24.05.2021 - 16:33 Uhr
Irlbach bei HahnbachOberpfalz

Streuobstwiese: Ein Naturparadies von Menschenhand

Jakob List ist Bauer. Jahrzehnte betrieb den über 500 Jahre alten Hannerörtlhof in Irlbach bei Hahnbach. Heute zählen für ihn Nachhaltigkeit und Vielfalt in der Natur. Beides unterstützt er mit einem besonderen Projekt.

Jakob List in seinem Refugium: 36 Obstbäume am Rande des Dorfes sind wie eine Insel für Arten, die in einer intensiv bewirtschafteten Landschaft keinen Lebensraum mehr finden.
von Helga KammProfil

Eine kurze Regenpause im wechselhaften Frühjahr nutzt Jakob List, um auf seiner Streuobstwiese in Irlbach bei Hahnbach nach dem Rechten zu schauen. Auf der Grundwiese beim Totenweg zum Kreuzberg hinauf, der früheren "Höidwouh", hat er vor 25 Jahren 36 Hochstamm-Bäume gepflanzt, ein paar davon im Lauf der Jahre auch erneuert. "D' Wühlmais", sagt er, waren Übeltäter, die er aber in der Zwischenzeit erfolgreich bekämpft habe. Jetzt zeigt sich ihm im Sonnenschein ein schönes Bild. Die meisten seiner Bäume blühen, die Wiese ist voller Blumen, in den Bäumen summen und brummen Bienen und Hummeln. Für List hat sich erfüllt, was vor vielen Jahren mit Umdenken begann: für Nachhaltigkeit und Vielfalt sorgen, "nicht nur reden, sondern was tun".

Sogar ein "Resi-Apfel"

Bis 2005 hat Jakob List (68) mit seiner Frau Theresia (66) den Hannerörtlhof als Nebenerwerbs-Landwirt betrieben. Heute ist der Besitz auf einen Sohn übergegangen und wird jetzt Kulturlandhof List genannt. Arbeitslos ist der Senior aber nicht. Er ist nach wie vor BBV-Obmann, gehört zahlreichen Vereinen an, erarbeitet penibel die Geschichte seines Hofes und dessen früherer Bewohner. Und er kümmert sich um seine Streuobstwiese. "Für die bin nur ich zuständig", betont er, "und natürlich auch meine Frau."

Birnen, Zwetschgen, Ringlo

Auch Resi List kennt sich aus mit den einzelnen Sorten und führt Regie bei der Ernte. Sie organisiert die Verteilung des Obstes und weiß um die richtige Lagerung der Äpfel. Dass es auf der Streuobstwiese auch einen "Resi-Apfel" gibt, ist Zufall, freut sie aber. 70 Prozent der hochstämmigen Bäume auf der Streuobstwiese sind Apfelbäume; auf den anderen wachsen Birnen, Zwetschgen, Mirabellen und Ringlo. Es sind robuste, alte Sorten, die List vom Gartenbauer Lobinger in Neumühle gekauft und eigenhändig gepflanzt hat. Er habe einigen Grund als Bauland verkauft und wollte dafür der Natur etwas zurückgeben, schildert er seine Motivation. Auf keinen Fall sollten seine Enkel einmal sagen: "Opa, du warst a müßiger Fresser", sondern erkennen, dass er sich verantwortlich gefühlt habe für Natur und Umwelt.

Da im Erwerbsobstanbau alte Sorten zu verschwinden drohen, ist der Erhalt des wertvollen Kulturgutes mittlerweile auch Landschafts-und Naturschutzverbänden ein Anliegen. List hat für seinen privaten Einsatz viel offizielle Anerkennung bekommen. Aber auch Kritik einstecken müssen. "Was willst denn mit dene Haufn Obstbäum?", sei er gefragt worden. Vor allem die Apfelbäume bringen zwischen 10 und 30 Zentner Früchte im Jahr - je nach Wetter und Sonnenscheindauer. Sie liefern ohne chemische Spritzmittel ansehnliche Früchte, die geschmacklich sehr vielfältig sind.

