Stefan Mühleisen: Die deutsche Nationalmannschaft trägt seine Schuhe

Ein Tennismatch mit Novak Djoković, eine WG mit dem Neffen von Uli Hoeneß und aktuell bester Blick auf die DFB-Stars. Stefan Mühleisen aus Hohenkemnath hat viel zu erzählen. Etwa auch, dass die Nationalspieler seine Schuhe tragen.

In so einer Umgebung lässt es sich arbeiten. Stefan Mühleisen, der auch Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Amberg-Sulzbach ist, ist seit acht Jahren bei Adidas beschäftigt.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Wenn Stefan Mühleisen dieser Tage über das Adidas-Gelände geht, wo er seit acht Jahren arbeitet, ist es gut möglich, dass er dabei Joshua Kimmich, Mats Hummels oder Thomas Müller begegnet. Die deutschen Kicker haben zur EM ihr Quartier in Herzogenaurach aufgeschlagen. Doch der Kontakt zu internationalen Sportstars ist für den 40-jährigen Hohenkemnather schon lange keine Seltenheit mehr.

Der Sport zieht sich durch das ganze Leben von Mühleisen. In der Jugend kickte er für den FC Amberg, im Tennis schaffte er es bis in die höchste deutsche und englische Liga, unter anderem spielte er für den TC am Schanzl. Kurzum: Für Mühleisen war schon immer klar, dass er auch beruflich in der Sportbranche durchstarten möchte. Deshalb studierte er nach seinem Abitur am Max-Reger-Gymnasium Sportökonomie. Damals sagten ihm viele: „Mit dem Ausbildungsprofil wirst du nie einen Job bekommen“, erinnert sich der Hohenkemnather. Doch schon damals sei ihm klar gewesen, dass die Sportbranche professioneller werde.

Auf dem Platz mit Novak Djoković

Bereits in seiner Studienzeit knüpfte der heute 40-Jährige erste wichtige Kontakte, wovon er heute zahlreiche hat. Benjamin Hoeneß war damals sein Kommilitone und ein halbes Jahr WG-Mitbewohner. Dessen Vater Dieter Hoeneß dürften die meisten mit dem DFB-Pokal-Finale 1982 in Verbindung bringen, als er trotz Wunde und Turban am Kopf zwei Buden auflegte und eines selbst beisteuerte - mit dem Kopf.

Das war aber eine Zeit, in der Tennis noch mehr im Fokus von Mühleisen stand. Während seines Erasmus-Studiums in England spielte er für Newcastle. An Spieltagen, an denen Newcastle United (das Fußballteam) in der Premier League auf andere Vereine traf, saugte er die Atmosphäre auf: "Man hatte da schon am Vormittag das Gefühl, als ob der Boden bebt." Ein Semester schwang Mühleisen auch für die UCLA (die University of California in Los Angeles) den Schläger.

Nach Zwischenstationen bei BMW und Nike landete Mühleisen schließlich bei Adidas und schaffte es dort in die Tennis-Marketing-Abteilung zu wechseln. Dort, wo er immer hinwollte. Für Novak Djoković (aktuelle Nummer eins der Weltrangliste) entwarf er einen Schuh, führte Gespräche mit dessen Orthopäden, flog mit dem serbischen Tennisstar selbst nach Paris, um den Schuh direkt auf dem Sandplatz zu testen. "Ein Perfektionist", sagt der Hohenkemnather über Djoković und ergänzt: "Ich bin auch selber auf den Platz, weil ich gesagt habe: Ich habe auch mal ordentlich gespielt. Ich muss ausprobieren, ob dieses Fischgrätenprofil besser ist, als das andere." Wer so einen Job hat, muss selbst Ahnung vom Sport haben, betont Mühleisen.

