07.10.2020 - 14:54 Uhr
Hirschwald bei EnsdorfOberpfalz

"Grenzenlos", ein Heimatfilm aus Hirschwald

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1982 drehte Filmemacher Josef Rödl einen Heimatfilm in Hirschwald bei Ensdorf, ein Jahr später kam "Grenzenlos" ins Kino. Menschen, aus Hirschwald, die damals bei den Dreharbeiten dabei waren oder als Statisten mitwirkten, erinnern sich.

Bürger aus Hirschwald erzählen dem Ensdorfer Bürgermeister Hans Ram (links), wie es damals war, als in ihrem Ort ein Film gedreht wurde.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Josef Rödl stammt aus Parsberg bei Neumarkt. Als junger, ambitionierter Filmemacher dreht er 1982 einen Heimatfilm, der ein Jahr später in die Kinos kommen wird. Schauplatz ist ein Weiler in der Gemeinde Ensdorf: Hirschwald. "Genzenlos" handelt vom Landleben in den 1980er-Jahren samt all seiner Konventionen und dem angeblichen Unglück, das in der Stadt lauert. Und natürlich von der Liebe. "Ein schöner Film", urteilt mehr als drei Jahrzehnte später Hans Ram über das in seiner Gemeinde gedrehte Werk. "Auch wenn er in den Amberger Kinos keine Millionen eingespielt hat", scherzt Ram, seit 1. Mai Ensdorfs Bürgermeister.

Mit Hirschwaldern, die damals dabei waren, steht er unter dem Torbogen der einstigen Dependance der Wittelsbacher. Anton Reiser deutet auf Haken in der Wand. "Die sind von damals übrig", sagt er. Als hier die legendäre Amberger Silberbar nachgebaut wurde. Gedreht wurde auch auf Anton Reisers Grundstück. Regisseur Rödl hatte klare Vorstellungen, wie es dort ausschauen muss: ohne den Jägerzaun und die unzähligen Erdbeerpflanzen, dafür aber mit einem Stodl im Garten. "Ja, spinnt denn der?!", dachte sich Elisabeth Reiser.

Pater warnt eindringlich

Sie erzählt vom Ensdorfer Pater, der gegen das Projekt wetterte. "Fangt's nichts mit dem Film an, ihr landet alle vor Gericht": Seine Warnung an die rund 40 Einwohner des Weilers war eindeutig. Doch die ließen sich davon nicht beirren. Viele wirkten mit, als Statisten und Komparsen. "Beim Dorffest hat das ganze Dorf mitgetanzt", sagt Anton Reiser. Gedreht wurde von Ostern bis in den November rein, erinnert er sich. "Der Hauptdreh war im Sommer", erzählt sein Sohn Franz Josef. In jenem Sommer, in dem im Garten der Familie ein Stodl stand, circa 15 mal 10 Meter, mit Bretterboden, Schweinen und acht Kühen drin. Angela Reiser war damals 13 Jahre alt. An verschiedenen Stellen des Films ist sie zu sehen. Inmitten der Panik, die ausbrach, als der Stodl brannte und das Vieh raus getrieben werden musste. Und bei der Kirwa. Für die wurde extra ein kleines Karussell in Hirschwald aufgestellt. Sehr zur Freude der Kinder, die abends, wenn die Filmcrew weg war, darauf ihre Runden drehten. "Wir wussten ja, wie man es einschaltet", sagt Angela Reiser grinsend. Ebenso erinnert sie sich noch gut daran, dass die Kinder oft auf das Equipment der Filmcrew aufpassten - und dafür mit einer Tafel Schokolade entlohnt wurden. Für die Dreharbeiten wurde der kleine Ort Hirschwald aufgerüstet. Aufgestellt wurde eine Telefonzelle. Die Kirche hatte plötzlich einen eine Orgel. Und einen Beichtstuhl. Der Mesner kam zu seiner Rolle als Statist wie die Jungfrau zum Kind. Er war über die Straße gegangen, seine Frau mit dem Schubkarren hinterher. Rödl fand das gut - und der Mesner seinen Weg in den Film.