Äpfel bis weit nach Weihnachten

Resi List versorgt damit zunächst ihre große Familie mit vier Kindern und mittlerweile zwölf Enkeln. Ein Teil der Ernte geht an die Edelsfelder Streuobstbauern. Ein anderer Teil wird bei einer Sammelstelle in Regensburg gepresst und von den Edelsfeldern als naturreiner Saft verkauft. Auch im Keller werden die Äpfel gelagert. "Bis weit nach Weihnachten können wir sie essen", schwärmt Resi List.

Die Streuobstwiese ist dem Paar eine Herzensangelegenheit. Ihre Bäume haben Namensschilder. "Eigentlich nur für die Besucher", schmunzelt Jakob List, "denn wir kennen sie ja, unsere Bäume." Wer über die Blumenwiese von Baum zu Baum wandert, kann ihre Namen lesen: Roter Boscop, Kaiser Wilhelm, Rheinischer Bohnapfel, Goldparmäne, Deppenheimer Philippsbirne, Gellerts Butterbirne, Graham-Jubiläumsapfel und andere.

Den Zeitaufwand für eine Streuobstwiese stuft List als gering ein. Zweimal im Sommer mähe er die Wiese, auf Pestizide und Düngung verzichte er. Das Gras wird zu Heu getrocknet und zu Margarete Jäkel, Besitzerin des Goglhof-Museums in Eberhardsbühl, gebracht. "Sie braucht es für ihre Ziegen", sagt Resi List, die zweimal täglich auf den Goglhof zum Ziegenmelken fährt. Jakob List erzählt, dass in trockenen Sommern die Bäume gegossen werden müssen. Die meiste Arbeit falle bei der Ernte an, aber da stünden auch Helfer bereit.

Kein Freund vom Baumschnitt

Ein Freund vom Baumschneiden ist Jakob List nicht. "Es ist noch kein Baum in den Himmel gewachsen", sagt er und verweist auf Obstbäume im Truppenübungsplatz: "Die sind 70 Jahre alt, sind noch nie geschnitten worden und tragen alle Jahre." Dass andere Obstbaum-Experten seine Einstellung meist nicht teilten, stört ihn nicht. "Das Hochwachsen überlasse ich dem Baum", sagt er. Ab und zu entferne er einen Ast, "wenn's sein muss".

Der Erhalt einer gesunden Natur ist dem Hannerörtl-Bauern nicht erst seit heute wichtig. Schon vor 30 Jahren hatte er am Rande seiner Felder vom Dorf bis hin zur Vils eine breite Schutzhecke angepflanzt. Mittlerweile ist es ein grüner Wall aus Feuerdorn, Hagebutten, Liguster, Holunder und Wildkirschen und ein Platz für Vögel und andere Tiere. In seinem Wald will List weg von Fichten und Föhren, hin zum Mischwald. Für "hervorragende Waldbewirtschaftung" wurde er ausgezeichnet.

Zeugnis des Glaubens

Dass zur Hände Arbeit auch der Segen von oben kommen muss, ist für die Lists selbstverständlich. Ein schmiedeeisernes Kreuz mit einem vergoldeten Corpus Christi an der Hofeinfahrt zeugt von ihrem Glauben. Ein weiteres Kreuz auf einem Findling aus dem Truppenübungsplatz haben beide am Fuße des Kreuzbergs errichten lassen. Die Inschrift weist auf das Ende des Totenweges hin, auf dem vor langer Zeit die Verstorbenen zum Gottesacker in Vilseck gebracht wurden.

Wie aus den Äpfeln der Apfelsaft wird

Sulzbach-Rosenberg

„Es ist noch kein Baum in den Himmel gewachsen.“

Jakob List

 

 

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