säumten die Straßen. Die Haupttribüne befand sich an der Fifth Avenue. Ehrengast war der Bayerische Wirtschaftsminister Anton Jaumann. Die Hirschauer in ihrer schmucken Landsknechtstracht ernteten auf der ganzen Strecke frenetischen Beifall für ihr flottes Spiel. Heidi Scharl: „Die Avenues waren sooo breit. Das Marschieren war für mich gar nicht so einfach. Die Abstände zwischen den Musikern waren recht groß. Ich hatte damals noch sehr kurze Beine. Da war es für mich schwierig mitzuhalten. Alles war einfach aufregend!“

Empfang bei der Feuerwehr

Anschließend wurden die Hirschauer von der 17. Division der New Yorker Feuerwehr, deren Chef aus Göttingen stammte, eingeladen. Während des feuchtfröhlichen Zusammenseins musste der Musikzug immer wieder aufspielen, da der Feuerwehrchef zu gerne deutsche Marsch- und Heimatlieder hören wollte. Die Feuerwehr erwies sich als guter Gastgeber. Zum Abschied gab es für Bürgermeister Bösl den Feuerwehr-Ehrenhut.

Der Besuch des Musikzuges war zugleich Anlass für ein Heimattreffen in Amerika lebender ehemaliger Hirschauer. Dazu waren auch Karl Meier und Christian Leikermoser mit seiner aus Gebenbach stammenden Frau Elisabeth (geb. Kredler) eigens von Kanada nach Ney York geflogen. In einem Wienerwald-Restaurant herrschte bald urgemütliche Stimmung, die Robert Hierl und Rolf Mader durch flotte Musik anheizten. Bürgermeister Bösl überreichte allen Ex-Hirschauern eine Stadtchronik. Musikzug-Boss Sepp Uschold bedankte sich bei seinem seit Jahren in Amerika lebenden Schulkameraden Rudi Kugler, der den Hirschauern ein ausgezeichneter Reiseführer war, mit einem Ehrenkrug. Der lud postwendend Uschold und Bürgermeister Bösl zu einem Besuch in seinem amerikanischen Heim ein. Zum Abschluss des fünftägigen Aufenthalts unternahm die Besuchergruppe eine gemeinsame Bootsfahrt rund um Manhattan. Dann galt es Abschied zu nehmen von New York. Im Non-Stop-Flug ging es zurück nach München. Dort wartete eine Überraschung. Auf Vermittlung von MdL Dr. Hans Wagner (späterer Landrat) wurde der Musikzug zu einem Ständchen auf dem Oktoberfest vor dem Löwenbrauerei-Zelt eingeladen. Unter den Zuhörern war auch Staatssekretär Dr. Erich Kießl. Er gratulierte den Hirschauern zu ihren gelungenen Darbietungen. In Hirschau hießen 2. Bürgermeister Hans Dobmeyer und gut 2 500 Schaulustige die Heimkehrer auf dem Marktplatz mit stürmischem Beifall willkommen. 1997, so Werner Stein, habe man eine zweite Teilnahme an der Steuben Parade erwogen, den Gedanken aber wieder verworfen.

Cheforganisator der US-Reise war 1975 der Gründer und Boss des Musikzugs Sepp Uschold (links). Bürgermeister Willi Bösl (rechts) ließ es sich nicht nehmen, den Musikzug seiner Heimatstadt nach New York zu begleiten.
Der Musikzug hat schon dutzende Auftritte im europäischen Ausland absolviert. Die Teilnahme an der Steuben Parade 1975 ist bis heute der einzige auf einem anderen Kontinent. Links im Bild: Bernhard Gericke.
Den Auftritt des Musikzugs bei der Steubenparade nahmen ausgewanderte Ex-Hirschauer zum Anlass für ein kleines Heimattreffen. So reisten z.B. Christian Leikermoser (2.v.l.) und seine aus Gebenbach stammende Frau Elisabeth (geb. Kredler) eigens aus Kanada nach New York an. Mit ihnen im Bild: Klaus Forster (r.) und Robert Hierl (2.v.r.).
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