"So was wie die Handlanger"

Anton Reiser erzählt, dass abends das Rohmaterial nach Nürnberg gebracht und von dort nach Berlin zum Entwickeln geflogen wurde. Dann kam es zurück in die Oberpfalz zum Sichten. Wenn es nicht passte, musste der Dreh wiederholt werden, erinnern sich die Statisten aus Hirschwald. Das Haus der Reisers war Dreh- und Angelpunkt der Filmcrew. Wenn ein Hemd für einen Buben gebraucht wurde: Die Familie hatte eines. Oder Blumen für den Altar: Elisabeth Reiser schnitt sie in ihrem Garten ab. Wenn der Kaffee ausgegangen war, kochte sie einen. "Wir waren so was wie die Handlanger", scherzt Anton Reiser. Angela Reiser gesteht, dass sie Filme heute mit anderen Augen ausschaut. "Wenn man das miterlebt hat, weiß man, wie man elektrisch vernarrt wird", stellt Anton Reiser fest. Er schildert die Szene, in der ein Mann im Stodl runterfällt: "Das hat drei Tage gedauert, bis der unten war", sagt er und verrät ein Geheimnis: "Unten ist er eh nur als Puppe angekommen."

1982 hatte das Wirtshaus in Hirschwald schon geschlossen. Für seinen Film erweckte es Rödl wieder zum Leben. Nur fiktiv. Denn vor dem alten Dorfgasthof ließ er flugs eine Rigipswand aufziehen, eine Tür einbauen und eine Speisekarte aushängen. Das war so täuschend echt, dass ein Betonmischer-Fahrer dort einkehren wollte. In freudiger Erwartung eines Mittagessens öffnete der Mann die Tür - und stand hinter der Rigipswand vor einem Fenster. "Die Wirtshaus-Szene selbst wurde in Wolfsbach gedreht", erinnert sich Anton Reiser. "Und die Fronleichnamsprozession in Hohenburg", weiß seine Frau.

„Grenzenlos“ kam 1983 in die Kinos und stieß auf geteiltes Echo in der deutschen Presse, wie Willi Schmid, Besitzer des Hirschwalder Torhauses, recherchiert hat. Die Filmkritik in der Wochenzeitung „Die Zeit“ fiel äußerst positiv aus, im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hingegen war es ein totaler Verriss. Angela Reiser, die an mehreren Stellen im Film als Statistin zu sehen ist, war 13 Jahre, als „Grenzenlos“ anlief. Sie sah den Film in Amberg. Gedurft hätte sie es nicht. „Der Film war erst ab 16 freigegeben – wegen der amourösen Szenen.“ In Amberg sei „Grenzenlos“ mehrere Wochen gelaufen, erzählt die Frau aus Hirschwald, die noch etliche Zeitungsberichte von damals aufgehoben hat. Die Meinung in der Bevölkerung über „Grenzenlos“ reichte von „Ach ist der Film schön“ bis zu „So ein Schmarrn, das ist doch kein Heimatfilm“.

Abends, wenn die Filmcrew weg war, sind wir Kinder Karussell gefahren – wir wusste ja, wie man es einschaltet.

Angela Reiser

Angela Reiser

Einer der Hauptdarsteller damals war Sigi Zimmerschied, Schauspieler und Kabarettist. "Er kommt ab und zu vorbei", sagt Angela Reiser. "Er steht einfach da und klingelt." Jetzt kommt Regisseur Josef Rödl, der später einige Tatort-Krimis drehte, wieder in die Region: Wenn am Sonntag, 11. Oktober, ab 15 Uhr im Wittelsbacher Saal in Ensdorf sein Film "Grenzenlos" gezeigt wird. Wegen Corona ist die Zahl der Zuschauer auf 50 begrenzt. Wer noch teilnehmen will, muss sich unbedingt unter 09624/2942 anmelden.

Derzeit dreht Marcus H. Rosenmüller in der nördlichen Oberpfalz

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Ton-Double für eine Leiche

Die außergewöhnlichste Rolle im Film hatte Franz Josef Reiser. Er war das Ton-Double für eine Leiche. Selbige war nämlich per Leiterwagerl abtransportiert worden. Und weil sich ein leerer Leiterwagen beim Ziehen anders anhört als ein voller, wurde jene Szene nachvertont. Und dafür setzte sich Franz Josef Reiser in den hölzernen Wagen. „Ich bin im Film also nur indirekt zu hören“, scherzt er über seinen Beitrag zu „Grenzenlos“.

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