Das alleine reicht aber noch lange nicht. An Sportartikeln zu arbeiten gleicht einer Wissenschaft. Ein Beispiel aus der Praxis gefällig? Wenn Ronaldo den Ball bei einem Freistoß Richtung Tor ballert, ist oft zu sehen, dass das Leser wild umherflattert. Das kommt daher, dass der Ball in der Vergangenheit mit Gas gefüllt worden ist, damit er auch wirklich rund wird. Ist das nicht der Fall, bekommt das Leder einen Schwerpunkt und die Flugbahnen werden berechenbarer. Die UEFA hat das vor einiger Zeit verboten. Jetzt dürfen die Bälle nur noch mit 0,8 bar Luft gefüllt werden. Weil sie aber mittlerweile so weiterentwickelt worden sind, dass sie trotzdem eine perfekte Rundheit erlangen, flattern viele Ronaldo-Freistöße auch jetzt noch. Bei Schuhen ist es nicht viel anders: Es muss getestet werden, wie sehr man sie belasten kann, wie viele Schritte damit ohne Verschleiß möglich sind. Adidas hat auf dem Areal spezielle Forschungslabore eingerichtet. Bis ein Schuh auf den Markt kommt, dauert es in der Regel 18 Monate, erzählt Mühleisen.

Er muss es wissen. Schließlich hat er nicht nur für Djoković einen Schuh entwickelt, sondern auch für die sogenannten "Top Five Fußballmannschaften" von Adidas: Real Madrid (bei denen Mühleisen sogar schon mal eine Woche hospitierte), Manchester United, Arsenal London, Juventus Turin und Bayern München. Wobei alle Freizeitschuhe auf den Markt gekommen sind, außer die des Rekordmeisters. "Ich bin wohl der einzige, der einen besitzt. Uli Hoeneß hat damals gesagt, er braucht so etwas nicht." Etliche Bayern-Spieler tragen trotzdem von Mühleisen kreierte Schuhe - denn auch für die die Nationalmannschaft zeichnet der 40-Jährige verantwortlich.

Bester Blick auf die Nationalmannschaft

Der Lohn für Mühleisens Engagement: Er stand dank seines Berufs nicht nur mit Tennisstars wie Djoković und Naomi Osaka (aus Japan, vier Siege bei Grand-Slam-Turnieren) auf dem Platz, sondern darf aktuell auch für einen der derzeit besten Fußballer einen Schuh entwerfen. Für wen? Noch streng geheim. Außerdem hat der 40-Jährige das Privileg, im Moment besten Blick auf die deutsche Nationalmannschaft zu haben. Von seinem Büro aus sieht er, wie Jogis Jungs jeden Tag zweimal auf dem unscheinbaren Fußballplatz trainieren. Am Montagvormittag dehnten sich Serge Gnabry und Co. etwas, der Bundestrainer sprach zu seinen Kickern, die im Anschluss Fußballtennis spielten. Emre Can versuchte dabei mehrfach, mit Fallrückziehern zu glänzen.

Wüsste man es nicht besser, könnte man auch vermuten, dass es die Anlage einer Kreisliga-Mannschaft ist: Ein Fußballfeld, ein unspektakulärer Fitnessraum, bei dem Milchglas dafür sorgt, dass niemand Einblicke bekommt - sonst nichts. Mühleisen verrät aber, dass die modernen Kabinen unterirdisch verbaut sind. Das Quartier der Spieler, der sogenannte Home Ground, ist geschätzt drei Minuten mit dem Fahrrad entfernt. In den Medien sind immer wieder Bilder von den Kickern auf den markanten blauen Fahrrädern zu sehen. Auf ihrem Weg zum Training überquerten die Spieler und Trainer dabei das Adidas-Areal. Deshalb kommt es vor, dass Mühleisen ihnen immer wieder begegnet. Was den Hohenkemnather sicherlich stolz machen dürfte: Die meisten tragen dabei die von ihm entworfene Freizeitschuhe.

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Blick über das Adidas-Areal mit dem sogenannten Home Ground im Vordergrund.
Stefan Mühleisen mit drei von ihm entworfenen Schuhpaaren.
Diese Schuhe hat Stefan Mühleisen für Real Madrid, Juventus Turin und die Gunners entworfen.
Diese Schuhe hat Stefan Mühleisen für Real Madrid, Juventus Turin und die Gunners entworfen.
Info:

Die Vita von Stefan Mühleisen

  • Abitur am Max-Reger-Gymnasium Amberg
  • Sportökonomie-Studium in Bayreuth; Auslandsaufenthalte in Newcastle und Los Angeles
  • Berufliche Zwischenstationen bei BMW und Nike
  • Seit acht Jahren bei Adidas
  • In der Jugend Fußballer beim FC Amberg
  • Unter anderem Tennisspieler beim TC am Schanzl Amberg
  • Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Amberg-Sulzbach

 

 

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